Die vergessene Botschaft Jesu Christi

Von Paul Kieffer

Was ist das Hauptthema der Botschaft Jesu Christi gewesen? Die Antwort vieler Menschen auf diese Frage wäre wohl dieselbe wie die des Norddeutschen Rundfunks. In einer dreizehnteiligen Sendereihe mit dem Titel „2000 Jahre Christentum“, die der Sender zu Beginn des Jahres 2001 ausstrahlte, wurde Jesus als jüdischer Wanderprediger bezeichnet, der der Welt eine Botschaft der Liebe brachte.

Es stimmt: Jesus sprach oft über die Liebe: die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. In den vier Evangelien des Neuen Testamentes – Matthäus, Markus, Lukas und Johannes – fordert Jesus seine Nachfolger mehr als 30mal auf, Gott und ihre Mitmenschen zu lieben. Es ist daher kein Wunder, daß die Menschen meinen, Liebe sei das Hauptthema der Botschaft Jesu gewesen.

Entgegen dieser weit verbreiteten Meinung sagt die Zeitschrift Gute Nachrichten: Liebe ist nicht das Hauptthema in den Reden Jesu Christi gewesen! Das Hauptthema seiner Botschaft nennen wir „Die vergessene Botschaft Jesu Christi“, der Titel des vorliegenden Artikels.

1855 schrieb der dänische Philosoph Sören Kierkegaard, daß das „Christentum des Neuen Testamentes einfach nicht existiert“. Fast 150 Jahre später ist Kierkegaards Feststellung immer noch wahr.

Das Christentum des Neuen Testamentes umfaßte nicht nur das Gemeindeleben der ersten Christen, sondern auch die Hoffnung auf ihre gemeinsame Zukunft. Diese Hoffnung wurde ihnen in den Predigten Jesu und seiner Apostel vermittelt. Wir finden sie im Neuen Testament.

Die Zeitschrift Gute Nachrichten will ihren Lesern helfen, die authentischen Lehren der ersten Christen neu zu entdecken – Lehren, die in den letzten 19 Jahrhunderten zum Teil in Vergessenheit geraten sind.

Der Prozeß des Vergessens fing bald nach der Gründung der neutestamentlichen Kirche an. Ein abgewandeltes Christentum mit einem anderen Evangelium wurde in den Jahrhunderten nach dem Ableben der ersten Christengeneration zu einer großen religiösen Bewegung. Der Historiker Charles Guignebert kommentierte diese Verwandlung folgendermaßen:

„Untersucht man die christliche Kirche zu Beginn des 4. Jahrhunderts, hat man manche Schwierigkeit, in ihr die Gemeinde der apostolischen Zeit wiederzuerkennen, ja, man wird sie gar nicht wiedererkennen können“ (Charles Guignebert, The Early History of Christianity, Seite 122, Hervorhebung durch uns).

Was predigte Jesus?

Was war das Hauptthema der Botschaft Jesu Christi? Lassen wir Jesus selbst die Frage beantworten. Was sagte er nämlich, als er anfing, öffentlich zu predigen?

„Nachdem aber Johannes gefangengesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,14-15; alle Hervorhebungen durch uns).

Das Reich Gottes als Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch die Reden und Gespräche Jesu Christi. Das Bibellexikon Zondervan Pictorial Encyclopedia of the Bible stellt dazu folgendes fest: „Das Wort ,Reich‘ kommt 55mal bei Matthäus, 20mal bei Markus, 46mal bei Lukas und 5mal bei Johannes vor. Berücksichtigt man dabei die Benutzung dieses Wortes für weltliche Königtümer und für die Parallelstellen mit gleichem Inhalt, wird der Ausdruck ,Reich Gottes‘ mit verwandten Ausdrücken wie ,Himmelreich‘, ,sein Reich‘ ca. 80mal benutzt“ (Band III, Zondervan Verlag, 1976, Seite 804).

Mit anderen Worten: Jesus Christus sprach fast dreimal so oft über das Reich Gottes wie über die Liebe! „Diese Statistiken zeugen von der großen Wichtigkeit des Konzepts in der Lehre Jesu ... Es kann daher kaum angezweifelt werden, daß der Ausdruck ,Reich Gottes‘ das Hauptthema seiner Lehre darstellt“ (ebenda, Seite 804).

In Matthäus 19, Vers 16 wurde Jesus gefragt, was man tun muß, um das ewige Leben zu erlangen: „Und siehe, einer trat zu ihm und fragte: Meister, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?“ Der Fragesteller, ein reicher Mann, war mit Jesu Antwort nicht zufrieden; er war anscheinend nicht willens, das zu tun, was Jesus ihm sagte. Daraufhin sagte Jesus: „Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme“ (Vers 24).

Ewiges Leben zu haben bedeutet also, in das Reich Gottes zu kommen. Jesus setzte das Erlangen des ewigen Lebens dem Eintreten in das Reich Gottes gleich. Wer nicht in das Reich Gottes kommt, erlangt folglich auch nicht das ewige Leben. (Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, die Lehre der Bibel über das ewige Leben zu behandeln. Wir weisen jedoch darauf hin, daß das Konzept der unsterblichen Seele nicht biblisch ist. Mehr Informationen dazu finden Sie in unseren kostenlosen Broschüren Nach dem Tode – was dann? und Himmel oder Hölle: Was lehrt die Bibel wirklich?.)

Das Reich Gottes war für Jesus so wichtig, daß er in der Bergpredigt seine Nachfolger ermahnt hat, das Reich Gottes als oberstes Lebensziel zu setzen: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“ (Matthäus 6,33).

Was ist das Reich Gottes?

Was meinte Jesus, als er vom Reich Gottes predigte? Ist das Christentum der heutigen Zeit das Reich Gottes auf Erden? Oder ist das Reich Gottes nur in einer großen Kirche vertreten? Oder ist das Reich Gottes, wie einige meinen, im Herzen gläubiger Menschen zu finden?

Diese verschiedenen Auslegungen über das Reich Gottes sind weitverbreitet. Im Wörterbuch wird das Wort Reich als Imperium oder Staat definiert. Ein Reich umfaßt daher verschiedene Elemente:

• ein Staats- oder Regierungsoberhaupt;

• Untertanen;

• ein Hoheitsgebiet.

Wer ist das Staats- bzw. Regierungsoberhaupt des Reiches Gottes? Jesus Christus wurde geboren, um ein König zu sein: „Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben“ (Lukas 1,31-33).

Am Tag seines Todes bestätigte Jesus diese Bestimmung seines Lebens: „Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König“ (Johannes 18,37).

Ca. 60 Jahre nach Jesu Tod bestätigte der Apostel Johannes, daß Jesus als König ein zweites Mal kommen wird: „Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß: Treu und Wahrhaftig, und er richtet und kämpft mit Gerechtigkeit ... und trägt einen Namen geschrieben auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte: König aller Könige und Herr aller Herren“ (Offenbarung 19,11. 16).

Wer sind die Untertanen im Reich Gottes? Dazu lesen wir in Offenbarung 11, Verse 15-17: „Und der siebente Engel blies seine Posaune; und es erhoben sich große Stimmen im Himmel, die sprachen: Es sind die Reiche der Welt unseres Herrn und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und die vierundzwanzig Ältesten, die vor Gott auf ihren Thronen saßen, fielen nieder auf ihr Angesicht und beteten Gott an und sprachen: Wir danken dir, Herr, allmächtiger Gott, der du bist und der du warst, daß du an dich genommen hast deine große Macht und herrschest!“

Jesus wird herrschen. Worüber wird er herrschen? In einer Vision durfte der alttestamentliche Prophet Daniel die Antwort auf diese Frage erfahren: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, daß ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende“ (Daniel 7,13-14). Das Reich Gottes ist also für alle Menschen bestimmt, ganz gleich welcher Nationalität sie sind oder welche Hautfarbe sie haben.

Am überraschendsten für alle, die nur das abgewandelte Christentum unserer Zeit kennen, dürfte die biblische Definition des Hoheitsgebietes vom Reich Gottes sein. Wo wird Jesus über alle Völker und Leute herrschen? Die meisten Christen meinen, sie würden nach dem Tode in den Himmel fahren. Die Bibel sagt aber nirgends, daß wir in den Himmel fahren. Statt dessen lehrt sie eindeutig, daß Jesus zur Erde zurückkehren wird:

„Und als er das gesagt hatte, wurde er zusehends aufgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg. Und als sie ihm nachsahen, wie er gen Himmel fuhr, siehe, da standen bei ihnen zwei Männer in weißen Gewändern. Die sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen“ (Apostelgeschichte 1,9-11).

Das Reich Gottes wird hier, auf der Erde, etabliert werden. Jerusalem wird die Hauptstadt dieses Reiches sein: „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, laßt uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem“ (Jesaja 2,2-3).

Jesus Christus wird der König, der oberste Herrscher im Reich Gottes sein; er wird über alle Nationen und Völker hier auf dieser Erde herrschen.

Vor Jesu Geburt vorhergesagt

Die Vision von dem zukünftigen Reich Gottes auf der Erde gab es schon vor Jesu Lebzeiten. Beispielsweise sagte der bereits erwähnte Prophet Daniel das Etablieren des Reiches Gottes voraus. Daniel lebte ca. 600 Jahre vor Jesu Geburt.

Daniels prophetische Tätigkeit begann, als der babylonische König Nebukadnezar im zweiten Jahr seiner Herrschaft einen beunruhigenden Traum hatte. Träume waren in der babylonischen Kultur sehr wichtig. Nebukadnezar war überzeugt, daß sein Traum von großer Bedeutung war.

Der babylonische Herrscher bat seine eigenen Zauberkünstler, ihm den Traum und dessen Bedeutung zu erklären. Sie konnten es jedoch nicht, denn die Zauberer kannten ja nicht einmal den Traum des Königs.

Gott inspirierte Daniel, sowohl den Traum selbst als auch seine Bedeutung zu offenbaren. Daniel erklärte die Einzelheiten von Nebukadnezars Traum und gab dem König einen erstaunlichen Vorausblick auf die Geschichte.

Der Traum ist kein trockenes, langweiliges Schriftwerk der Antike, denn er enthält großartige Nachrichten! Es sind Vorausmeldungen für uns heute, Meldungen über bevorstehende Ereignisse. Der Traum zeigt uns die Vision vom kommenden Reich Gottes und hilft uns, das Weltgeschehen zu verstehen.

In seinem Traum sah Nebukadnezar eine menschliche Gestalt. Diese Gestalt bestand aus vier unterschiedlichen Teilen. Jedes wurde durch ein anderes Metall versinnbildlicht: „Du, König, hattest einen Traum, und siehe, ein großes und hohes und hell glänzendes Bild stand vor dir, das war schrecklich anzusehen. Das Haupt dieses Bildes war von feinem Gold, seine Brust und seine Arme waren von Silber, sein Bauch und seine Lenden waren von Kupfer, seine Schenkel waren von Eisen, seine Füße waren teils von Eisen und teils von Ton“ (Daniel 2,31-33).

Das Bildnis versinnbildlichte vier aufeinanderfolgende große Reiche, die die politische Bühne der zivilisierten Welt über Jahrhunderte hinweg bestimmen würden. Der letzte Teil des vierten Reiches würde zur Zeit der Rückkehr Jesu Christi auf Erden bestehen, wenn das Reich Gottes aufgerichtet wird.

Daniels Interpretation gibt uns einen „Einblick in Gottes Plan über den Zeitraum bis hin zum letzten Triumph Christi“ und „präsentiert die vorbestimmte Nachfolge der Weltmächte, die den Nahen Osten bis zum endgültigen Sieg des Messias in den letzten Tagen beherrschen sollen“ (The Expositor’s Bible Commentary, Band 7, Seite 39, 46).

Daniel erklärte Nebukadnezar, daß sein babylonisches Reich durch den goldenen Kopf dargestellt wurde: „Du, König, bist ein König aller Könige ... Du bist das goldene Haupt“ (Verse 37-38).

Die silbernen, bronzenen, eisernen und tönernen Komponenten des Bildnisses bzw. der Statue repräsentierten drei mächtige Reiche, die dem mächtigen Babylon folgen sollten (Verse 39-40). „Das silberne Reich war das medo-persische, das mit Kyrus dem Großen begann, als er 539 v. Chr. Babylon eroberte ... Dieses silberne Reich herrschte über zwei Jahrhunderte im Nahen und Mittleren Osten“ (ebenda, Band 7, Seite 47).

„Das bronzene Reich war das von Alexander dem Großen gegründete griechisch-mazedonische Reich ... Das bronzene Reich dauerte ca. 260 bis 300 Jahre, bevor es von dem vierten Reich ersetzt wurde ... Eisen steht für Härte und Rücksichtslosigkeit und beschreibt das Römische Reich, das seine weiteste Ausdehnung unter der Herrschaft Trajans erfuhr“ (ebenda; der römische Kaiser Trajan regierte 98 bis 117 n. Chr.).

Die chronologische Reihenfolge der Reiche, die durch das Bildnis dargestellt werden, sollte also von oben bis unten betrachtet werden. Oben Babylon, gefolgt von Persien, Griechenland und zum Schluß – unten – Rom.

In seinem Traum sah Nebukadnezar, wie das Bildnis an seinen Füßen von einem Stein getroffen wurde: „Das sahst du, bis ein Stein herunterkam, ohne Zutun von Menschenhänden; der traf das Bild an seinen Füßen, die von Eisen und Ton waren, und zermalmte sie“ (Daniel 2,34).

Die Füße des Bildnisses sind Teil des vierten „Weltreichs“. Diese Füße und ihre zehn Zehen stellen eine endzeitliche Phase des vierten Weltreichs dar. Dazu heißt es in dem Bibellexikon The Expositor’s Bible Commentary: „Vers 41 handelt von einer späteren Phase oder Erweiterung dieses vierten Reiches, versinnbildlicht durch die Füße und zehn Zehen“ (Seite 46).

Jesus kehrt zur Erde zurück, zu der Zeit, wenn die „Könige“, die durch die Füße und Zehen versinnbildlicht werden, herrschen werden. Diese Füße werden von dem Stein getroffen und zerschlagen, der das Reich Gottes versinnbildlicht (Vers 34).

„Aber zur Zeit dieser Könige wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird, und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst wird ewig bleiben, wie du ja gesehen hast, daß ein Stein ohne Zutun von Menschenhänden vom Berg herunterkam, der Eisen, Kupfer, Ton, Silber und Gold zermalmte“ (Verse 44-45).

Nebukadnezars Traum enthält die gute Nachricht vom kommenden Reich Gottes! Dieses Reich wird ewig bestehen und alle menschlichen Regierungen ablösen.

Das Reich Gottes wurde also Jahrhunderte vor dem Auftreten Jesu vorhergesagt. Jesus hat darüber gepredigt und auch seine Jünger beauftragt, dieselbe Botschaft zu predigen. Die Bibel ist beständig in ihrer Betonung des Reiches Gottes als Lebensziel für Christen. In den vier Evangelien und in den anderen apostolischen Schriften wird es als Lebensbestimmung für Gläubige einfach vorausgesetzt.

Warum ist das Reich Gottes heute aber die vergessene Botschaft Jesu Christi?

Es dauerte nicht lange nach der Gründung der neutestamentlichen Kirche, bis ein abgewandeltes Christentum mit einem anderen Evangelium zu einer großen religiösen Bewegung wurde. Dazu gehörte die Abkehr von dem Reich Gottes, das Jesus bei seiner Rückkehr etablieren wird. Diese Abkehr war zum Teil eine Folge der Annäherung zwischen dem römischen Staat und der Kirche des späteren Christentums. Die Annäherung zwischen Staat und Kirche bedeutete die Einstellung der staatlichen Christenverfolgung. Dabei gewann der Gedanke an die scheinbare Permanenz der Kirche als Institution an Bedeutung. Es galt, die Institution Kirche zu verteidigen.

Der Kirchenlehrer Augustinus vertrat als erster die Auffassung, die Kirche als empirisches Gebilde sei das Reich Gottes, das bereits mit Christi erstem Erscheinen begonnen habe. Danach bestehe das Reich Gottes auf Erden, es sei also schon angebrochen. Mit dieser augustinischen Lehre wurde die Notwendigkeit einer Rückkehr Christi zur Erde, wie in der Bibel klar beschrieben, quasi aufgehoben.

Dazu der Historiker Edward Gibbon: „Als der große, stattliche Bau der [römischen] Kirche fast fertig war, wurde ... die Lehre über die Herrschaft Christi auf der Erde ... als absurde Erfindung der Ketzer und Fanatiker verworfen“ (Verfall und Untergang des Römischen Reiches, Seite 234).

Dies war jedoch nicht die Lehre der ersten Christen: „Ganz gleich, wie die Lehre [vom Reich Gottes] von ihren späteren Verteidigern revidiert worden sein mag, sie beinhaltete nie das Konzept der irdischen Vervollkommnung der Kirche als geistliche Entwicklung; die millennialische Herrschaft ist kein idealer Zustand der Welt, der durch das jetzige Wirken geistlichen Saatguts vor oder unabhängig von dem zweiten Kommen Christi geschaffen wird. Statt dessen ist sie ein übernatürlicher Eingriff in diese Welt hinein, die nicht darauf vorbereitet ist und ihm Widerstand leisten wird“ (The New Schaff-Herzog Encyclopedia of Religious Knowledge, Grand Rapids, Michigan, 1953, Band VII, Seite 374).

Trotz dieser Abkehr von der wahren Botschaft Jesu wird das Reich Gottes doch noch gepredigt werden. Wenige Tage vor seinem Tode wurde Jesus von seinen Jüngern nach den Zeichen seiner Rückkehr gefragt.

In seiner Antwort erwähnte Jesus u. a. das Predigen dieses Evangeliums vom Reich Gottes: „Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen“ (Matthäus 24,14). Die vergessene Botschaft Jesu Christi über das Reich Gottes wird in unserer Zeit gepredigt. Diese Botschaft ist die herrliche Vision einer friedvollen Welt, in der die Menschen die Segnungen Gottes erleben werden.

Die Prophezeiungen der Bibel beschreiben eine Zeit, wenn „das Land ... voll Erkenntnis des Herrn sein [wird], wie Wasser das Meer bedeckt“. Endlich wird der Mensch von der Geißel des Kriegs befreit werden: „Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Jesaja 2,4).

Wie wird das möglich sein? Nun schließt sich der Kreis, weil die Liebe, die Jesus predigte, in dem Reich Gottes praktiziert werden wird. Gott wird den Menschen sein Gesetz ins Herz und in den Sinn schreiben und sie so befähigen, miteinander in Frieden zu leben. Durch den Neuen Bund wird die ganze Menschheit den Segen des Gehorsams gegenüber ihrem Schöpfer erleben.

Die Heilige Schrift beschreibt diese kommende Zeit als weltweite Idylle: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, daß man zugleich ackern und ernten, zugleich keltern und säen wird. Und die Berge werden von süßem Wein triefen, und alle Hügel werden fruchtbar sein“ (Amos 9,13); „Ich will Wasserbäche auf den Höhen öffnen und Quellen mitten auf den Feldern und will die Wüste zu Wasserstellen machen und das dürre Land zu Wasserquellen“ (Jesaja 41,18).

Jesus betonte die Notwendigkeit, sich auf das Reich Gottes vorzubereiten. Dadurch können wir das Potential erreichen, das Gott für uns Menschen vorgesehen hat. Deshalb ermahnt uns Jesus eindringlich, das Reich Gottes als oberstes Lebensziel zu haben: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“ (Matthäus 6,33).

Warnung vor Veränderungen im Glauben

Ist es möglich, daß das Christentum in vergangenen Jahrhunderten radikal verändert wurde? Obwohl es überraschend erscheinen mag, warnten Jesus Christus und seine Apostel vor Veränderungen, die in der Kirche stattfanden. Handelte es sich dabei um leere Worte, oder sagte Christus eine subtile aber tödliche Bedrohung für die Religion voraus, die seinen Namen trägt?

Jesus sprach eine ernsthafte Warnung gegenüber seinen Nachfolgern aus: „Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe“ (Matthäus 7,15). Seine Warnung ergänzte er wie folgt: „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Wunder getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter“ (Verse 21-23).

Jesus wußte, daß etliche den Gehorsam vortäuschen werden, aber ihre Taten (Früchte) offenbaren ihre wirklichen Motive. „Was nennt ihr mich aber Herr, Herr, und tut nicht, was ich euch sage?“ (Lukas 6,46; alle Hervorhebungen durch uns).

Wie kann dies möglich sein? Kurz vor seinem Tode beschrieb Jesus gegenüber seinen Jüngern die Trends, die kurze Zeit nach seinem Tode eintreten und sich schließlich in der Zeit unmittelbar vor seiner Rückkehr zur Erde zuspitzen werden. Er warnte vor falschen Propheten, die „viele verführen [werden]“ (Matthäus 24,11). Viele von diesen falschen Propheten werden in seinem Namen kommen und behaupten, ihn zu vertreten (Vers 5), doch werden sie in Wirklichkeit ein falsches Evangelium predigen.

Christus stellte klar, daß die Verführung durch eine Betonung seiner Person begleitet wird. Die falschen Propheten werden zu Recht lehren, daß Jesus der Messias ist. Trotzdem werden sie viele verführen. Im Kern geht es bei der Verführung um den Gehorsam (Lukas 6,46), denn die Anbetung Jesu Christi beinhaltet immer das Halten der Gebote Gottes. Die Verführer werden auch als „falsche Christusse und falsche Propheten“ auftreten und „große Zeichen und Wunder tun, so daß sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten“ (Matthäus 24,24).

Fing diese große Verführung in der Kirche an, wie Jesus sie vorausgesagt hatte? Ja, das tat sie. Der Apostel Paulus gab diese traurige Prophezeiung an die Gemeinde zu Ephesus heraus: „Denn das weiß ich, daß nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch kommen, die die Herde nicht verschonen werden. Auch aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes lehren, um die Jünger an sich zu ziehen“ (Apostelgeschichte 20,29-30).

Indem er feststellte, daß „sich schon das Geheimnis der Bosheit [regt]“, spiegelte Paulus die Worte Jesu über diejenigen wider, die Jesu Lehre entstellen werden, um die Gesetzlosigkeit zu lehren – den Ungehorsam gegenüber den Anweisungen im Gesetz Gottes (2. Thessalonicher 2,7).

Auch der Apostel Petrus warnte vor diesem verführerischen Einfluß in der frühen Kirche: „Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch sein werden falsche Lehrer, die verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn, der sie erkauft hat“ (2. Petrus 2,1).

Angesichts dieser Warnungen wären wir gut beraten, die Ursprünge des heutigen Christentums zu untersuchen, um festzustellen, ob diese Trends in der Tat die Kirche – und möglicherweise auch unseren Glauben – beeinflußt haben!

– GN Januar-Februar 2003 PDF-Datei dieser Ausgabe

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