Jerusalems Tempelberg
als Mittelpunkt des Konfliktes
Interview mit Dr. Leen Ritmeyer
Gute Nachrichten: Erzählen Sie
uns in wenigen Worten, warum Jerusalem aus biblischer Sicht so
wichtig ist.
Leen Ritmeyer: Jerusalem wurde als Standort
von Gott ausgewählt. Er schickte nämlich Abraham
„in das Land Morija“ [1. Mose 22,2], an die
Stelle des späteren Tempelbergs. Dort sollte Abraham
seinen Sohn Isaak opfern als Vorausschau auf das Opfer Jesu
Christi. Als Mose die Israeliten ins Gelobte Land führte,
sagte Gott ihm, daß er einen Ort bestimmen wollte, damit
„sein Name daselbst wohne“ [5. Mose 12,11]. Es
ist also der einzige Ort in der ganzen Bibel, den Gott zu
diesem Zweck ausgesondert hat.
Die Geschichte setzt sich mit David, der dort den ersten
Altar errichtete, und Salomo, der den Tempel baute, fort.
Jerusalem war die zentrale Stätte der Anbetung Gottes:
Dort sollten sich alle Israeliten dreimal im Jahr versammeln,
um die großen Feste Passa, Wochenfest [Pfingsten] und
Laubhüttenfest zu halten. Für sie war es die einzige
Stätte der Anbetung.
GN: Für drei monotheistische
Weltreligionen ist Jerusalem heilig: Judentum, Christentum und
Islam. Aus welchem Grund ist Jerusalem für Muslime
heilig?
LR: Es geschah im 7. Jahrhundert, als Kalif
Omar in Israel eindrang. Zu jener Zeit eroberten die Muslime
den ganzen Nahen Osten und stießen auch nach Europa
vor.
Bis dahin gehörten den Muslimen die beiden heiligen
Stätten, Mekka und Medina, die durch die Präsenz
Mohammeds etabliert wurden. Als Kalif Omar Jerusalem einnahm,
entstanden alle möglichen Legenden. Er wollte das
Allerheiligste des jüdischen Tempels finden. Später
verknüpfte man das Allerheiligste mit der Legende, wonach
Mohammed nach Jerusalem reiste und von dort aus, auf seinem
Pferd sitzend, in den Himmel fuhr.
Deshalb wurde eine dritte heilige Stätte des Islams
festgelegt, um der Himmelfahrt des Propheten Mohammed zu
gedenken. Anfangs beteten die Muslime in Richtung Jerusalem,
aber später orientierte man sich nach Mekka. Der Felsendom
wurde ca. 700 n. Chr. gebaut, die al-Aksa-Moschee wurde
erst später errichtet. Es gab zwar zahlreiche
Renovierungen, aber beide Bauten haben sich nicht groß
verändert.
GN: Danach schien Jerusalem viele
Jahre lang den Muslimen nicht so wichtig zu sein. Was hat sich
daran geändert?
LR: In der Tat spielte Jerusalem
gegenüber Mekka und Medina sozusagen die zweite Geige.
Seit der Staatsgründung Israels eskaliert der Konflikt
zwischen Arabern und Juden immer weiter. Es gibt eine
Stätte, den Tempelberg, die den Muslimen als
drittheiligste und den Juden als einzige heilige Stätte
gilt.
Freilich wissen wir anhand der Bibel und sogar durch die
Archäologie, daß die Juden lange vor den Muslimen
dort waren. Obwohl sie zur Zeit nur eine Minderheit in Israel
sind, beanspruchen die Muslime nicht nur dem Tempelberg,
sondern ganz Israel für sich. Der Anspruch der Juden
läßt sich viel weiter zurückverfolgen, zu
biblischen Zeiten, aber die Muslime wollen das nicht wahrhaben.
Andererseits behaupten die Muslime, daß sie seit 1300
Jahren im Lande sind und deshalb niemand das Recht habe, ihr
Land zu besetzen.
Der Tempelberg wird immer mehr zum Mittelpunkt des Problems.
Die Arbeiten, die die Muslime heute am Tempelberg
durchführen, sollen ihren Anspruch auf das Areal festigen
helfen.
Sie verwandeln unterirdische Bauten wie das „Goldene
Tor“ [ein kammerartiges Tor, das König Herodes bauen
ließ] und die „Ställe Salomos“ [eine
massive Fläche aus der Zeit von Herodes und den
Kreuzzügen, welche man früher irrtümlicherweise
dem König Salomo zuschrieb] in Moscheen.
Unter dem Vorwand der Instandsetzung zerstören sie bzw.
decken sie die Überreste des jüdischen Tempels zu,
weil sie leugnen, daß es eine jüdische Präsenz
auf dem Tempelberg überhaupt jemals gegeben hat.
GN: Widerspricht das aber nicht der
Meinung früherer muslimischer Fachleute, die den
Tempelberg als Standort des salomonischen Tempels
anerkannten?
LR: Ja, gewiß. Gerade deshalb wollte man
dort den Felsendom bauen. Kalif Omar erkundigte sich besonders
nach dem Standort des Tempels, um einen Schrein zum Gedenken an
die Himmelfahrt Mohammeds zu errichten.
GN: Wie ist es dazu gekommen,
daß die Muslime die Kontrolle über den Tempelberg
ausüben und alles andere in Jerusalem den Israelis
unterstellt ist?
LR: Im 1967er Sechstagekrieg rangen die
Israelis die gesamte Altstadt, zu der auch der Tempelberg
gehört, den Jordaniern ab. Damals redeten einige Israelis
davon, die Moscheen niederzureißen und den Tempel wieder
aufzubauen. Die israelische Regierung hingegen fürchtete
sich, sollte dieses Vorhaben umgesetzt werden, vor der
internationalen Reaktion.
Deshalb tragen die Israelis Verantwortung für die
Altstadt mit Ausnahme des Tempelberges, den sie den Muslimen
überlassen haben. Das bedeutet jedoch nicht, daß sie
tun und lassen können, was sie wollen. Sie haben das
Recht, das ihnen von Israel gewährt wird, zur
Ausübung ihrer Religionsfreiheit, zur Anbetung und Zugang
zu ihren heiligen Stätten, obwohl die Muslime ihrerseits
in den letzten Jahren Nichtmuslimen den Zutritt zum Tempelberg
untersagt haben. Damit halten sie ihre Vereinbarung nicht
ein.
Die ganze Altstadt ist freilich auch eine
archäologische Zone. Nach dem Gesetz darf niemand ohne
archäologische Aufsicht graben. In den letzten Jahren
mißachten die Muslime dieses Gesetz mit ihrer
Tätigkeit am Tempelberg.
GN: Können Sie uns diese
Tätigkeit am Tempelberg aus archäologischer Sicht
kommentieren?
LR: In den letzten Jahren ist das Areal der
„Ställe Salomos“ ins öffentliche
Interesse gerückt. Damit ist ein großer
unterirdischer Saal gemeint, der Bauten aus der Zeit von
Herodes, den Muslimen und den Kreuzfahrern umfaßt. Davon
sind manche 2000 Jahre alt.
Um ihren Anspruch auf den Tempelberg zu festigen, verwenden
die Muslime diverse unterirdische Bauten als religiöse
Stätten ndash; besonders die „Ställe
Salomos“. Dieses unterirdische Areal war lange Zeit
offen, aber kürzlich entschieden sie, es in eine Moschee
umzuwandeln.
Das Problem liegt darin, daß sich der Zugang zu diesem
großen unterirdischen Areal, das bis zu 10 000
Personen fassen kann, auf eine einzige enge Treppe
beschränkte. Sollte irgend etwas passieren, wäre ein
Entkommen unmöglich. Deshalb brauchten sie einen viel
größeren Eingang zu dieser unterirdischen
Kammer.
Sie wußten, daß sie dafür nie eine
Baugenehmigung bekommen würden. Im Geheimen, mitten in der
Nacht, gruben sie eine Fläche aus, ca. 30 m im
Quadrat und 10 m tief. Mit Planierraupen hoben sie viel
Erde aus und ließen alles auf Hunderten von Lastwagen
abtransportieren, um eine große Treppe zu bauen, die zu
ihrer Kammer hinabführt. Damit haben sie nicht nur viele
archäologische Gegenstände zerstört, sondern
auch ndash; den Steinen nach zu urteilen, die aus der Grube
entfernt wurden ndash; eine große Mauer. Meiner Ansicht
nach handelt es sich um eine Mauer, die ca. 700 v. Chr.
von König Hiskia gebaut wurde.
Durch diese Ausgrabungen ist viel zerstört worden.
Archäologen haben in der Regel nichts gegen das Graben,
wenn man dabei die Dinge, die freigelegt werden, bewahrt. Mit
Planierraupen zu arbeiten ist jedoch etwas ganz anderes. In dem
Schutt, der in einem nahegelegenen Tal ausgekippt wurde, fand
man schöne Bruchstücke von Toren, die Teil des
herodianischen Tempelgeländes waren. Man kann sie zwar
photographieren, aber man weiß die Stelle nicht, an der
sie freigelegt wurden.
Es wurden auch viele große Bausteine aus Kalkstein
gefunden, die aus wichtigen jüdischen Bauten stammen. Die
Fundorte sind jedoch verschwunden. Als die Grube fertig war,
fingen sie an, die altertümlichen Funde zuzudecken, so
daß man gar nicht wissen kann, was sie alles
zerstört haben. Manche Bausteine wurden zerlegt, damit man
sie als Pflastersteine verwenden konnte.
Es ist eine traurige und gesetzeswidrige Situation. Trotz
der Proteste vieler Archäologen und der Petitionen an die
Regierung wurde nichts unternommen, um dies zu stoppen.
GN: In diesem Fall hatte die
Motivation zumindest teilweise mit der Zerstörung von
Beweisen einer jüdischen Präsenz am Tempelberg zu
tun?
LR: Ja. Von früheren Begutachtungen der
„Ställe Salomos“ wissen wir, daß es dort
eine altertümliche Arche und viele herodianische Steine
gibt. Innen sieht man an der südöstlichen Ecke die
Überreste herodianischer Fenster, die Teil eines Turms
waren.
In die Südmauer eingebaut ist ein schön verzierter
herodianischer Stein mit Reben und einem geometrischen Muster.
Wir wissen heute nicht, was aus ihnen geworden ist.
GN: Welche Bedeutung hat der
Tempelberg für religiöse Juden?
LR: Für die meisten religiösen Juden
ist es der einzige Ort, an dem sie Gott nach dem mosaischen
Gesetz anbeten können. Viele Israelis interessieren sich
nicht besonders für den Tempelberg, und die Vorstellung,
daß man Tiere opfert, widert sie an.
Es gibt auch eine große Gruppe religiöser Juden,
die weiß, daß sie Gott nach dem mosaischen Gesetz
nicht anbeten kann, es sei denn, daß sie einen Tempel
hat. Zwei Organisationen, die „Temple Mount
Faithful“ [„Die Gläubigen des
Tempelbergs“] und das „Temple Institute“,
bemühen sich verzweifelt um die Anbetung auf dem
Tempelberg. Sie fertigen die priesterlichen Gewänder, die
goldenen und silbernen Gefäße, die silbernen
Posaunen und den goldenen Leuchter an. Sie sind bereit, morgen
dort anzubeten! Jedenfalls bis auf den Altar, der ihnen noch
fehlt.
Angesichts der gegenwärtigen Umstände werden sie
keinen Altar noch sonst etwas bauen dürfen. Ihr
letztendliches Ziel ist die Errichtung eines Tempels. Das ist
noch problematischer, weil der Felsendom auf der Stelle steht,
wo einst der frühere jüdische Tempel stand.
Sie wissen deshalb, daß sie von sich aus keinen Tempel
bauen können. Wie zur Zeit der Rückkehr aus dem
babylonischen Exil, als Serubbabel und Josua als erstes einen
Altar bauten, wollen sie mit dem Bau eines Altars anfangen. Sie
glauben, daß der Messias, sobald sie den Altar gebaut und
mit dem Opfern begonnen haben, kommen wird, um ihnen beim Bau
ihres Tempels zu helfen.
Jedes Jahr versuchen sie, einen Eckstein auf den Tempelberg
zu bringen, um mit der Anbetung zu beginnen. Außerdem
versuchen sie, einige der alten Rituale durchzuführen. Vor
einigen Jahren haben sie das Passalamm auf dem Berg Zion
geopfert. Diese Leute drängen nach der Möglichkeit,
Gott nach ihrem Verständnis anzubeten.
GN: Sie könnten also auch ohne
einen Tempel mit den Opfern beginnen, wenn sie nur einen Altar
hätten?
LR: Ja, das stimmt. Der Altar wird immer vor
dem Tempel fertiggestellt. Noah baute einen Altar. Abraham
baute einen Altar. David baute einen Altar. Erst danach wurde
der Tempel gebaut. Der Tempel wurde als Haus für die
Bundeslade gebaut. Nun haben sie heute keine Bundeslade, aber
durch Opferriten glauben sie eine Beziehung zu Gott herstellen
zu können.
Deshalb wollen sie als erstes den Altar bauen. Sie sind
überzeugt, daß sie ihn nur dort bauen können,
wo der ursprüngliche Altar stand. Sie glauben, daß
der Altar, den Herodes der Große bauen ließ und der
70 n. Chr. zerstört wurde, genau an der Stelle stand,
an der auch die Altäre von David und Abraham gestanden
haben. Mir ist es gelungen, diese Stelle exakt festzulegen
ndash; östlich des Felsendoms.
GN: Sind diese Leute in bezug auf
den Standort des Tempels zum gleichen Schluß gekommen wie
Sie bei Ihren Recherchen?
LR: Ja, wir sind einer Meinung. Seit Jahren
recherchiere ich den Standort des Tempels. Ich habe
nachgewiesen, so glaube ich, daß man den Umriß der
Grundmauern des Allerheiligsten vom Tempel Salomos an dem
Felsen erkennen kann, der sich im Innern des Felsendoms
befindet.
Die Mehrheit der Archäologen hat sich meiner Ansicht
angeschlossen. An der Stelle, wo ich das Allerheiligste geortet
habe ndash; ein Quadrat von 20 Ellen ndash;, sieht man die
Vertiefung, die Salomo zur Unterbringung der Bundeslade
fertigen mußte. Die Bundeslade konnte nicht angewinkelt
stehen, sie mußte in würdevoller Stellung waagerecht
stehen. Das alles blieb bis heute erhalten.
Nach anderen Gesichtspunkten soll der Tempel entweder
nördlich oder südlich des Felsendoms gestanden haben.
Ich glaube, daß diese Ansichten eher mit dem Wunschdenken
zu tun haben, einen Tempel bauen zu können, ohne den
Felsendom abreißen zu müssen ndash; das würde
den nächsten Weltkrieg auslösen! Die meisten
Archäologen lehnen diese Meinung ab, ebenso die
religiöse Gemeinde der Juden. Diese Juden glauben,
daß der Tempel einst dort stand, wo der Felsendom heute
steht. Deshalb werden sie an keiner anderen Stelle einen Tempel
bauen.
Wenn man vom christlichen Standpunkt aus der
Überzeugung ist, daß wir in den letzten Tagen leben
und daß die Juden einen Altar bauen werden, gibt es nur
die Möglichkeit, daß Muslime und Juden eine
Übereinkunft erzielen, mit der Frieden für dieses
unruhige Land gewährleistet wird.
Beim Propheten Daniel, in Kapitel 11 und 12, liest man
über den Bund und über Opferriten. Es ist ganz gut
möglich, daß den Juden erlaubt wird, einen Altar zu
bauen und die Opferriten wiedereinzuführen, kurz vor der
Wiederkehr des Messias. Warten wir es ab, wir werden sehen, wie
sich alles entwickelt.
GN: Dr. Ritmeyer, wir danken Ihnen
für dieses Gespräch.
Wer ist Leen Ritmeyer?
Leen Ritmeyer ist ein archäologischer Architekt, Dozent
und Lehrer. Er ist wahrscheinlich der herausragendste Experte
in bezug auf die Architektur und die Archäologie des
Jerusalemer Tempelbergs, Standort der von Salomo und Serubbabel
erbauten Tempel. Von besonderem Interesse ist der zweite Tempel
(von Serubbabel), der von Herodes dem Großen im
großen Stil erweitert wurde und Jesus, seinen Aposteln
und den ersten Christen bekannt war.
Dr. Ritmeyer war an mehreren umfangreichen Ausgrabungen in
Jerusalem beteiligt, bei denen er die Lagepläne
vorbereitete und nachgezeichnete Grafiken anfertigte. Seine
Illustrationen wurden in vielen Büchern, Bibelatlassen und
Fachzeitschriften veröffentlicht. Seit seiner Promotion an
der University of Manchester hat er in England bzw. Europa,
Israel und den USA referiert. Zur Zeit unterrichtet er am
Heritage College in Adelaide, Australien.
Zu den Büchern, die er selbst schrieb oder zu denen er
einen Beitrag leistete, gehören The Temple and the
Rock (1996), Secrets of Jerusalem’s Temple
Mount (1998), From Sinai to Jerusalem (2000) und
Jerusalem in the Year 30 A.D. (2004).
– GN März-April 2005

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