Die Europäische Union:
Segen oder moderner Turmbau zu Babel?
Eine Vereinigung aus 27 Nationen mit fast einer halben
Milliarde Einwohner sollte nicht unterschätzt werden. Die
erhabenen Ideale der Gründerväter der EU und ihrer
gegenwärtigen Führer sollten vielleicht nicht ganz so
wörtlich genommen werden.
Von John Ross Schroeder
Die Vertreter der Politik und Wirtschaft haben im
Allgemeinen eine von zwei widersprüchlichen Meinungen von
Europa. Eine Sicht ist, dass der Kontinent allmählich an
Glanz verliert. Viele einflussreiche Führer sehen China
und Indien als die nächsten Supermächte – nicht
die EU. Manche Beobachter betonen, dass die
Europäische Union in einer Welt der Globalisierung
ziemlich leistungsschwach daherkommt und gehen davon aus, dass
die EU bei der Industrieleistung ins Hintertreffen gerät
und viel zu langsam neue Technologien entwickelt.
In der Einleitung eines Newsweek-Artikels vom 26.
März 2007 heißt es: „Während die
Europäische Union den 50. Jahrestag ihres
Gründungsvertrags von Rom begeht, sind sich die Experten
einig: Europa befindet sich in einem unaufhaltsamen Niedergang.
Es ist ein Museum von der Größe eines Kontinents,
das dabei ist, im Mülleimer der Geschichte zu landen.
Dieses Bild ist besonders in Amerika populär.
Wie es ein Skeptiker aus den USA ausdrückte: die Alte Welt
(Großbritannien natürlich ausgenommen) ist am Ende.
Die Volkswirtschaften stagnieren. Die technologische und
unternehmerische Energie ist ins Silicon Valley und nach
Bangalore abgewandert. Die Politiker sind hilflos angesichts
erstarrter Wohlfahrtssysteme“ (Andrew Moravcsik,
„The Golden Moment“, alle Hervorhebungen durch
uns).
„Die Welt ist bipolar, und der andere Pol ist
Europa“
Andrew Moravcsik, der Verfasser des
Newsweek-Artikels, stimmt nicht mit dieser negativen
Beurteilung Europas überein. Er ist schließlich der
Direktor des „European Union Program“ der
Universität Princeton. Er sieht Europa als „die
leise Supermacht“. Für ihn gilt: „Die Welt ist
bipolar, und der andere Pol ist Europa.“ Moravcsik
glaubt, dass die EU zivile und diplomatische Macht weitaus
effektiver als die USA einsetzt (und auch in Zukunft einsetzen
wird).
Der Zukunftsforscher Jeremy Rifkin wird in dem Artikel mit
den Worten zitiert: „Während der amerikanische Geist
rückwärts gewandt erlahmt“, wird Europa in
einer Welt, die sich in Unordnung befindet, die Führung
ergreifen. Gemäß dieser Denkrichtung ist die
militärische Macht der USA in unserer heutigen komplexen
Welt nicht mehr wirkungsvoll, während Europas Betonung der
Diplomatie, angeführt von Deutschland und Frankreich,
dabei ist, auf Waffen als ein Mittel zur Lösung der
periodischen Krisen, die die weltweite Stabilität
bedrohen, zu verzichten.
Berlin hat eine Führungsrolle bei dieser neuen
Denkrichtung. Unser langjähriger Autor Gerhard Marx und
ich reisten nach Berlin, um über die offiziellen
Gedenkfeiern zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung der
Römischen Verträge, das Gründungsdokument der
EU, zu berichten. Kaum hinter London, Paris und Rom
zurückstehend, steht Berlin mittlerweile als Reiseziel an
vierte Stelle in Europa. Seit dem Fall der Berliner Mauer im
November 1989 hat sich die Stadt deutlich gemausert. Sie wurde
erneut zur Hauptstadt Deutschlands erklärt und befindet
sich erneut im Herzen der europäischen Kultur.
Gerhard Marx und ich trafen uns am neuen Berliner
Hauptbahnhof. Dieses beeindruckende Gebäude wurde kurz vor
der Weltmeisterschaft im Mai 2006 eröffnet. Kein anderer
Bahnhof solchen Ausmaßes wurde in der jüngsten
Geschichte in Europa erbaut. Hier steigen viele Tausend
europäische Reisende entweder in andere Züge um oder
steigen aus, um die Stadt zu besuchen. In diesem
hochfunktionellen, sich über mehrere Ebenen
erstreckenden Gebäude befinden sich etwa 80
Einzelhandelsgeschäfte, die täglich von 8.00 bis
22.00 Uhr geöffnet haben.
Bis gegen Ende 1989 war die Stadt ein Symbol für die
Spaltung, unter der der europäische Kontinent zu leiden
hatte. Durch die Stadt zog sich eine gewaltige, von den
Kommunisten erbaute Barriere, die die Völker Europas bzw.
Ost von West trennte. Heute, 18 Jahre nach dem Mauerfall, wirkt
die Hauptstadt wie ein Symbol für die neue Einheit, die
auf dem europäischen Kontinent entsteht.
Rom wäre natürlich sehr gerne Gastgeber dieser
Jubiläumsfeiern und Festlichkeiten gewesen, aber Berlin
hat sich durchgesetzt. Deutschland hatte zu der Zeit die
Präsidentschaft in der Europäischen Union inne.
Die „Berliner Erklärung“
Die Gedenkfeiern gipfelten in einem offiziellen Dokument mit
dem Titel „Berliner Erklärung“, das von der
deutschen Kanzlerin Angela Merkel im Namen des Rates der
Europäischen Union, von Hans-Gert Pöttering, dem
Präsidenten des Europäischen Parlaments, und von dem
Portugiesen José Manuel Barroso als Präsident der
Europäischen Kommission unterzeichnet wurde.
Es bietet einige interessante Ideale – wenn Europa
diesen nur auf Dauer gerecht werden könnte. „Der
Freiheitsliebe der Menschen in Mittel- und Osteuropa verdanken
wir, dass heute Europas unnatürliche Teilung
endgültig überwunden ist. Wir haben mit der
europäischen Einigung unsere Lehren aus blutigen
Auseinandersetzungen und leidvoller Geschichte
gezogen . . .
Wir Bürgerinnen und Bürger der
Europäischen Union sind zu unserem Glück vereint
. . . Wir streben nach Frieden und
Freiheit, nach Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit, nach gegenseitigem Respekt
und Verantwortung, nach Wohlstand und Sicherheit, nach Toleranz
und Teilhabe, Gerechtigkeit und
Solidarität . . .
So können wir die zunehmende weltweite Verflechtung der
Wirtschaft und immer weiter wachsenden Wettbewerb auf den
internationalen Märkten nach unseren Wertvorstellungen
gestalten . . .
Wir setzen uns dafür ein, dass Konflikte in der Welt
friedlich gelöst und Menschen nicht Opfer von Krieg,
Terrorismus oder Gewalt werden . . . Mit der
europäischen Einigung ist ein Traum früherer
Generationen Wirklichkeit geworden.“
Das sind sicherlich lobenswerte Gedanken. Die
Bibel sagt aber deutlich: „Nichts auf dieser Welt ist so
hinterhältig und verschlagen wie das Herz des Menschen.
Wer kann es durchschauen?“ (Jeremia 17,9; „Neues
Leben“-Übersetzung). Römer 8, Vers 7
fügt hinzu: „Denn die menschliche Natur steht Gott
grundsätzlich feindlich gegenüber. Sie hat sich nicht
dem Gesetz Gottes unterstellt und wird es auch nicht
können“ („Neues
Leben“-Übersetzung). Es sei denn, wir sind wahrhaft
bekehrte Christen, so sind wir Menschen von Natur aus gesetzlos
und kennen nicht wirklich den Weg zum Frieden (Römer
3,17).
Kann Europa, trotz aller guten Absichten, sich wirklich
langfristig über diese biblischen Wahrheiten
hinwegsetzen?
Fünfzig Jahre Fortschritt, Wohlstand und Frieden
In seiner Berliner Rede würdigte José Manuel
Barroso den Fortschritt Europas:
„Lassen Sie uns hier fünfzig Jahre voller
Errungenschaften, Frieden, Freiheit und Wohlstand anerkennen,
die selbst die Träume der optimistischsten
Gründerväter Europas übertroffen haben. 1957
befanden sich 15 unserer 27 Mitglieder entweder unter einer
Diktatur oder es wurde ihnen nicht gestattet, als
eigenständige Länder zu existieren. Heute sind wir
alle blühende Demokratien. Die heutige EU ist etwa
fünfzigmal so wohlhabend . . . Die erweiterte
Europäische Union eröffnet uns nicht nur eine
wirtschaftliche, sondern auch eine politische und strategische
Dimension . . . Größe spielt in unserer
heutigen Welt eine Rolle.“
Diese Aussage ist durchaus beachtenswert, da
„strategische Dimension“ höchstwahrscheinlich
ein Euphemismus für die militärische Dimension ist.
Wir müssen hier die Frage stellen: Wie lange kann ein
wirtschaftlicher Gigant wie die EU ein, relativ gesehen,
militärischer Zwerg bleiben?
Bundeskanzlerin Angela Merkel fügte in ihrer
offiziellen Berliner Rede hinzu: „Deshalb ist eine
gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik in Europa
unerlässlich . . . Das verlangt
Handlungsfähigkeit, und zwar mehr als Europa sie heute hat
. . . Die Gründerväter Europas wussten:
Wirtschaftsordnung und politische Ordnung lassen sich auf Dauer
nicht trennen . . . Denn wir wissen, dass wir die
politische Gestalt Europas immer wieder zeitgemäß
erneuern müssen.“
Was ursprünglich als eine einfache Vereinigung zur
wirtschaftlichen Zusammenarbeit und zum gegenseitigen
Vorteil angekündigt worden war, entwickelt sich nun
zunehmend auch politisch, strategisch und militärisch.
Die Anerkennung der christlichen Dimension Europas
Schon früh in ihrer Rede führte Kanzlerin Merkel
einen wichtigen Gedanken an: „Ich darf hinzufügen:
Für mich persönlich ergibt sich dieses
Verständnis vom Menschen auch aus den
jüdisch-christlichen Wurzeln Europas.“ Bereits zwei
Monate vor dem Berliner Treffen hatte Newsweek die
Bundeskanzlerin mit den Worten zitiert: „Wir
müssen Europa eine Seele geben; wir müssen Europas
Seele finden“ (29. Januar 2007).
In einem von einem liberalen Mitglied des britischen
Parlaments verfassten Artikel in der Jewish Chronicle,
die sich kritisch mit Frau Dr. Merkel auseinandersetzte, stand
zu lesen, dass „die deutsche Kanzlerin vorschlägt,
einen christlichen Absatz in die europäische Verfassung
aufzunehmen . . . [Sie] hat damit das Argument erneut
entfacht, ob die EU ,Gott hinzutun‘ sollte, indem
[sie] sagt: ,Wir brauchen eine europäische Identität
in Form eines Verfassungsvertrags und dieser sollte in
Verbindung mit dem Christentum und Gott stehen, weil das
Christentum Europa auf entscheidende Weise geformt
hat‘ “ („God and Politics Don’t
Mix“, 23. März 2007).
Die Prophezeiungen der Bibel sagen klar voraus, dass
Religion eine entscheidende Rolle bei einer kommenden
weltbeherrschenden Union spielen wird, einer Union, die in dem
allgemeinen geographischen Machtbereich des alten Heiligen
Römischen Reiches in Europa verwurzelt sein wird.
Ein Babel an Sprachen ist heute kein Problem
Als Pressevertreter der Zeitschrift The Good News
nahm ich an der abschließenden Medienkonferenz teil, die
von den Unterzeichnern der „Berliner
Erklärung“ – Kanzlerin Merkel, Professor
Pöttering und Herrn Barroso – veranstaltet wurde.
Viele hundert Journalisten, die im Pressegebäude daran
teilnahmen, konnten sofortige Übersetzungen in ihren
jeweiligen Sprachen hören. Als Herr Barroso in Englisch
sprach, nahmen Dr. Merkel und Professor Pöttering
Kopfhörer zur Hand und hörten sich eine
Simultanübersetzung ins Deutsche an.
Alle wichtigen Reden wurden in Englisch und anderen Sprachen
gedruckt und standen jedermann frei zur Verfügung. Europa
ist ein Ort vieler Sprachen, aber viele seiner Bürger
sprechen mehrere Sprachen und es gibt eine Fülle an
verfügbaren kompetenten Übersetzern – einige
von ihnen stehen auf einer langen Warteliste von
potentiellen Mitarbeitern der EU. Fremdsprachen sind in
Europa eindeutig nicht mehr das Problem, das sie einmal
waren.
Ist die Europäische Union ein moderner Turm von Babel?
Die meisten seiner politischen Führer und Befürworter
scheinen die EU als einen eindeutigen Segen für die
Menschheit zu sehen. Sie können sich das einfach nicht
vorstellen, was die Bibel in den Büchern Daniel und
Offenbarung vorhersagt.
Außer den damaligen Führern haben wahrscheinlich
viele von denen, die am Beginn des Baus am alten Turm von Babel
beteiligt waren, nicht völlig verstanden, wohin dieses
Unternehmen am Ende geführt hätte, wenn Gott nicht
eingegriffen hätte. Sehen Sie hier den biblischen Bericht:
„Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als
sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande
Schinar und wohnten daselbst . . . und sprachen:
Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen
Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen
machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle
Länder“ (1. Mose 11,1-4).
Mit seinem Weitblick wusste Gott, was am Ende geschehen
würde: „Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei
Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen, und dies ist der
Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt
werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu
tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre
Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache
verstehe!“ (1. Mose 11,6-7).
Erst heute in unserem gegenwärtigen Zeitalter sehen
wir, wie das gewaltige Potential der Menschen voll zum Tragen
kommt. Es ist prophezeit worden, dass in der Endzeit das Wissen
und das Transportwesen auf Erden stark zunehmen werden (Daniel
12,4; Elberfelder Bibel).
Die Führer der Europäischen Union scheinen vom
Streben nach vielen guten Dingen, die der Menschheit auf
unermessliche Weise helfen können, motiviert zu sein. Aber
wohin entwickelt sich diese mächtige Union langfristig?
Wird sie sich am Ende doch als ein moderner Turm zu Babel
erweisen?
Ursprüngliche Absichten und zukünftige
Realität
Es ist angebracht, sich eine Prophezeiung des Propheten
Jesaja ins Gedächtnis zu rufen: „Wehe Assur, der
meines Zornes Rute und meines Grimmes Stecken ist! Ich sende
ihn wider ein gottloses Volk [das Haus Israel] . . .
Aber er meint’s nicht so, und sein Herz denkt nicht
so, sondern sein Sinn steht danach, zu vertilgen und
auszurotten nicht wenige Völker“ (Jesaja
10,5-7).
Die Führer von Nationen verstehen nicht immer ihre
eigenen Gedanken und Motive. Viele können der
Selbsttäuschung erliegen. Gott kann auf diese Weise eine
Nation – oder einen Zusammenschluss bzw. eine Allianz von
Nationen – benutzen, um andere wegen ihrer
Übertretungen und dem Brechen seines Gesetzes zu
strafen.
Welche Nationen oder Vereinigung von Nationen wird der
Schöpfergott dazu benutzen, die modernen Länder zu
bestrafen, die vom alten Israel abstammen – auch wenn die
Täter eigentlich keine Absicht haben, das zu tun? Unsere
kostenlose Broschüre
Amerika und Großbritannien: Was sagt die Bibel über
ihre Zukunft? zeigt, wo sich die Nachkommenschaft Israels
heute befindet und welche prophetische Identität diese
Nationen haben.
Man muss eine Reihe von biblischen Prophezeiungen
zusammenfügen, um richtig verstehen zu können, wo
sich Europa wirklich hinbewegt. Ein Verständnis für
die Bedeutung dieser Ereignisse erfordert Zeit, intensives
Studium und Mühe.
Gemäß der Bibel wird das Endergebnis der
Bemühungen, Europa zu vereinen, nicht eine freundliche
Gruppe demokratischer Nationen sein, die sich auf
unzählige Weise als Segen für die Menschheit erweisen
werden. Stattdessen werden diese Bemühungen dazu
führen, dass eine neue Supermacht entsteht, die von einem
mächtigen Diktator angeführt werden wird, der eine
bisher nie dagewesene Zeit globaler Gewaltherrschaft und Unruhe
einleiten wird.
Ja, in Europa ist ein moderner Turm von Babel am Entstehen
– einer, der eine Zeitlang in Einheit zusammenarbeiten
wird. Sind Sie mit der notwendigen geistlichen Erkenntnis
gewappnet, um das, was auf uns zukommt, meistern zu
können?
– GN September-Oktober 2007

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