Debatte um mehr Krippenplätze:
Zum Wohle des Kindes?
Politiker streiten über die Finanzierung von mehr
Krippenplätzen und um das Familienbild insgesamt. Was ist
bei der Debatte am wichtigsten: die berufliche Freiheit der
Eltern oder das Wohlergehen des Kindes?
Von Paul Kieffer und Jesmina Allaoua
Das Ziel von Familienministerin Ursula von der Leyen
ist hinlänglich bekannt: Bis zum Jahr 2013 soll sich die
Zahl der Betreuungsplätze für Kinder unter drei
Jahren bis auf 750 000 verdreifachen. Bundeskanzlerin
Merkel hat bereits zugesagt, ein Drittel der Mehrkosten
aus dem Bundeshaushalt zu übernehmen. Mit dem Ausbau der
Krippenplätze sollen sich Eltern zukünftig frei
entscheiden können, wie sie Familie und Beruf
organisieren wollen. Ausdrücklich betonte Angela
Merkel: „Wir wollen als Staat die Voraussetzung
dafür schaffen, dass diese Wahlfreiheit auch gelebt werden
kann“ (Der Tagesspiegel, 28. April 2007).
Mit der Forderung nach mehr Krippenplätzen setzte
eine heftige Debatte ein. Dabei prallen verschiedene
Lebensvorstellungen aufeinander. In der Debatte wird
viel über Elternrechte und persönliche
Entscheidungsfreiheit diskutiert. Gerne zieht man
deshalb Studien zu Rate, die versprechen, dass Kinder in der
Krippe besser sprechen lernen, sozial kompetenter und viel
schneller selbständig werden als Kinder, die von ihrer
Mutter zu Hause betreut werden. Andere sind überzeugt,
dass die eigene Selbstverwirklichung nachrangig sein muss, weil
ein Kind in seinen ersten drei Lebensjahren von den Eltern zu
Hause betreut werden sollte.
Eine teils emotionale Debatte
Berufstätige Mütter, die ihre Kinder schon sehr
früh in eine Kinderkrippe geben, um nach dem
Mutterschaftsurlaub wieder arbeiten zu können, müssen
nicht selten gegen den Vorwurf kämpfen, eine
„Rabenmutter“ zu sein. Sie reagieren häufig
emotional auf jegliche Kritik gegenüber ihrer
Entscheidung, wieder zu arbeiten statt zu Hause beim Kind zu
bleiben.
So verteidigte z. B. eine Grundschullehrerin
gegenüber einem Nachrichtensender ihre Entscheidung damit,
dass ihr während der einjährigen Babypause der Umgang
mit ihren Kollegen und die berufliche Herausforderung
gefehlt haben. Sie musste wieder zurück in ihren Beruf, um
zu Hause nicht frustriert und depressiv zu werden. Sie meint
heute eine bessere Mutter zu sein, weil ihr die Kita die
Möglichkeit gibt, ein eigenes Leben zu führen und
nicht den ganzen Tag mit ihrem Kleinkind zusammen sein zu
müssen.
Die dreijährige Tochter einer
Rechtsanwaltsgehilfin verbringt täglich acht
Stunden in einer Kindertagesstätte. Ihre Mutter glaubt,
dass es eine gute Erfahrung für ihre Tochter sei, weil sie
im Kindergarten viel lernen kann und dort ihre Freunde hat.
Eine Frage des Geldes
Es geht aber nicht immer nur um die Frage der
Selbstverwirklichung von berufstätigen Müttern.
Manchen Familien bleibt schlichtweg keine Wahl. Das
statistische Bundesamt gab im Mikrozensus 1996-2004 bekannt,
dass mittlerweile 20 Prozent aller Familien alleinerziehende
Mütter oder Väter mit Kindern sind. Das traditionelle
Familienbild eines Ehepaars mit Kindern befindet sich auf dem
Rückzug. 2004 entsprachen nur noch 74 Prozent der Familien
in Deutschland dieser traditionellen Familienform. Immer
häufiger sind Familien auf Kindertagesstätten
angewiesen, ob es sich dabei um alleinerziehende Eltern oder
einen Doppelverdienerhaushalt handelt. Einige Eltern
würden ohne Kindertagesstätten kaum genug Geld
verdienen, um das für ihre Familie Notwendige zu
kaufen.
„Im Interesse der Kinder“ bedeutet für
andere die Gelegenheit, ihr Kind tagsüber im
Kindergarten unterzubringen, um mehr Geld verdienen zu
können. Damit meint man die Möglichkeit, ein
Eigenheim, die neuesten technischen Spielzeuge, modische
Kleidung, ein teureres Auto oder auch Urlaub im Ausland
bezahlen zu können.
Die Unterbringung der Kinder in Kindertagesstätten
ist mittlerweile in der westlichen Gesellschaft zu einem
wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden, der sich nicht mehr
verleugnen lässt.
Zunehmender Erziehungsnotstand
Politiker möchten aber mit dem Ausbau der
Krippenplätze nicht nur dafür sorgen, dass
Mütter entscheiden können, ob sie ihr Kind in einer
Kindertagesstätte betreuen lassen. Immer lauter wird auch
der Ruf, dem augenscheinlichen Erziehungsnotstand in
Deutschland entgegenzuwirken.
Fakt ist, dass Kindergärten und Schulen immer mehr
Aufgaben übernehmen müssen, für die eigentlich
die Eltern zuständig sind. Seit Ende 2004, mit Beginn der
Hartz IV-Reform, hat sich die Anzahl der in Armut lebenden
Kinder in Deutschland verdoppelt. Jedes zehnte Kind in
Nordrhein-Westfalen ist Teil einer Familie, die von geringen
finanziellen Leistungen lebt, früher Sozialhilfe
genannt.
Eine Kindergärtnerin, die schon seit 30 Jahren in einem
Kindergarten in einer gutbürgerlichen Nachbarschaft in
Niederkassel bei Bonn arbeitet, berichtet: „Früher
hat es bei uns die eine oder andere Familie gegeben, die
Unterstützung brauchte. Aber dies war eher die Ausnahme
und häufig konnte dieser Familie schon durch
nachbarschaftliche Hilfe geholfen werden.
Heute brauchen immer mehr Familien Hilfe. Einen großen
Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich damit, mich mit
verschiedenen Ämtern auseinanderzusetzen, damit wenigstens
die Grundversorgung für diese Kinder gewährleistet
wird. Manche Kinder kommen ohne Frühstück in den
Kindergarten. Deshalb haben wir ein gemeinschaftliches
Frühstück eingeführt.
Wir bemerken auch häufiger, dass Kinder zu Hause sich
selbst überlassen sind und nicht richtig betreut werden.
Keiner kümmert sich darum, was sie essen, was sie tun, wo
sie sind. In solchen Fällen versuche ich dafür zu
sorgen, dass diese Kinder in eine Ganztagsbetreuung kommen,
damit sie wenigstens tagsüber einen
regelmäßigen Ablauf erfahren.“
Christa Burghardt, Geschäftsführerin des
Kinderschutzbundes in Hagen, hat diesbezüglich bereits
diverse Erfahrungen sammeln können: „Oft gehen
Kinder ohne Frühstück in die Schule und kommen
nachmittags um drei ohne Mittagessen zur Hausaufgabenbetreuung.
Es fehlt ein geregelter Tagesablauf mit gemeinsamen Mahlzeiten
in der Familie. Die Kinder erfahren keine oder unzureichende
Förderung durch die Eltern. Fatal wird es, wenn diese in
ihrer Vorbildfunktion versagen, indem sie morgens einfach im
Bett liegen bleiben.“
In Deutschland herrscht zunehmend ein Erziehungsnotstand.
Seit vielen Jahren führt Professor Klaus Hurrelmann die
„Shell Jugendstudie“ durch, die umfassendste
Untersuchung der Lebenswirklichkeit von Kindern und
Jugendlichen in Deutschland. Er stellt fest: „Wenn man
alles zusammenfasst, gibt es keinen Zweifel: Ein gutes Drittel
der Eltern in Deutschland sind mit der Erziehung ihrer Kinder
überfordert. Und ihr Anteil wächst“ (Walter
Wüllenweber, „Gefährlichste Kinderkrankheit:
Eltern“, www.stern.de, 22. Februar 2007).
Die Zeitschrift Stern fragt ihre Leser deshalb:
„Was bedeutet es, wenn Eltern überfordert sind und
ihr Kind in der entscheidenden Entwicklungsphase vor der Schule
nicht richtig fördern?“
Die Lösung dafür, dass Eltern ihrer Verantwortung
in der Kindererziehung nicht gerecht werden, sieht der Autor in
dem Ausbau der Kindertagesstätten: „Wer z. B.
zu Schulbeginn nicht richtig sprechen kann, wird kaum dem
Unterricht folgen können, hat nur eine winzige Chance, die
Schule erfolgreich abzuschließen, wird nur mit
Lotto-Glück einen Beruf erlernen können
. . . Nicht richtig sprechen zu können, ist
für Kinder die Höchststrafe. Urteil:
lebenslänglich . . .
Kein Land kann es sich leisten, die Entwicklungschancen
von einem Drittel seiner Kinder nicht zu fördern –
weder moralisch noch ökonomisch. Die effizienteste
Methode, Kindern zu helfen, ist der Kindergarten, denn in den
ersten Lebensjahren wird die Basis für den Spracherwerb
und für die gesamte Lernfähigkeit eines Menschen
gelegt“ (ebenda).
Neue NICHD -Studie
Bisher gab es nur wenige Langzeitstudien über
Krippenbetreuung. Deshalb dürfte das Ergebnis einer neuen
amerikanischen Langzeitstudie zur Kinderbetreuung für
neuen Zündstoff in der Kita-Debatte sorgen. Die zwei
Millionen Dollar teure Untersuchung trägt den Titel:
„Gibt es langfristige Auswirkungen der frühen
Kinderbetreuung?“
Finanziert wurde die Studie vom „National
Institute of Child Health and Human Development“ (NICHD).
Sie gilt als die größte, umfassendste und am
längsten angelegte Untersuchung zur Kinderbetreuung in den
USA. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk bewertete der
Betreuungsforscher und Diplompädagoge Burghardt
Behncke die NICHD-Studie als „große und
international anerkannte Studie“, an der niemand
vorbeikomme.
Nach den neuesten Ergebnissen der NICHD-Studie, die im
März 2007 im Fachblatt „Child Development“
veröffentlicht wurde, entwickeln sich Kinder, die
schon früh in Kindertagesstätten aufwachsen, in der
Schule später eher zu Störenfrieden und
Unruhestiftern als Kinder, die zu Hause von Eltern oder
Tagesmüttern betreut werden. Die Qualität der
Kindertagesstätte ist dabei unerheblich.
Mit jedem Jahr, das ein Kind mindestens zehn Stunden pro
Woche in einer Kita verbracht hat, steigt dessen
Aufsässigkeit in der Schulzeit um rund ein Prozent.
Gegenüber dem Deutschlandfunk meinte Behncke: „Je
früher ein Kind in Fremdbetreuung kommt und je
länger es wöchentlich und über die Jahre fremd
betreut wird, umso mehr
Verhaltensauffälligkeiten können solche
Kinder zeigen.“
Für die Schule vorbereitet, aber nicht fürs
Leben
Die Journalistin Kathleen Parker, deren familienorientierte
Rubrik in der Washington Post in zahlreichen
amerikanischen Zeitungen nachgedruckt wird, sieht in dem
NICHD-Bericht einen Hinweis darauf, „dass wir eine
Generation von Kindern erziehen, die für die Schule,
aber nicht für die Gesellschaft vorbereitet
wird“ (alle Hervorhebungen durch uns). Das ist ein
ernüchternder Gedanke!
Vielleicht ist es angebracht, dass wir uns wieder an die
Hauptaufgabe bei der Kindererziehung erinnern –
nämlich die Kinder auf das Leben vorzubereiten. Es geht
nicht allein darum, sie auf eine akademische oder sportliche
Karriere vorzubereiten oder ihnen „die Gelegenheiten zu
bieten, die ich nie hatte“.
Fehlende Bindung
In Bezug auf die Diskussion um mehr Krippenplätze warnt
Diplompädagoge Behncke vor einer Beeinträchtigung der
Mutter-Kind-Bindung: Je früher und je länger eine
Fremdbetreuung vorhanden sei, umso mehr könne eine
Mutter-Kind-Beziehung in den ersten drei Jahren leiden.
Dieselbe Meinung vertritt Mary Mostert von der
amerikanischen Organisation „Banner of
Liberty“. Sie berichtete über eine andere Studie,
die von der US-amerikanischen Regierung in Auftrag gegeben
wurde und die Kinder vom ersten Monat ihres Lebens bis zum
ersten Schuljahr beobachtete. Fazit der Studie: Kinder, die
überwiegend in Kindertagesstätten betreut wurden,
zeigten die gleiche Bindung an ihre Mutter wie Kinder, die von
den eigenen Müttern betreut wurden. Allerdings
„zeigten die Mütter weniger Bindung an ihre
Kinder, wenn sie sie mehrere Stunden im Kindergarten gelassen
hatten“ („National Institute on Child Health Says
Over 30 Hours [a] Week in Child Care Makes Aggressive
Children“, www.reagan.com).
Zum Schluss ihrer Analyse der NICHD-Studie stellte Mostert
eine unbequeme Frage: „Wird das aggressive Verhalten
durch die Unterbringung in Kindertagesstätten verursacht
oder durch die Mütter, die eine geringere Bindung
zeigen, wenn sie ihre Kinder nach einigen Stunden im
Kindergarten wieder abholen?“
Die Tochter von Frau Mostert, Gail Lyons, ist
Diplompädagogin im Fachgebiet „frühkindliche
Entwicklung“ und hat selbst vier Kinder. In den letzten
20 Jahren unterrichtete sie Drei- und Vierjährige im
Kindergarten der Elite-Universität Princeton. Gail Lyons
hat in den 20 Jahren ihrer Berufstätigkeit festgestellt,
dass das Problem der Aggressivität normalerweise durch
eine instabile Elternbindung entsteht.
Sie fügt hinzu: „Entweder verwöhnen Eltern
ihre Kleinkinder, weil sie sich schuldig fühlen, sie den
ganzen Tag alleingelassen zu haben [in der
Kindertagesstätte oder bei einer Tagesmutter] oder sie
verwöhnen sie, weil sie sich damit die Loyalität
ihres Kindes erkaufen wollen. Sie meinen die Kinder würden
sie eher ,mögen‘, wenn sie tun und lassen
dürfen, was sie wollen. Sie wollen die sogenannte
,Qualitätszeit‘, die sie für ihre Kinder
reservieren, nicht damit ,verschwenden‘, dass sie etwas
sagen, was sie in den Augen ihrer Kinder als
,Spaßverderber‘ oder ,böse‘ erscheinen
lässt“ (ebenda).
Gail Lyons fährt fort: „Eltern bringen ihren
Kindern heute nicht mehr bei, dass es nicht erlaubt ist, andere
Kinder zu schlagen und zu beißen und dass man Lehrern und
Kindergärtnerinnen nicht trotzen soll . . .
Viele Eltern bemühen sich nicht mehr, ihren Kindern
beizubringen, Autorität zu respektieren – nicht
einmal ihre eigene Autorität“ (ebenda).
Susanne Gaschke, die sich als Journalistin dem Gebiet der
Kinderpädagogik widmet, pflichtet Gail Lyons bei:
„Was sich bei uns beobachten lässt, was aus einigen
Zahlen amtlicher Statistiken, mehr noch aus besorgten Berichten
von Lehrern, Erziehern und Kinderärzten spricht, sind
Hinweise auf eine Art von seelischer Verwahrlosung, von
Abstumpfung, Grobheit und Unempfindlichkeit. Und zwar
sowohl bei einer wachsenden Zahl von Kindern, die heute erzogen
werden, als auch bei den Eltern, die sie erziehen. Oder nicht
erziehen, weil sie dies nicht mehr für ihre
persönliche, sondern für eine Aufgabe des Staates
halten“ („Die Erziehungskatastrophe: Kinder
brauchen starke Eltern“, DVA, Stuttgart / München,
2001, Seite 10).
Es scheint, dass immer mehr Eltern sich mit der Erziehung
ihrer Kinder überfordert fühlen. Ist die Lösung
dafür aber in besser ausgebildeten Erzieherinnen,
kleineren Kindergruppen und besser ausgestatteten
Kindergärten zu suchen? Die NICHD-Studie bestreitet, dass
bessere Unterkünfte und qualifizierteres Personal sich auf
das aggressive Verhalten von Kindern positiv auswirken. Kinder,
die von gut geführten Kindertagesstätten betreut
werden, zeigten genauso ein aggressives Verhalten wie Kinder
aus ärmeren Gegenden.
Dieselben Ergebnisse gelten sowohl für Jungen als auch
Mädchen, für Kinder aus besser gestellten Haushalten
als auch Kinder aus sozialschwachen Familien.
Gesucht werden Eltern
Ebenso wie Behncke und Mostert glaubt auch Richard Bowlby,
Präsident des amerikanischen „Centre of Child Mental
Health“, dass Erzieherinnen keine sicheren
Bezugspersonen für Kinder sein können und dass
die außerhäusliche Betreuung auf sehr wenige Stunden
am Tag begrenzt sein muss. Seine Ansicht wird von den
Wissenschaftlern der NICHD-Studie unterstützt.
Zum Schluss der NICHD-Studie heißt es, dass die
elterliche Erziehung den größten Einfluss auf die
kindliche Entwicklung hat, was kognitive sowie soziale
Fähigkeiten betrifft – und zwar mehr noch als die
außerhäusliche Qualität der Kindertagespflege.
Hochwertige elterliche Erziehung wirke sich positiv aufs Lesen,
Schreiben und Rechnen aus, führe zu weniger
Lehrer-Schüler-Konflikten und erzeuge ein positives
Sozial- und Arbeitsverhalten.
Der kanadische Entwicklungspsychologe Gordon Neufeld
bedauert deshalb die gegenwärtige Entwicklung in der
Kindererziehung. In einem Interview mit der Tageszeitung Die
Welt warnte er Eltern davor, die Kleinsten in die
Kinderkrippe zu schicken. Zu frühe Selbstständigkeit
schadet der Entwicklung von Kindern. Der Psychologe rät
allen Eltern, die enge Beziehung zu ihren Kindern
möglichst lange aufrechtzuerhalten.
„Ich habe den Eindruck, dass den Europäern
nicht genügend bewusst ist, worin ihr eigentlicher
Reichtum besteht, und dass sie anfangen, ihre Kultur und ihre
Traditionen der Verheißung wirtschaftlichen Wohlstands zu
opfern. Wenn Materialismus in der Kultur überhand
nimmt, geht die intuitive Bindungsweisheit verloren
… Früher haben Kultur, Gesellschaft und Tradition
die Kinder in der richtigen Beziehung zu ihren Eltern gehalten.
Die Eltern von heute werden im Stich gelassen von einer
Gesellschaft, die sich ganz auf das Geldverdienen
konzentriert . . . Kinder brauchen die
intensive Bindungsbeziehung zu ihren Eltern.
Die Entwicklung von Bindungen braucht Zeit. In den ersten
Lebensjahren bindet sich das Kind, indem es mit den Eltern
zusammen ist und ihnen gleicht. Danach erlebt das Kind
Nähe, indem es dazugehört und Anerkennung
erhält. Nur unter den geeigneten Bedingungen entwickelt
sich emotionale und seelische Nähe. Kinder brauchen
mindestens fünf Jahre, um so tiefe Bindungen zu
entwickeln, dass diese als Grundlage für eine Erziehung
dienen können und so stabil sind, dass die Bindung auch
bei physischer Trennung erhalten bleibt. Wer diesen Prozess
stört, schlachtet die Gans, die die goldenen Eier
legt“ („Psychologie: Warum sich
Zehnjährige umbringen“, Die Welt,
10. Februar 2007).
Anna Wahlgren, neunfache Mutter und schwedische
Bestsellerautorin pädagogischer Literatur, hat eine
ähnliche Meinung wie Neufeld zur frühen
Fremdbetreuung in Kinderkrippen. Sie lehnt Kinderkrippen ab und
plädiert für feste Tageszeiten fürs Essen,
Schlafen und Spielen sowie klare Regeln.
In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung warnt sie davor, dem Beispiel Schwedens, wo Kinder
schon nach dem ersten Lebensjahr ganztags betreut werden, zu
folgen. „In Schweden ist es leichter, sein Kind
loszuwerden . . . Der schwedische Wohlfahrtsstaat
taugt nicht als Model, denn Kinder und Alte werden beiseite
geschoben – und es geht ihnen schlecht dabei
. . . Schwedische Kinder sind in den vergangenen
Jahren nicht sehr glücklich gewesen. Sie verlieren ihr
Zuhause und ihre Familien viel zu früh . . .
Depressionen, Alkohol- und Drogenprobleme unter
Jugendlichen nehmen zu. Ein großer Teil der
Heranwachsenden sagt: ,Wir haben absolut niemanden, mit dem wir
sprechen können.‘ “ („Rettet
wenigstens die ersten drei Jahre!“, 17. Oktober
2006).
Interessanterweise beklagen laut einer UNICEF-Studie vom
Oktober 2006 auch mehr als die Hälfte der 15-Jährigen
in Deutschland, dass ihre Eltern keine Zeit für sie haben.
Nur 40 Prozent dieser Altersklasse gaben an, dass sich ihre
Eltern mehrmals in der Woche einfach nur mit ihnen unterhalten!
Das Statistische Bundesamt hat ermittelt, dass Eltern für
wichtige Gespräche mit ihren Kindern täglich nur
sieben bis acht Minuten aufbringen.
In der Bibel wird die Hoffnung ausgedrückt, dass Eltern
ihre Kinder auf das Leben vorbereiten und sie zu erfolgreichen
Menschen erziehen: „. . . auf dass
dir’s wohl gehe und du lange lebest“ (Epheser 6,3).
Daran ist allerdings die Bedingung geknüpft, dass Kinder
ihren Eltern gehorchen und sie ehren (Verse 1-2).
„Gehorchen“ bedeutet, aufmerksam zuzuhören
und sich der Autorität unterzuordnen. „Ehren“
bedeutet, den Eltern eine große Wertschätzung
entgegenzubringen. Können diese Voraussetzungen zu einem
guten, erfolgreichen Leben erzielt werden, wenn das Kind in
seinen ersten Lebensjahren den größten Teil seiner
wachen Stunden mit anderen Personen verbringt als mit seinen
eigenen Eltern? Die biblischen Anweisungen setzen voraus, dass
Eltern eine enge Beziehung zu ihren Kindern haben. Diese kann
nur entstehen, wenn ein Kind viel Zeit mit seinen Eltern
verbringen kann, besonders mit seiner Mutter.
Gibt es eine Schriftstelle, die dies schöner
ausdrückt als 5. Mose 6, Vers 7? „Und du sollst
sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden,
wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Weg gehst,
wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst.“ Hier wird
gezeigt, wie man Kinder erziehen soll – indem man mit
ihnen spricht, wenn sich entsprechende Situationen ergeben.
Diese Situationen kann man nicht planen, sondern sie ergeben
sich spontan im Laufe des Tages. Wie viele Mütter
verpassen die Gelegenheit, ihr Kind zur rechten Zeit liebevoll
zu unterweisen, weil sie zur gegebenen Situation nicht anwesend
sind? Es ist kaum vorstellbar, dass eine Erzieherin, die
für mehrere Kinder zuständig ist, auf gleiche Weise
wie eine Mutter auf das Kind eingehen kann. Anna Wahlgren
berichtet über schwedische Kinderkrippen:
„Mittlerweile gibt es Kinderkrippen, in denen zwei
Erzieherinnen für zwanzig Einjährige zuständig
sind. Das muss man sich mal vorstellen! Manche Kinder
können noch nicht selber essen, fast alle tragen Windeln.
Das geht allein schon praktisch nicht, von der emotionalen
Seite ganz zu schweigen“ (ebenda).
Die Bibel weist junge Mütter an, sich liebevoll um ihre
Kinder zu kümmern (Titus 2,4). Die Weisheit der
Sprüche warnt davor, die Erziehung zu vernachlässigen
und ein Kind sich selbst zu überlassen, da es seiner
Mutter Unglück bringen wird (Sprüche 29,15). Der
deutsche Philosoph Jürgen Habermas drückte die in den
Sprüchen niedergeschriebene Weisheit ähnlich aus:
„Zeit aber steht für Liebe. Der Sache, der ich Zeit
schenke, schenke ich Liebe. Die Gewalt ist rasch.“
Die Zeitschrift Gute Nachrichten will ihren Lesern keine
Schuldgefühle vermitteln. Stattdessen möchte sie zum
Nachdenken anregen. Wir haben in der Erziehung die Aufgabe,
Menschen auf eine Zukunft vorzubereiten, die wir heute noch gar
nicht kennen. Deshalb sind christliche Werte und Prinzipien,
die wir unseren Kindern im Elternhaus täglich vermitteln,
ein solides Fundament, mit dem sie auf ein erfolgreiches Leben
vorbereitet werden. Wie viel Zeit schenken wir unseren
Kindern?
Dies ist keine Frage des Geldes, sondern eine Frage des
Herzens.
– GN Mai-Juni 2007

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