Das Buch der Offenbarung:
Geschichte und Prophetie
Viele sehen die Offenbarung als geheimnisvolles Buch
voller seltsamer Symbole und Bilder. Es hat aber einen klaren
und bestimmten historischen Hintergrund.
Von Mario Seiglie
In unserer längeren Serie „Die Bibel und
Archäologie“ haben wir die Bibel von 1. Mose
bis zu den Apostelbriefen behandelt und uns dabei mit den
überraschenden archäologischen Funden, die den
biblischen Bericht bestätigen und erhellen, eingehend
befaßt. Mit diesem Artikel schließen wir diese
Serie mit einem Blick auf archäologische und historische
Belege zum letzten Buch der Bibel, der Offenbarung, ab.
Viele sehen das Buch der Offenbarung, manchmal auch
Apokalypse genannt, als ein geheimnisvolles Buch voller
seltsamer Symbole. Es hat aber einen klaren und bestimmten
historischen Hintergrund. Der Apostel Johannes, der sie unter
der Inspiration durch Jesus niederschrieb (Offenbarung 1,1),
erwähnt, wo sie geschrieben wurde und daß sie sich
an sieben Gemeinden in Kleinasien richtet.
Wie läßt sich die Beschreibung dieser Orte mit
Entdeckungen aus der Geschichte und der Archäologie
vergleichen?
Ins Exil nach Patmos
Wir erfahren von Johannes, daß er die Offenbarung von
der Insel Patmos (Vers 9) aus niederschrieb, die sich in der
Ägäis etwa 65 km vor der Küste Kleinasiens
(der heutigen Türkei) befindet. Patmos ist eine kleine
Insel von nur 62 km² mit einem hufeisenförmigen
Küstenverlauf.
War es im Römischen Reich üblich, Gefangene auf
eine Insel zu verbannen? Der römische Historiker Tacitus
(56-120 n. Chr.) erwähnt in seinem Buch
Annalen den Brauch, politische Gefangene auf kleine
Inseln zu verbannen (Abschnitt 3,68; 4,30; 15,71).
Patmos, eine felsige, vulkanische und nur dünn
besiedelte Insel, eignete sich sehr gut für die Entsendung
von Gefangenen. Die Verbannung war eine schreckliche Strafe,
die oft mit Auspeitschungen der gefesselten Gefangenen vor dem
Abtransport verbunden war. In der Verbannung mußten sie
jahrelang Schwerstarbeiten in Steinbrüchen verrichten. In
seinem fortgeschrittenen Alter war das für Johannes
sicherlich eine schreckliche Strapaze. Er jedoch bezeichnet es
als eine Ehre, an „der Bedrängnis und am Reich und
an der Geduld in Jesus“ teilhaben zu können
(Vers 9).
Während der Zeit von Johannes’ Exil,
traditionsgemäß 94-96 n. Chr., verzeichnet die
Geschichte gewalttätige Christenverfolgungen unter der
Herrschaft des römischen Kaisers Domitian (81-96
n. Chr.). Dieser Despot erklärte sich zum Gott und
forderte Anbetung von seinen Untertanen, mit Ausnahme der
Juden. Das bedeutete, daß jedes Familienoberhaupt einmal
im Jahr vor den Behörden zu erscheinen hatte, um Weihrauch
für den Kaiser anzuzünden und öffentlich zu
erklären: „Der Kaiser ist der Herr.“
Diejenigen, die sich weigerten, wurden als Verräter
gebrandmarkt und entweder zum Tode verurteilt oder in die
Verbannung geschickt.
Da die Christen nur den Herrn Jesus Christus anerkannten,
wurden sie gnadenlos verfolgt. Johannes, der letzte noch
lebende Apostel von den Zwölfen, wurde anscheinend aus
diesem Grund verbannt.
Eine Botschaft an die sieben Gemeinden
Während seines Aufenthaltes auf Patmos erhielt Johannes
eine lange und komplexe Vision von Jesus mit der Anweisung:
„Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an
die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach
Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach
Philadelphia und nach Laodizea“ (Vers 11). Wie zutreffend
sind laut Archäologie und Geschichtsforschung die
Beschreibungen dieser in der Offenbarung erwähnten sieben
Städte?
Interessanterweise nutzte Jesus einige der Charakteristiken
jeder dieser Städte, um deren Gemeinde geistlich zu
beurteilen und die Geschichte seiner Kirche bis zu seiner
Wiederkehr prophetisch darzulegen.
Die erste Gemeinde: Ephesus
Die Hafenstadt Ephesus war nur eine kurze Strecke von Patmos
entfernt. Deshalb hätte man leicht einen Brief dorthin
schicken können, der dann an die übrigen von Christus
erwähnten Städte weitergeleitet werden konnte.
Archäologen haben die Überreste der römischen
Straßen ausgegraben, die von Ephesus bis nach Laodizea
führten. „Es ist kein Zufall“, bemerkt John
McRay, „daß die Briefe in Offenbarung 1-3 in dieser
Reihenfolge angeordnet sind. Mit Ephesus als Anfang verliefen
Straßen in einem geographischen Halbkreis, zuerst nach
Norden, dann nach Osten und weiter südwärts nach
Laodizea – und verbanden so die Städte in einer
Weise, die dem Verlauf einer antiken Poststrecke
entsprach“ (Archaeology and the New Testament,
1997, Seite 242).
Der Apostel Paulus hatte in Ephesus eine große
Gemeinde gegründet. Nun wandte sich Jesus an die dortigen
Christen mit einer prophetischen Botschaft, die auf sie zutraf
und gleichzeitig eine Vorhersage über die Zukunft der
Kirche enthielt. Jesus sagte Johannes: „Schreibe, was du
gesehen hast und was ist [zur gegenwärtigen Zeit]
und was geschehen soll danach [in der Zukunft]“
(Vers 19, alle Hervorhebungen durch uns). Ein Teil der
Botschaft der Offenbarung galt also der Zeit des Johannes, ein
weiterer Teil war hingegen für zukünftige
Generationen bestimmt.
Christus erkannte das Bemühen der Gläubigen in
Ephesus an, trotz vieler Hindernisse am Glauben festzuhalten.
„Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine
Geduld“, sagte Jesus, „und weiß, daß du
die Bösen nicht ertragen kannst“ (Offenbarung
2,2).
In Ephesus gab es viel Übel, das es zu vermeiden galt
– innerhalb und außerhalb der Gemeinde. Paulus
hatte bereits die dortigen Ältesten der Gemeinde gewarnt:
„Denn das weiß ich, daß nach meinem Abschied
reißende Wölfe zu euch kommen, die die Herde nicht
verschonen werden. Auch aus eurer Mitte werden Männer
aufstehen, die Verkehrtes lehren, um die Jünger an sich zu
ziehen“ (Apostelgeschichte 20,29-30).
Zudem mußten die Gläubigen in Ephesus den vielen
Versuchungen standhalten, die ihnen die sehr beliebte
Götzenanbetung im heidnischen Tempel bot. Archäologen
haben in Ephesus die Ruinen eines der sieben Weltwunder der
Antike entdeckt, den Tempel der Diana (Artemis), der auch in
der Bibel erwähnt wird. Tausende von Priestern und
Priesterinnen dienten im Tempel; viele der Priesterinnen
widmeten sich auch der kultischen Prostitution.
Jahrhunderte zuvor beschrieb Heraklit, ein ephesischer
Philosoph, die Einwohner als „nur des Ertränkens
würdig, und der Grund warum [sie] nie lachen oder
lächeln konnten war, daß [sie] inmitten einer solch
schrecklichen Unreinheit lebten“. Dies war der Ruf des
antiken Ephesus. Es wäre für einen Christen schwierig
gewesen, inmitten einer solchen sittenlosen Stadt zu leben.
Dies wissend, gibt Christus den Ephesern Hoffnung darauf,
daß sie, wenn sie in ihrem Glauben standhaft bleiben,
etwas erhalten werden, was ihnen all die Tempelanbetung der
Diana niemals geben konnte – das Geschenk des ewigen
Lebens. „Wer überwindet“, verspricht er,
„dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens
[symbolisch für das ewige Leben], der im Paradies Gottes
ist“ (Offenbarung 2,7).
Smyrna: Zentrum der Kaiseranbetung
Die nächste Stadt auf der alten Poststrecke war Smyrna,
etwa 65 Kilometer nördlich von Ephesus. Es war eine
blühende Stadt das führende Zentrum der
Kaiseranbetung. Jesus teilt der Gemeinde von Smyrna mit:
„Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst!
Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis
werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in
Bedrängnis sein zehn Tage“ (Offenbarung 2,10).
Diese Worte hatten nicht nur eine prophetische Bedeutung,
sondern auch eine Erfüllung in den Tagen des Johannes. Die
Gläubigen in Smyrna wußten, daß sie unter
Domitian eine Zielscheibe für Verfolgung darstellten, denn
die Stadt hatte in ihrer Geschichte eine unerschütterliche
Loyalität zu Rom gezeigt. Die Einwohner waren stolz
darauf, daß Smyrna zur „freien Stadt“
erklärt worden war, was bedeutete, daß ihre Bewohner
das Recht zur Selbstverwaltung hatten.
„Lange bevor Rom die unbestrittene Herrin der Welt
war“, merkt William Barclay an, „hatte Smyrna sich
bereits mit ihr verbündet und hielt in fester Treue zu
ihr. Cicero [ein römischer Redner] nannte Smyrna ,eine
unserer treuesten und ältesten Verbündeten‘ ...
So stark war die Verehrung Smyrnas für Rom, daß sie
bereits im Jahre 195 v. Chr. als erste Stadt der Welt
einen Tempel für die Göttin Roma errichtete“
(Letters to the Seven Churches, 1957, Seite 29).
Die einzige Möglichkeit, wie Christen sich an diesem
Ort unbehelligt aufhalten konnten, bestand darin, daß sie
ein Zertifikat mit sich trugen, das bestätigte, daß
sie dem Kaiser Weihrauch geopfert und ihn zum Herrn
erklärt hatten. Unter den antiken Papyrusbriefen, die
Archäologen gefunden haben, befindet sich einer mit einer
entsprechenden Bitte und ein weiterer mit einem begleitenden
Zertifikat, in dem erklärt wird: „Wir, die
Repräsentanten des Kaisers, Serenos und Hermas, haben Dich
Opfer darbringen sehen.“
Viele Christen in Smyrna fanden wegen der strengen
Verfolgung den Tod. Christus ermutigte sie deshalb und
erinnerte sie daran, daß er ihnen etwas anbot, was die
Kaiseranbetung niemals bieten konnte – die Chance, ewig
zu leben. Er ermahnte sie: „Wer überwindet, dem soll
kein Leid geschehen von dem zweiten Tode“ (Vers 11).
Pergamon: „Wo Satans Thron ist“
Als nächste Stadt auf der römischen Poststrecke
kommt Pergamon, die römische Hauptstadt Kleinasiens. Diese
Stadt sollte nie die wirtschaftliche Größe von
Ephesus oder Smyrna erreichen, aber sie war das unbestreitbare
Zentrum der religiösen, medizinischen und
künstlerischen Kultur der Region. Die berühmte
Bibliothek der Stadt mit über 200 000 Pergamentrollen
fand höchstens in der Bibliothek von Alexandria in
Ägypten ihresgleichen.
Christus sagt der Gemeinde von Pergamon: „Ich
weiß, wo du wohnst: da, wo der Thron des Satans
ist“ (Offenbarung 2,13). Erneut hatte diese Prophezeiung
eine buchstäbliche Erfüllung und diente gleichzeitig
als eine Beschreibung zukünftiger Zeiten für die
Kirche.
Die Erwähnung von Satans Thron in Pergamon bezieht sich
höchstwahrscheinlich auf die berühmte Anbetung seiner
beliebtesten Gottheit, des Schlangengottes Asklepios Soter
[Äskulap], dessen lateinisches Äquivalent „die
die Menschen unterrichtende Schlange und Erlöser“
bedeutet. Der Schlangengott war kein anderer als Satan, den die
Offenbarung als „die alte Schlange, die da heißt:
Teufel und Satan“ beschreibt (Offenbarung 12,9). Pergamon
war so sehr für die Anbetung dieses Gottes berühmt,
der angeblich die Kranken heilte, daß diese Gottheit
„der pergamonische Gott“ genannt wurde. Viele der
in Pergamon entdeckten Münzen zeigen ein Abbild der
Schlange.
Die Überreste des Schreines des Asklepios wurden von
Archäologen ausgegraben. „Ein 140 m langes
Teilstück des weitesten Abschnitts wurde ausgegraben und
restauriert, so daß Besucher des Ortes einen
wunderschönen Zugang zum Asklepeion erfahren
können“, schreibt John McRay. „Dem Asklepios
Soter gewidmet, dem Gott der Heilkunst, war das Asklepeion eine
Art Mayo-Klinik der Antike ... Zahlreiche
Behandlungsräume, Schlafräume (für Inkubation
und Autosuggestion im Rahmen einer psychiatrischen Behandlung),
Besprechungsräume und Tempel befanden sich dort ...
Patienten, die zum Schrein kamen, glaubten, daß Asklepios
sie heilen würde. Es gab in der antiken Welt keine
spürbare Diskrepanz zwischen Wissenschaft und
Religion“ (McRay, Seite 271-272).
„Aus der ganzen Welt“, fügt William Barclay
hinzu, „strömten die Menschen nach Pergamon, um
Linderung für ihre Krankheiten zu finden. R. H.
Charles hat Pergamon ,das Lourdes der antiken Welt‘
genannt ... So fand die heidnische Religion ihr Zentrum in
Pergamon. Es gab die Anbetung von Athena und Zeus, mit ihrem
großartigen Altar, der das Stadtbild dominierte [heute
teilweise restauriert im Pergamonmuseum von Berlin zu finden].
Es gab die Anbetung des Asklepios, die kranke Menschen von nah
und fern herbeieilen ließ, und über allem stand die
Forderung nach der Kaiseranbetung, die wie ein giftiges Schwert
über den Häuptern der Christen hing“ (The
Daily Study Bible, Erläuterungen zu Offenbarung
2,12-17).
Der Ursprung der Schlangenanbetung in Pergamon
Wie fand die Schlangenanbetung in Pergamon ihren Anfang?
Einige Historiker führen sie auf den Zusammenbruch des
babylonischen Reiches zurück, als einige chaldäische
Priester ihr religiöses Zentrum in Pergamon errichteten.
„Die besiegten Chaldäer flohen nach Kleinasien und
errichteten ihre zentrale Lehrstätte in Pergamon“,
schreibt der Historiker William Barker in seinem Buch Lares
and Penates of Cilicia (1853, Seite 232).
Das Alte Testament hat Satans aktiven Hauptsitz im antiken
Babylon lokalisiert, wo die Lehren seiner Mysterienreligion
„alle Welt trunken gemacht hat“ (Jeremia 51,7). Das
würde seine religiöse Nachfolgerin, Pergamon,
vorübergehend zum neuen „Thron Satans“ der
babylonischen Mysterienreligion machen.
„Dieser Sitz“, kommentiert Alexander Hislop,
„befand sich nach dem Tode Belsazars [des letzten
babylonischen Königs] und der Vertreibung der
chaldäischen Priesterschaft aus Babylon durch die
medopersischen Könige in Pergamon, wo später eine der
sieben Gemeinden Asiens war. Dort war infolgedessen
jahrhundertelang der ,Thron Satans‘ (Offenbarung
2,13).
Dort war unter der Obhut der vergotteten Könige von
Pergamon sein bevorzugter Aufenthaltsort, und dort wurde die
Verehrung von Äskulap in Gestalt der Schlange ... gefeiert
... Pergamon selbst wurde ein Teil bzw. eine Parzelle des
römischen Reiches, als der letzte König
Attalus III. bei seinem Tode im Jahre 133 v. Chr. per
Testament all seine Herrschaftsgebiete dem römischen Volk
überließ“ (Von Babylon nach Rom, 1997,
Seite 219-220).
Auf diesem Weg waren zur Zeit des Johannes die
römischen Kaiser bereits zu Erben von „Satans
Thron“ geworden. Später, als das Römische Reich
zusammenbrach, erbte seine Nachfolgerin, das Heilige
Römische Reich, diese Rolle. Es ist beachtenswert,
daß Offenbarung 17, Verse 4-5 bzw. Vers 18 ein
mächtiges religiöses System aus der antiken
Vergangenheit enthüllt, das in der Endzeit wieder
über die Nationen herrschen und als „ein Geheimnis:
Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller
Greuel auf Erden“ zu identifizieren sein wird.
Kompromißbereitschaft in Thyatira
Etwa 65 km östlich von Pergamon lag Thyatira, eine
Stadt, die wegen ihres Handels mit Wolle und Textilien
Bedeutung erlangt hatte. Als die Stadt 1968-71 ausgegraben
wurde, zeigten die architektonischen Überreste, daß
Thyatira die typischen, im römischen Stil angefertigten
Säulengänge und öffentlichen Gebäude hatte,
sowie einen Tempel der Göttin Artemis. Die Stadt war
besonders für ihre wollenen Feintextilien bekannt, die
gewöhnlich in einer Farbschattierung gefärbt wurden,
die den Namen thyatirischer Purpur erhielt. Aus Thyatira stammt
auch Lydia, eine Purpurhändlerin, die zum Christentum
bekehrt wurde (Apostelgeschichte 16,14). Inschriften der Stadt
belegen die Existenz von Handelsgilden, von denen viele im
Zusammenhang mit der mächtigen Textilindustrie
standen.
Christus sagt über diese Gemeinde: „Ich kenne
deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deinen
Dienst und deine Geduld und weiß, daß du je
länger je mehr tust. Aber ich habe gegen dich, daß
du Isebel duldest, diese Frau, die sagt, sie sei eine
Prophetin, und lehrt und verführt meine Knechte, Hurerei
zu treiben und Götzenopfer zu essen“ (Offenbarung
2,19-20).
Da Thyatira ein religiöses Zentrum war und der Sitz
mächtiger Gilden, die von ihren Arbeitern eine
religiöse Teilnahme an ihren Festgelagen forderten, fiel
es Christen schwer, den Götzendienst zu vermeiden.
„Die mächtigen Handelsgilden in jener
Stadt“, schreibt Leon Morris, „hätten es einem
Christen sehr schwer gemacht, seinen Lebensunterhalt zu
verdienen, ohne Mitglied einer der Gilden zu sein.
Mitgliedschaft erforderte aber die Teilnahmen an Festgelagen
der Gilde, und das wiederum bedeutete Fleisch zu essen, das
zuvor einem Götzen geweiht worden war. Was also sollte ein
Christ tun? Wenn er sich nicht anpaßte, verlor er seine
Arbeitsstelle ...
Die Lehren von Isebel [wahrscheinlich ein symbolischer Name]
gingen anscheinend davon aus, daß ein Götze
bedeutungslos war und Christen deshalb an solchen Mahlzeiten
teilnehmen durften. Die Tatsache, daß solche Festgelage
allzu leicht zu sexuellen Ausschweifungen führten,
verschlimmerte die Situation noch. Wir können
nachvollziehen, daß manche Christen eine Häresie mit
einer solchen Lehre willkommen heißen würden. Diese
ermöglichte es ihnen, sich als Christen zu bekennen,
während sie gleichzeitig allem Anschein nach oder auch in
der Tat an den sittenlosen heidnischen Ausschweifungen
teilnahmen“ (Tyndale New Testament Commentaries,
1975, Seite 71).
Christus erinnert die Gläubigen in Thyatira daran,
daß sie sich von dieser weltlichen Gesellschaft
lösen müssen, ganz gleich wie verlockend sie auch
erscheinen mag, und keine Kompromisse mit der Unmoral eingehen
dürfen. Er verspricht treuen Christen in Thyatira,
daß sie nicht in thyatirischem Purpur, ein Gewebe, das
meistens von den römischen Königshäusern
getragen wurde, sondern bei seinem Kommen mit dem geistlichen
Mantel der Herrschaft über alle Nationen bekleidet werden
würden: „Wer überwindet und hält meine
Werke bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die
Heiden, und er soll sie weiden mit eisernem Stabe“
(Offenbarung 2,26-27).
Sardes: Ermahnung zur Wachsamkeit
Mit seinem Sitz über dem reichen Hermostal befand sich
Sardes etwa 50 km südlich von Thyatira. Die Stadt war im
Prinzip ein gewaltiger Wachturm und galt als uneinnehmbar.
Fünf Straßen liefen am Fuße der Stadt zusammen
und trugen zu Sardes’ Stellung als großes
Handelszentrum bei. Der Reichtum der Stadt, die unter dem
opulenten König Krösus die Hauptstadt des lydischen
Reiches gewesen war, war legendär.
Christus ermahnt diese Gemeinde: „Werde wach
und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe
deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem
Gott“ (Offenbarung 3,2). Die Christen in Sardes konnten
sich sehr gut mit einer Mahnung zur Wachsamkeit identifizieren.
Die einzigen beiden Male, bei denen Sardes erobert worden war,
waren die Folge einer zu großen Sorglosigkeit und
mangelnder Aufmerksamkeit der Bewohner.
Als der König Cyrus von Persien die Stadt belagerte,
schenkten die Sarder hoch oben in ihrer Bergfestung den
Eindringlingen kaum Beachtung. Cyrus konnte keinen Weg
ausfindig machen, über den er in die Bergfestung
eindringen konnte. Er bot dem Soldaten eine Belohnung, der
einen Pfad zur Festung entdecken würde. Einige Zeit
später beobachtete ein aufmerksamer persischer Soldat
einen der Verteidiger, der aus Versehen seinen Helm oben aus
der Festung hatte fallen lassen. Der unvorsichtige Soldat
kletterte einen geheimen Pfad ins Tal hinunter, um seinen Helm
zurückzuholen. Noch in der gleichen Nacht führten die
Perser ihre Truppen über den gleichen Pfad nach oben. Zu
ihrer Überraschung war die Wachstelle unbemannt. Die
Wächter waren zum Schlafen nach Hause gegangen, weil sie
eine Nachtwache für überflüssig hielten –
in der Folge fiel Sardes.
Unglaublicherweise wiederholten sich diese Abläufe
einige Jahrhunderte später, als ein griechischer General
die Stadt belagerte. Nach einem Jahr der Belagerung schienen
die Griechen jegliche Hoffnung auf eine Einnahme der Stadt
aufgegeben zu haben. Dann ließ ein sardischer Soldat
seinen Helm fallen und holte ihn sich aus dem Tal. In derselben
Nacht stiegen einige Männer unter den Griechen den steilen
Abhang hinauf. Als sie oben ankamen, war der Ort erneut
unbewacht. Die Einwohner von Sardes hatten ihre Lektion
vergessen und die Stadt fiel erneut.
Christus nutzt diese Lektion zu einer kraftvollen
geistlichen Ermahnung an seine Kirche: „Wenn du aber
nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein
Dieb, und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich
über dich kommen werde“ (Offenbarung 3,3).
Treue in Philadelphia
Etwa 40 km südöstlich von Sardes liegt die Stadt
Philadelphia, die jüngste der sieben Städte. Eine
kaiserliche Straße führte von Rom über
Philadelphia nach Osten, weshalb die Stadt als „das Tor
zum Osten“ bekannt war.
Jesu Botschaft an diese Gemeinde lautet: „So spricht
er, der heilig ist und Treue hält ... Ich komme bald!
Haltet fest, was ihr habt, damit euch niemand den Siegeskranz
streitig macht! Alle, die durchhalten und den Sieg erringen,
werde ich zu einer Säule im Tempel meines Gottes machen,
und sie werden immer darin bleiben“ (Offenbarung
3,7. 11-12; Gute Nachricht Bibel).
Jesus betont seine Treue zu seinen wahren Nachfolgern und
ermahnt sie, ihm ebenfalls in gleicher Weise treu zu bleiben:
Wenn sie an seinem Wort festhalten, wird er ihnen eine Krone
geben, so daß sie mit ihm zusammen in seinem Reich
herrschen werden.
Wir finden in diesem Abschnitt als herausragendes Thema die
brüderliche Treue. Die Gläubigen in Philadelphia
verstanden dieses Thema, denn Philadelphia bedeutet
„brüderliche Liebe“ und war nach der Liebe
benannt, die der König, der sie gründete, für
seinen Bruder hegte. Die Stadt war von Attalus II.
(159-138 v. Chr.) gegründet worden, der Philadelphus
(„der den Bruder Liebende“) genannt wurde –
wegen seiner treuen Zuneigung zu seinem Bruder, König
Eumenes II. von Pergamon.
Während der Lebenszeit seines Bruders war
Attalus II. dessen treuester Gehilfe. Er kommandierte die
Streitkräfte seines Bruders in mehreren Kriegen
erfolgreich und wurde später zu seinem
zuverlässigsten Botschafter bei dessen Verbündetem,
Rom. Dort gewann er den Respekt und die Bewunderung der
Römer für seine brüderliche Treue.
Das New Bible Dictionary kommentiert: „So wie
Philadelphus für seine Treue zu seinem Bruder berühmt
war, so ererbt und erfüllt die Kirche, das wahre
Philadelphia, dessen Charakter durch ihre feste Treue zu
Christus“ (1982, „Philadelphia“, Seite
926).
Laodizea: Mahnung zur Reue
Die letzte Stadt auf der Strecke war Laodizea, 70 km
südöstlich von Philadelphia. Als Kreuzweg dreier
Hauptstraßen war die Stadt eines der reichsten
Handelszentren der antiken Welt. Die Laodizäer waren
für die Produktion glänzender, schwarzer
Wollbekleidung bekannt und rühmten sich eines
herausragenden medizinischen Zentrums, das auf die Herstellung
von Augensalben spezialisiert war. Durch ihren Reichtum wurde
die Stadt auch zum Finanzzentrum der Region.
Jesus sagt der dortigen Gemeinde: „Ich kenne deine
Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach, daß
du kalt oder warm wärest! ... Du ... weißt
nicht, daß du elend und jämmerlich bist, arm, blind
und bloß. Ich rate dir, daß du Gold von mir kaufst,
das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und
weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande
deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe,
deine Augen zu salben, damit du sehen mögest“
(Offenbarung 3,15. 17-18).
Archäologen haben das Hauptaquädukt von Laodizea
entdeckt. Das Wasser, das aus dem Süden hergeleitet wurde,
war reichhaltig an Mineralien. Römische Ingenieure bauten
oben Öffnungen ein, um die Mineralablagerungen zu
entfernen, bevor sie die Leitungen verstopften. „Trotz
all ihres Reichtums hatte die Stadt Wasser von minderer
Qualität“, merkt der Expositor’s Bible
Commentary an. „Das Wasser stammte entweder von
nahegelegenen heißen Quellen und wurde auf eine lauwarme
Temperatur heruntergekühlt oder es stammte aus einer
kälteren Quelle und erwärmte sich auf dem Weg durch
das Aquädukt“ (Erläuterungen zu Offenbarung
3).
Jesus benutzt das lauwarme und schlechtschmeckende Wasser
der Laodizäer, um darauf hinzuweisen, daß ihr
armseliger geistlicher Zustand gleichsam abstoßend
für ihn war. Er warnt sie, daß er sie
zurückweisen wird, wenn sie ihren geistlichen Zustand
nicht umgehend verbessern. Als Gegenbeispiel beschreibt er
später diejenigen, die ihm treu sind, als „die, die
da halten die Gebote Gottes und den Glauben an Jesus“
(Offenbarung 14,12).
Auch wenn ihre Textilien weltberühmt waren, sagt Jesus
den Laodizäern, daß sich ihre „geistlichen
Kleider“ in einem erbärmlichen Zustand befinden. Er
rät ihnen, ihre Aufmerksamkeit lieber darauf zu richten,
von ihm die geistliche Kleidung echter Gerechtigkeit zu
erwerben, die er später als schönes reines Leinen
beschreibt: „Das Leinen aber ist die Gerechtigkeit der
Heiligen“ (Offenbarung 19,8).
Als nächstes warnte Jesus die laodizäischen
Christen, die blind gegenüber ihrem wahren geistlichen
Zustand waren, daß das „phrygische Pulver“,
das in ihrem medizinischen Zentrum als Augensalbe gemixt wurde,
letztendlich nutzlos war. Er riet ihnen, stattdessen seine
wahre geistliche Augensalbe zu nutzen, so daß sie klar
sehen und ihren Hang zu Kompromissen bereuen könnten.
Zuletzt ermahnt Christus sie noch, ihr Vertrauen nicht in
ihren physischen Wohlstand zu setzen, sondern in ihn, der in
ihnen das wahre Gold entwickeln kann, das aus der
Überwindung in Prüfungen und der Entwicklung von
gerechtem, geistlichem Charakter erwächst. Dieser solide
Ratschlag ist von dauerhaftem Wert für die ganze Kirche zu
allen Zeiten in ihrer Geschichte.
Schlußbemerkungen
Hiermit schließen wir unseren archäologischen
Überblick über das letzte Buch der Bibel ab. Wir
hoffen, daß diese Artikelreihe für Sie eine
interessante Reise durch die Bibel darstellte und Ihren Glauben
gestärkt hat.
Im Rahmen dieser Artikel wurde uns immer wieder das
bestätigt, was der Apostel Paulus in 2. Timotheus 3,
Verse 16-17 geschrieben hat: „Alle Schrift, von Gott
eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur
Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, daß der
Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk
geschickt.“ In unserer kostenlosen Broschüre
Die
Bibel – Wahrheit oder Legende? finden Sie weitere
Beweise für die Glaubwürdigkeit der Bibel.
– GN März-April 2005

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