Charles Darwin: Die Evolution
eines Mannes und seiner Ideen
Vor fast 150 Jahren löste Charles Darwins Die
Entstehung der Arten eine theologische, philosophische und
wissenschaftliche Revolution aus. Im Westen kennt fast jeder
die Grundaussage der Evolutionstheorie, aber nur wenige kennen
den Mann und die Motive, die den Hintergrund dafür
bilden.
Von Mario Seiglie
Im nächsten Jahr treffen zwei interessante historische
Jahrestage aufeinander: das 200. Jubiläum der Geburt von
Charles Darwin (er wurde am 12. Februar 1809 geboren)
sowie das 150. Jubiläum der (im Jahre 1859 erfolgten)
Veröffentlichung von Darwins Die Entstehung der
Arten. Sicherlich wird man nächstes Jahr dieses
einflussreichen Naturforschers gedenken.
Heute ist der Einfluss von Charles Darwin unübersehbar.
Die meisten Wissenschaftsbereiche und die philosophischen
Perspektiven, die im Bildungswesen und in den Massenmedien
dargestellt werden, sind von Ideen aus der darwinschen
Evolution durchdrungen. Vor Kurzem hat zum Beispiel ein
amerikanischer Fernsehkanal, der sich wissenschaftlichen Themen
widmet, die 100 größten wissenschaftlichen
Entdeckungen aller Zeiten aufgelistet. Dabei stellte sich
Darwins Evolutionstheorie groß als die Nummer eins
heraus.
Wer war eigentlich Charles Darwin? Warum hatte seine
Evolutionstheorie eine solch starke Wirkung? Und noch
wichtiger: Ist das, was er vorgeschlagen hat, wirklich
wahr?
Über den Mann wurde viel geschrieben. Aber zwei
Bücher (von Evolutionsbefürwortern verfasst) haben
sein Leben umfangreich dargestellt: Darwin von Adrian
Desmond und James Moore (List-Verlag, München) und das
zweibändige Werk Darwin: The Power of Place (2002)
der Harvardprofessorin Janet Browne. Neben diesen beiden
Biographien Darwins gibt es auch noch Darwins eigene
Autobiographie.
Darwins frühe Lebensjahre
Zwei der einflussreichsten Menschen in Darwins frühem
Leben waren sein Vater Robert und sein berühmter
Großvater Erasmus. Erasmus starb zwar, bevor Charles
geboren wurde, aber Charles’ Vater stellte sicher, dass
Charles die Schriften seines Großvaters, die sich mit der
Evolution befassten, kannte.
Erasmus schrieb ein Buch, Zoonomia, das viele
evolutionäre Konzepte enthielt, die Charles später
übernehmen sollte. Erasmus und sein Sohn Robert waren
entschieden antichristlich eingestellt, wobei sie vorsichtig
darauf achteten, ihre Ideen vor der Öffentlichkeit zu
verbergen. „Der Name Darwin“, schrieben Desmond und
Moore, „wurde bereits mit subversivem Atheismus in
Verbindung gebracht. Dr. Robert selbst war im stillen
Kämmerlein ein Freidenker“ (Seite 12).
Charles Darwin hat am Ende das Christentum teilweise auch
deshalb abgelehnt, weil er das Schicksal, das dieses seinem
Verständnis nach für seinen Großvater, Vater,
älteren Bruder und sogar für ihn selbst bestimmt
hatte, nicht akzeptieren konnte. Er schrieb in seiner
Autobiographie: „Der Unglaube ist so auf sehr langsame
Weise über mich gekommen, aber am Ende war er vollkommen.
Dies verlief auf so langsame Art und Weise, dass ich nicht
darunter gelitten habe. Ich habe niemals auch nur eine einzige
Sekunde lang daran gezweifelt, dass meine Schlussfolgerung
richtig war.
Ich kann mir in der Tat kaum vorstellen, wie sich
irgendjemand wünschen könnte, dass das Christentum
wahr wäre; denn wenn es wahr wäre, dann wird in dem
Text scheinbar in klarer Sprache aufgezeigt, dass Menschen, die
nicht gläubig sind – und das würde meinen
Vater, Bruder und fast alle meine besten Freunde
einschließen –, für immer bestraft werden. Und
das ist eine verdammenswerte Lehre.“
Leider ist Darwin von einer falschen, aber weitverbreiteten
und geglaubten Sicht der christlichen Lehre beeinflusst worden.
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Darwins Mutter starb tragischerweise, als er acht Jahre alt
war. Er folgte den lockeren und freidenkerischen Wegen seines
Vaters und verstorbenen Großvaters. Er schrieb in seiner
Autobiographie: „Ich möchte an dieser Stelle auch
gestehen, dass ich als kleiner Junge stark dazu neigte,
absichtlich Unwahrheiten zu erfinden und dies immer tat,
um eine gewisse Aufregung zu bewirken“ (alle
Hervorhebungen durch uns).
„Er wollte immer auf sich aufmerksam machen; er wollte
gelobt werden“, fügen Desmond und Moore hinzu.
„Er tat in der Schule ,wegen der reinen Freude daran,
Aufmerksamkeit und Überraschungen zu bewirken‘,
praktisch alles, und seine kultivierten ,Lügen‘
. . . bereiteten [ihm] Freude, wie bei einer
Tragödie. Er erzählte Lügengeschichten im
Bereich der Naturkunde . . . Einmal erfand er
eine komplizierte Geschichte, die zeigen sollte, wie sehr ihm
daran gelegen war, die Wahrheit zu sagen. Es war für einen
Jungen der Weg, die Welt zu manipulieren“ (Seite
13).
„Er erzählte oft Lügen über seltene
Vögel“, fügt Janet Browne hinzu. „Mit
diesen Lügen ging kein irgendwie geartetes Gefühl der
Scham einher . . . Sie spiegelten eher eine Suche
nach Aufmerksamkeit wider. Er wollte bewundert werden
. . . Lügen – und der Nervenkitzel, der
damit einherging – waren für ihn von den Freuden der
Naturkunde nicht zu unterscheiden“ (Charles
Darwin: Voyaging, Seite 13-14).
Wie wir noch sehen werden, sollten sich diese Tendenzen zu
schlauen, aber unbegründeten Geschichten und eine Vorliebe
zum Verbergen von Geheimnissen leider auch später in
seinem Erwachsenenleben auswirken. Wie ein Biograph anmerkte:
„Die Ursprünge der Theorie der natürlichen
Selektion werden immer von einem unausweichliches Geheimnis
umhüllt sein, genauso wie immer ein schattenhaftes
Gespinst den wahren Charles Darwin umgeben wird“ (Loren
Eiseley, Darwin and the Mysterious Mr. X, 1979, Seite
93).
Darwin war kein sehr guter Schüler. Er hat sein
Medizinstudium abgebrochen, nur um von seinem reichen Vater
gerettet und nach Cambridge gesandt zu werden, in der Hoffnung,
dass er es dort zu etwas bringen würde.
Darwin gestand in seiner Autobiographie: „Als ich die
Schule verließ, war ich für mein Alter weder hoch-
noch tiefstehend; und ich glaube, dass ich von all meinen
Lehrern und meinem Vater als ein sehr gewöhnlicher Junge
angesehen wurde, dessen Intellekt eher unterhalb des
üblichen Standards lag. Ich empfand es als tiefe
Kränkung, als mein Vater mir einmal sagte: ,Du
interessierst dich für nichts als Schießen, Hunde
und Rattenfangen. Du wirst dir einmal selbst und deiner ganzen
Familie zur Unehre gereichen.‘ “
Auf der Beagle um die Welt
Sein Vater hielt es, obwohl er innerlich das Christentum
ablehnte, für das Beste für seinen undisziplinierten
und übermütigen Sohn, wenn dieser seinen
Lebensunterhalt als ländlicher Pfarrer verdienen
würde. So hätte er dann in aller Ruhe seinen
Interessen im Bereich der Naturkunde nachgehen können.
Darwin hat sogar seinen Theologieabschluss erhalten und eine
Zeit lang die Bibel angenommen. Bevor er aber eine Anstellung
als Geistlicher finden konnte, wurde ihm eine Koje auf dem
britischen Schiff HMS Beagle angeboten, wo er Gast bei den
Kapitänsmahlzeiten sein sollte. Er war nicht als
Naturforscher an Bord. Diese Aufgabe fiel dem Schiffsarzt zu.
Diese fünf Jahre einer Reise um die Welt sollten sein
Leben und seine Glaubensvorstellungen auf radikale Weise
verändern.
Danach prägten vier wichtige Erfahrungen Darwins
Zukunft. Als Erstes war da die Reise selbst – er
entwickelte eine Bewunderung und Liebe für die Naturkunde
und Geologie, die ihn sein Leben lang begleiten sollte. Als
Zweites rebellierte er gegen die engstirnige Auffassung des
Christentums seines Schiffskapitäns Robert FitzRoy.
Als Drittes las er Charles Lyells Buch über Geologie,
das behauptete, die Erde sei Millionen von Jahren alt, was
seinen Glauben an die Bibel erschütterte und ihm jeden
Wunsch nahm, in einem geistlichen Amt Karriere zu machen. Und
viertens war er erstaunt über die große Vielfalt an
Geschöpfen, denen er begegnete, vor allem auf den
Galapagosinseln. Er fragte sich, wie diese unterschiedlichen
Arten mit den üblichen Schöpfungsberichten seiner
Zeit zu vereinbaren waren.
Nach seiner Rückkehr nach England war er von der langen
und gefährlichen Reise erschöpft. Er schwor sich, nie
wieder eine Segelschiffsreise zu unternehmen. Danach verbrachte
er den größten Teil seines Lebens in der Umgebung
seines Landsitzes in Downe und im etwa 25 km entfernten
London.
Im Alter von 29 Jahren heiratete er seine Cousine Emma. Es
sah so aus, als würde er einfach zu einem weiteren
britischen Gutsbesitzer werden, der bequem von dem
Vermögen seines Vaters lebte, umgeben von einer Schar von
Köchen, Dienstmädchen, Hausdienern und Gärtnern.
Er hatte nie eine echte Anstellung von irgendjemandem erhalten
und besaß all den Reichtum und die Freizeit, die er
benötigte, um seinen speziellen Interessen
nachzugehen.
Widersprüchliche Ideen zur natürlichen
Zuchtwahl
Darwin widmete sein Leben dem Studium der Natur und war fest
entschlossen, sich einen Namen als Naturforscher zu machen.
Als er Thomas Malthus’ Buch Essay on the Principle
of Population las, war er von der Ähnlichkeit zwischen
dem Wettstreit des Menschen um begrenzte Ressourcen und dem
beständigen Überlebenskampf in der Natur beeindruckt.
Hier sah er eine mögliche Grundlage für die Evolution
– die natürliche Zuchtwahl, das Überleben des
Stärksten. „Hier fand ich zuletzt eine Theorie, mit
der ich arbeiten konnte“, schrieb er.
Nach Darwins Vorstellung würden zufällige
genetische Mutationen einem Teil der Nachkommenschaft physische
Vorteile über andere einräumen. Diese
überlegeneren Lebewesen würden ihre Mitstreiter im
Ringen mit den Umweltbedingungen und miteinander überleben
und so in die Lage versetzt werden, sich in größerer
Zahl fortzupflanzen. Ihre genetischen Vorteile würden sie
an die Nachfolgegeneration vererben. Darwin stellte sich vor,
dass dies im Laufe vieler Generationen zum Aufkommen einer
völlig neuen Art führen könnte – und das
würde dann die Vielfalt an pflanzlichem und tierischem
Leben, das wir um uns sehen, erklären können.
Als er über die Evolution, die damals Transmutation
oder Umwandlung genannt wurde, nachdachte, begann Darwin die
Notwendigkeit für einen Schöpfergott in Frage zu
stellen. Er begann, geheime Notizbücher zum Thema
anzufertigen, weil er sich davor fürchtete, seine
radikalen Ideen bekannt zu machen. Als ländlicher
Gutsbesitzer, mit einer christlichen Frau und vielen
christlichen Freunden, wollte er seine ketzerischen Gedanken
für sich behalten. Er sagte, sie vermittelten ihm das
Gefühl, als würde er „einen Mord zu
gestehen“ haben.
Also hat er seine Ideen auf geschickte Weise verschleiert
und viele Euphemismen benutzt. „Er begann damit, Wege zu
entwickeln, mit denen er seinen Materialismus tarnen
konnte“, sagen Desmond und Moore. „ ,Erwähne
es nicht‘, ermahnte er sich selbst, ,rede nur von
ererbtem verstandesmäßigem Verhalten‘
. . . Er lernte seine Worte zu schützen“
(Seite 259).
In seinen geheimen Notizbüchern war er aber offen
genug, um sich selbst zu schelten: „O Materialist!“
In der Terminologie seiner Zeit bedeutete das jemand, der
glaubte, dass nur Materie im Universum existierte und dass
dieses rein materielle Universum durch physische Gesetze
regiert wird, ohne dass dafür ein Schöpfer notwendig
wäre.
In seinem Bemühen, ein äußerlich
respektables Leben zu führen, wurde sein Gewissen durch
seine schockierenden Überzeugungen gequält.
„Mittlerweile, tief in seiner heimlichen Arbeit
verstrickt“, fahren Desmond und Moor fort, „Notizen
sammelnd, die seine geologischen Kollegen schockieren
würden, begann seine Gesundheit zu versagen. Er lebte ein
Doppelleben mit einer Doppelmoral. Es war ihm nicht
möglich, seine Arbeit zu den Arten irgendjemandem
. . . mitzuteilen, aus Angst, als unverantwortlich,
ungläubig oder noch Schlimmeres gebrandmarkt zu
werden“ (Seite 233).
Zwei Todesfälle in der Familie
Als Nächstes erlebte er zwei niederschmetternde
Schicksalsschläge in seiner jungen Familie. Laut seiner
Biographin Janet Browne hat der Tod seiner geliebten Tochter
Annie im Alter von 10 Jahren und ein Jahr später der Tod
seines erstgeborenen Sohnes William bei ihm große
Bitterkeit Gott gegenüber ausgelöst. „Dieser
Tod war der formale Anfang von Darwins bewusster Loslösung
von einem Glauben an die traditionelle Gestalt Gottes
. . . Eine Trostlosigkeit nahm Gestalt an. Die
allmähliche Betäubung seiner religiösen
Gefühle . . . und die gottlose Welt der
natürlichen Auslese, die er zu diesem Zeitpunkt erst noch
am Erschaffen war, begann unerbitterlich persönlich auf
die Leere seiner Trauer zu stoßen“ (Seite 503).
Ironischerweise könnten hier manche auch anmerken, dass
Darwin aufgrund der genetischen Gefahren der Inzucht das Opfer
seiner eigenen Theorie der natürlichen Auslese geworden
war.
1839 hatte er seine Cousine ersten Grades Emma geheiratet.
Beide Familien hatten sich durch die Heirat von Cousins ersten
Grades seit einiger Zeit vermischt, was einen gefährlichen
Trend im Hinblick auf das Erbgut darstellt. Sechsundzwanzig
Kinder wurden durch diese Ehen unter Cousins ersten Grades
geboren. Neunzehn von ihnen waren unfruchtbar und fünf
starben eines frühzeitigen Todes, Darwins Tochter und sein
erstgeborener Sohn eingeschlossen. Viele litten unter geistiger
Behinderung und anderen Erbkrankheiten, wie auch im Falle
seines letztgeborenen Sohnes. All diese Auswirkungen bewirkten
eine große Feindseligkeit gegen die Vorstellung von einem
persönlichen Gott, der ins menschliche Leben
eingreift.
„Ein Kaplan des Teufels“
Darwin rang in dieser Zeit mit sich selbst hinsichtlich der
Veröffentlichung seiner Theorie, weil er eine allgemeine
Ächtung fürchtete. Moore schreibt: „Die
Belastung war spürbar . . . In einem Brief
. . . platzte Darwin damit heraus: ,Welch ein Buch
mag ein Kaplan des Teufels über die unbeholfenen,
verschwenderischen, zutiefst ungeschickten und schrecklich
grausamen Werke der Natur schreiben!‘ Als Verfasser
befürchtete Darwin Anschuldigungen, ein Buch, das ihn als
Ungläubigen entlarven und der Bestrafung aussetzen
würde – ebenso wie der ursprüngliche Kaplan des
Teufels Robert Taylor – Absolvent der Universität
Cambridge und abtrünniger Priester, der zweimal wegen
Gotteslästerung im Gefängnis saß“
(„Darwin – A ,Devil’ s
Chaplain‘?“ von James Moore).
Darwin schrieb am Ende doch das, was er als sein
„verfluchtes Buch“ bezeichnete, aber die meisten
seiner Schriften wurden zwanzig Jahre lang geheim gehalten.
Erst als ein Kollege, Alfred Russel Wallace, ihm eine
Abhandlung zusandte, die im Grunde die gleiche Theorie
enthielt, wurde er zum Handeln gezwungen. Aus Furcht, dass
Wallace nun die Theorie zugerechnet werden würde, verlas
Darwin bei einer wissenschaftlichen Konferenz zuerst seine
eigene Abhandlung und dann die von Wallace.
Von der Zeit an, als er begann, seine geheimen
Notizbücher zur Evolution und zum Materialismus zu
verfassen, begann Darwin auch unter schrecklichen
psychosomatischen Störungen zu leiden, die ihn sein langes
Leben lang begleiten sollten. Er lebte etwa 40 Jahre lang mit
allgemein schlechter Gesundheit.
Er litt aber nicht nur an dem, was psychologisch verursachte
Krankheiten zu sein scheinen, er wurde auch von Zweifeln
über sein eigenes Buch geplagt. Er gestand einigen
Mitwissenschaftlern: „Es handelt sich nur um einen Lumpen
von einer Hypothese, mit genauso viel Makeln und Löchern
wie einwandfreien Teilen . . . [aber] ich kann damit
meine Frucht auf den Markt tragen . . . Ein
ärmlicher Lumpen ist besser als nichts, um darin die
eigene Frucht zum Markt zu tragen.“ Einem anderen
Kollegen schrieb er: „Ich . . . habe mein Leben
einem Phantasiebild gewidmet“ (von Desmond und Moore
zitiert, Seite 475-477).
Die Frucht, die er vermarkten wollte, war seine
Evolutionstheorie – die einen direkten Angriff auf die
vorherrschenden Vorstellungen von Gott, dem Christentum und der
Bibel beinhaltete. Und als was für eine tödliche
Frucht sich das herausstellen sollte!
Wie Desmond und Moore erläutern: „Indem er die
radikalen Tiefen auslotete, sah Darwin die katastrophalen
Konsequenzen. ,Wenn man erst einmal eingesteht, dass Arten
. . . sich ineinander umwandeln können
. . . dann wankt und fällt der ganze Bau.‘
Der ,Bau‘ der Kreationisten und alles, was er
enthält, waren seine Zielscheibe. Er schaute in die
Zukunft und sah das alte übernatürliche Gebäude
zusammenbrechen“ (Seite 243).
Ein Mann für seine Zeit
Obwohl er von Zweifeln geplagt war, kamen Darwins Ideen
für ihn zu einer günstigen Zeit. Seine Zeit war tief
von der Französischen Revolution und dem Sturz vieler
europäischer Monarchien und der Schwächung der Macht
des Klerus geprägt. In seiner Autobiographie schrieb
Darwin: „Nichts ist bemerkenswerter als die Verbreitung
von Skeptizismus und Rationalismus während meiner letzten
Lebenshälfte.“ Er war in der Lage, die radikalen
politischen und sozialen Strömungen, die für ihn
vorteilhaft waren, zu nutzen.
Das Zeitalter des Positivismus war angebrochen, mit dem
Versprechen, dass die Wissenschaft zu einer Epoche
kontinuierlichen wissenschaftlichen und materiellen
Fortschritts führen würde, dass am Ende alle Fragen
des Menschen beantwortet und seine Probleme gelöst werden
würden – ohne die Hilfe der Religion. Es war auch
eine Zeit, in der die Kirchen in Großbritannien von
vielen Radikalen wie Darwin als korrupt und überholt
angesehen wurden.
Darwin schlug eine Theorie vor, die im Grunde den
Schöpfergott abschaffen würde. Rein materielle bzw.
richtungslose Mechanismen wie die natürliche Auslese und
Anpassung haben das „Erschaffen“ übernommen.
„Seine Vision“, schreiben Desmond und Moore,
„bestand nicht länger aus einer Welt, die
persönlich von einem edlen Gott erhalten wurde, sondern
die selbsterzeugt war. Von den Echinodermen [Meerestieren wie
z. B. den Seesternen] bis zu den Engländern war alles
aus der gesetzesmäßigen Verteilung der lebenden
Materie in der Reaktion auf eine sich ordnungsgemäß
wandelnde geologische Umwelt entstanden“ (Seite 237).
Es sollte hier angemerkt werden, dass Darwin in
späteren Ausgaben seines Buches Die Entstehung der
Arten den Begriff „Schöpfer“ an einigen
Stellen einfügte und an einer Stelle ausführte:
„Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, dass
der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur
wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat“
(Die Entstehung Arten, Reclam, Stuttgart, 1963, Seite
678). Er gestand aber seinen empörten Kollegen, dass
dieser Eindruck einer theistischen oder deistischen Evolution
dazu dienen sollte, die Gefühle seiner christlichen Frau
und einer ähnlich gesinnten Öffentlichkeit zu
besänftigen.
Trotzdem gestand Darwin schwankende Sichtweisen ein und
behauptete, ein Agnostiker zu sein. In einem Brief aus dem
Jahre 1879 schrieb er: „Ich war nie Atheist in dem Sinn
gewesen, dass ich die Existenz eines Gottes geleugnet
hätte . . . Agnostiker wäre eine
zutreffendere Beschreibung meiner Geistesverfassung“
(Darwin und J. Fordyce, veröffentlicht in Aspects of
Scepticism, 1883).
Die Konsequenzen der Theorie
Das Resultat von Darwins Evolutionstheorie war dramatisch.
Atheismus und Säkularismus erlangten weite
Popularität. Wie es Richard Dawkins, einer der heutigen
eifrigsten modernen Verfechter von Darwin und dem Atheismus auf
so berühmte Weise zum Ausdruck brachte: „Darwin
ermöglichte es dem Atheisten, auch intellektuell zufrieden
zu sein“ (Der blinde Uhrmacher – Ein neues
Plädoyer für den Darwinismus, 1990, Deutscher
Taschenbuch Verlag, München, Seite 19).
So verbreitete sich der wissenschaftliche Materialismus wie
Wildfeuer. Karl Marx, der Vater des Kommunismus, sandte Darwin
in Dankbarkeit Das Kapital, sein Hauptwerk zum
Kommunismus. „Obwohl es in der plumpen englischen Art
entwickelt wurde“, schrieb er an seinen kommunistischen
Genossen Friedrich Engels, „legt sein Buch [Darwins
Die Entstehung der Arten] im Bereich der Naturkunde die
Grundlage für unsere Ansichten.“ Einem anderen
Bekannten schrieb er, dass Darwins Werk „meinem Zweck
dadurch dient, dass es in der Naturwissenschaft die Grundlage
für den historischen Klassenkampf legt“ (Browne,
Seite 188).
Die Unterstützung durch die Evolutionstheorie half bei
der Etablierung des philosophischen Rahmens für die
doppelten Geißeln des Kommunismus und Atheismus in
Russland, China und vielen anderen Nationen.
Als Darwins Ideen an Achtbarkeit gewannen, wurden absolute
moralische Werte zunehmend in Frage gestellt. Wenn es keinen
Schöpfer gibt, dann scheint am Ende alles erlaubt. Wenn es
keinen Gott gibt, dann gibt es auch letztendlich keine
Konsequenzen. Wenn es keine höhere Autorität als das
eigene Selbst gibt, dann gelten die Regeln des Überlebens
des Stärksten. Diese unterstützen die Vorstellung,
dass man sich mit allen Mitteln durchsetzen sollte, indem man
das Gesetz des Dschungels anwendet – nur die Starken
überleben.
Darwin setzte dem Ganzen noch sozusagen die Krone auf, als
er 1871 sein Buch Abstammung des Menschen schrieb, in
dem er die Abstammung des Menschen vom Affen beschrieb, ein
Buch mit offensichtlich unbegründeten Spekulationen und
sogar rassistischen Behauptungen – einschließlich
der Behauptung einer weißen Überlegenheit (da
Weiße auf der Evolutionsleiter angeblich weiter von den
Affen entfernt seien als Schwarze).
Hitler hat später einige dieser Ideen, die als
„Sozialdarwinismus“ bezeichnet werden, im Zweiten
Weltkrieg dazu genutzt, Millionen von Menschen, die er für
rassisch minderwertig hielt, zu vernichten. Er sagte:
„Die Natur ist grausam, daher müssen auch wir
grausam sein . . . Ich habe das Recht, Millionen
einer minderwertigen Rasse, die sich wie Ungeziefer vermehrt,
zu entfernen! . . . Die Naturinstinkte reizen alle
Lebewesen dazu, ihre Feinde nicht nur zu erobern, sondern zu
vernichten“ (zitiert in Hermann Rauschning, The Voice
of Destruction, 1940, Seite 137-138).
Eigentlich hätte Hitler sagen können, dass er die
Evolutionstheorie anwandte und lediglich das unabwendbare Ende
der Schwachen beschleunigte. Das sei notwendig, um Raum
für eine stärkere, überlegenere Rasse zu
schaffen. Dies verlieh seinen verdrehten Ansichten in seinen
Augen wissenschaftliche und moralische Gültigkeit –
und im Zweiten Weltkrieg starben dann etwa 65 Millionen
Menschen.
Fehler in Darwins Theorie
Nach weiteren wissenschaftlichen Entdeckungen,
einschließlich der Entdeckung der Feinheiten der
menschlichen DNA (die aus sorgfältig zusammengesetzten
Anweisungen mit einer Länge von 3 Milliarden genetischen
„Buchstaben“ besteht), der verblüffenden
Komplexität der Zelle und der Millionen von fehlenden
Zwischengliedern (zwischen verschiedenen Tier- und
Pflanzentypen) gerät Darwins Theorie immer mehr in echte
Schwierigkeiten.
„Noch vor fünfundzwanzig Jahren“, schrieb
der ehemalige Atheist Patrick Glynn, der an der
Harvarduniversität promovierte, „hätte ein
vernünftiger Mensch, der die rein wissenschaftlichen
Beweise abgewogen hätte, sich wahrscheinlich auf die Seite
des Skeptizismus geschlagen. Das ist nicht mehr länger der
Fall. Heutzutage deuten die konkreten Daten eindeutig in
Richtung der Gott-Hypothese“ (God: The Evidence,
1997, Seite 55-56). Wie viele Wissenschaftler sind wegen der
theologischen und philosophischen Implikationen trotzdem nicht
bereit, die Evolutionstheorie aufzugeben?
„Wir nehmen die Seite der Wissenschaft ein, trotz der
offensichtlichen Absurdität einiger ihrer
Konstrukte“, gab der Harvardbiologe Richard Lewontin
einmal offen zu, „trotz der Toleranz der
wissenschaftlichen Gemeinschaft für unbegründete
,Nur-so-Geschichten‘, weil wir eine vorrangige
Verpflichtung haben . . . gegenüber dem
Materialismus . . . Wir können keinen
göttlichen Fuß in der Tür zulassen“
(„Billions and Billions of Demons“, New York
Review, 9. Januar 1997, Seite 31).
Wo sind die Beweise?
Darwin fehlten die Beweise für Übergangsformen
zwischen einzelligen und mehrzelligen Organismen, zwischen
Reptilien und Säugetieren und zwischen den Affen und den
Menschen, um nur einige zu erwähnen. Er stellte sogar
selbst die Frage: „Warum wimmelt also nicht jede
geologische Formation und jede Schicht von Zwischengliedern?
Die Geologie zeigt uns keineswegs eine ununterbrochene Kette
organischer Wesen, und das ist vielleicht der ernsthafteste
Einwand, der gegen meine Theorie erhoben werden kann“
(Die Entstehung der Arten, Reclam, Stuttgart, 1963,
Seite 429-430).
Was tat er also? Er behauptete, der Fossilbericht sei noch
viel zu spärlich und unzulänglich offengelegt worden
und dass deshalb der Beweis durch Fossilien noch nicht erbracht
worden sei. Heute jedoch sind laut dem Biochemiker Michael
Denton von den 44 Ordnungen der lebenden terrestrischen
Wirbeltiere 43 auch als Fossil gefunden worden (eine
Auffindungsrate von 97 Prozent!). Es wurden bei diesen Gruppen
aber keine Übergangsformen gefunden. Nicht einmal, zum
Beispiel, irgendetwas als Zwischenglied zwischen
Reptilienschuppen und Vogelfedern – und das sind Gruppen
von angeblich verwandten Lebewesen.
Der Paläontologe Stephen Jay Gould gibt zu: „Die
extreme Seltenheit von Übergangsformen im Fossilbericht
ist weiterhin das Betriebsgeheimnis der
Paläontologie“ (The Panda’s Thumb,
1980, Seite 181).
Wenn Darwins Theorie stimmt, dann sollte es Millionen von
Übergangsformen geben – Tiere und Pflanzen in
unterschiedlichen Stadien der Transformation in andere Arten
durch Mutation und natürliche Auslese. Wenn die Evolution
wahr wäre, dann sollten wir in der Tat weit mehr
Übergangsformen als völlig ausgereifte, völlig
funktionsfähige Arten finden können. Hinzu kommt,
dass wir dann auch unter den mehr als einer Million Arten auf
Erden und den noch zahlreicheren Fossilientypen solche finden
sollten, die sich allmählich verändern. Aber es
wurden keine solchen Übergangsformen gefunden.
Es gibt einige Berichte darüber, dass Darwin gegen Ende
seines Lebens eine Änderung in seinem Denken erlebt hat
– möglicherweise hat er bereut, wie weit seine Ideen
fortgeführt wurden. Während so etwas möglich
wäre, denn Darwin hat persönliche
Glaubensüberzeugungen immer als Privatsache behandelt, hat
keiner aus seiner Familie jemals einen solchen Gesinnungswandel
bei ihm bestätigt, auch seine gläubige Frau nicht.
Und für die Gesellschaft würde das auch keine Rolle
spielen, denn seine Jünger wären nicht bereit
gewesen, deswegen umzukehren.
Die Biographen Desmond und Moore schließen ihr Buch
auf Seite 677 mit der folgenden Szene, wo Darwin feierlich in
der Westminster Abbey zur Ruhe gelegt wird: „Es markierte
den Aufstieg der Händler auf dem Marktplatz der Natur zur
Macht, der Wissenschaftler und ihrer Lakaien in der Politik und
Religion. Solche Menschen, die sich nun auf dem aufsteigenden
Ast befanden, taten ihre Schuldigkeit, denn Darwin hatte die
Schöpfung naturalisiert und die menschliche Natur und das
menschliche Schicksal in ihre Hände gelegt. Die
Gesellschaft würde nie wieder dieselbe sein. Der ,Kaplan
des Teufels‘ hatte seine Arbeit geleistet.“
– GN Juli-August 2008

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