Sind die Tage Amerikas
als Supermacht gezählt?
Große Mächte kommen und gehen. Vor 150 Jahren
war Großbritannien mit seinem riesigen Reich die
größte Macht der Welt. Seit 60 Jahren sind die USA
die dominierende Weltmacht. Steht den USA der Niedergang bevor?
Erleben wir bereits die erste Phase dieses
Niedergangs?
Von Melvin Rhodes
Eine der Folgen der Finanzkrise der vergangenen 18 Monate
ist, dass Europa jetzt reicher als Nordamerika ist. Der gesamte
nationale Wohlstand der Nordamerikaner ist um 21,8 Prozent
gesunken, während der der Europäer nur um 5,8 Prozent
gefallen ist, „auf 22,2 Billionen Euro – einem
Viertel des Reichtums des Globus“ („Europe Now
Richer Than North America“, BusinessWeek,
16. September 2009).
Ist Europa möglicherweise dabei, die Rolle der USA zu
übernehmen, da großer Reichtum notwendig ist, um
eine Weltmacht zu sein? Die Prophezeiungen der Bibel zeigen,
dass kurz vor Christi Wiederkehr eine neue Supermacht
existieren wird, die ihren Mittelpunkt in Europa hat. Es wird
sich um ein großes Wirtschaftssystem handeln, dessen
Wirtschaftsaktivitäten die ganze Welt dominieren
werden.
Trotz ihrer momentanen Schwäche wegen der Schuldenkrise
Griechenlands ist Europas Währung, der Euro, 30 Prozent
höher bewertet gegenüber dem US-Dollar als zur Zeit
seiner Einführung. Der Euro wird auch von mehr Menschen
genutzt. Mit mehr als 500 Millionen Einwohnern ist die EU der
größte Einzelmarkt der Welt und bei Weitem die
weltweit größte Handelsmacht. Könnte es sein,
dass Europa, nachdem es die USA an ökonomischer Macht
überholt hat, Amerika auch auf anderen Gebieten
ablösen wird?
Lektionen von einem gefallenen Empire
Es gibt im Gedächtnis mancher Menschen, die heute noch
leben, eine Lektion für die USA. Es sind zwar nur wenige
Menschen, die sich an die Zeit erinnern können, als die
Welt von den Briten dominiert wurde, aber genau das war vor dem
Zweiten Weltkrieg der Fall. Nachdem die Briten das Dritte Reich
zwei Jahre lang allein bekämpft hatten (nur von
Streitkräften der Commonwealth-Staaten unterstützt),
traten die Sowjets in den Krieg ein, als sie im Juni 1941 von
Deutschland angegriffen wurden. Bis zur Bombardierung von Pearl
Harbor, das Ereignis, das Amerika in den Krieg hineinzog,
sollten weitere sechs Monate vergehen.
Die Amerikaner erwarteten, dass ihre Jungs alle nach dem
Krieg nach Hause kommen würden, so wie das nach dem Ersten
Weltkrieg der Fall gewesen war. Der US-Präsident Franklin
Roosevelt sagte dem britischen Premierminister Winston
Churchill und dem Sowjetführer Josef Stalin, dass die
amerikanischen Truppen Europa zwei Jahre nach Kriegsende
verlassen würden. Niemand erwartete, dass es 65 Jahre
später immer noch US-Truppen in Europa geben
würde!
Welche Veränderung führte dazu, dass amerikanische
Truppen in Europa blieben? Einfach gesagt: Großbritannien
war pleite!
London war nicht in der Lage, die Rolle als Weltpolizist
fortzusetzen, die es zwei Jahrhunderte gespielt hatte. Solch
eine Rolle erfordert großen Reichtum. Nachdem sie in
wenig mehr als drei Jahrzehnten zwei Weltkriege ausgefochten
hatten, hatten die Briten nicht mehr die finanziellen Mittel
für Verpflichtungen im Ausland und konnten ihre
Verbündeten auf der ganzen Welt nicht mehr länger
unterstützen.
Das war nicht sofort nach Kriegsende 1945 ersichtlich. Das
Britische Empire blieb unversehrt. Einige der britischen
Besitztümer im Fernen Osten waren von den Japanern erobert
worden, wurden aber bei Kriegsende wieder der britischen
Herrschaft übergeben.
In seinem 2008 erschienenen Buch Picking Up the
Reins, das den Übergang des Supermachtstatus von
Großbritannien an die USA beschreibt, sagt der Historiker
Norman Moss: „Britische Atlanten zeigten ein Viertel der
Erde als entweder von Großbritannien regiert oder mit ihm
durch das Commonwealth verbunden. Großbritannien
herrschte über einen großen Teil Asiens und den
Großteil Afrikas. Es war auch die dominierende Macht in
der arabischen Welt“ (Seite 27).
Andere europäische Mächte waren nicht so
erfolgreich. Die Niederländer verloren sehr bald
Indonesien und die Franzosen mussten einen zermürbenden
Krieg in Indochina führen.
„Eine kaum denkbare Katastrophe“
James Truslow Adams, einer der angesehensten Historiker
Amerikas, schrieb 1940 ein Buch mit dem Titel The British
Empire 1784-1939. 1940 war das entscheidende Jahr der
sogenannten Luftschlacht um England, ein Kampf der Briten ums
Überleben, als Großbritannien sich gegen eine
versuchte Invasion der Nazis stemmen konnte.
Am Ende des Buches schrieb er folgende Warnung an seine
Landsleute: „Der mögliche Sturz des britischen
Weltreichs wäre eine kaum denkbare Katastrophe. Er
würde in einem Viertel des Globus ein Vakuum hinterlassen,
in das die Stürme der Anarchie, der Tyrannei und der
geistlichen Unterdrückung eindringen würden. Er
würde auch bedeuten, dass das stärkste Bollwerk
für unsere eigene Sicherheit und Freiheit außer uns
selbst damit zerstört wäre“ (Seite 358). Es
schien sicherlich so, dass der unversehrte Erhalt des Empires
im Interesse der USA und anderer Nationen lag.
Ein Jahr nach dem Krieg haben die Oberkommandierenden der
US-Streitkräfte einen ähnlichen Rat gegeben:
„Die Niederlage oder die Auflösung des britischen
Weltreichs würde aus Eurasien das letzte Bollwerk des
Widerstands zwischen den USA und einer sowjetischen Expansion
entfernen . . . Unsere gegenwärtige Position als
eine Weltmacht ist notwendigerweise mit der
Großbritanniens verknüpft“ (Moss, Seite
64).
Zusätzlich dazu, dass sie ihr Imperium – das ein
Viertel der Weltbevölkerung umfasste – finanzieren
mussten, waren die Briten auch bald in Griechenland in einen
Krieg gegen die Kommunisten verwickelt. Dort stationierte
Großbritannien 9000 Soldaten, um die antikommunistischen
Kräfte zu stärken. Nach dem Krieg unterstützten
die Briten die Griechen auch mit 40 Millionen Pfund.
Aber ab dem Februar 1947, mitten im schwersten Winter seit
es Aufzeichnungen gibt, konnten es sich die Briten nicht
länger leisten, Griechenland zu unterstützen. Eine
Kabinettsitzung am 18. Februar führte dazu, dass London
Washington bat, die Verantwortung zu übernehmen und
ankündigte, dass die Hilfsleistungen an Griechenland
„am 31. März eingestellt werden würden.
Dem war noch eine weitere Mitteilung beigefügt, die
besagte, dass die Türkei ebenfalls Hilfe brauche,
Großbritannien diese aber nicht zur Verfügung
stellen könne“ (Seite 62).
Obwohl es nur wenige zu jener Zeit verstanden haben, waren
diese Veränderungen wahrhaft gewaltig. „Zwei
Jahrzehnte lang war Großbritannien die dominante Macht im
östlichen Mittelmeer gewesen. Nun schien es
diese Rolle in zwei Schlüsselländern aufzugeben.
Den Amerikanern wird oft vorgehalten, im Gegensatz zu vielen
Europäern kein Verständnis für Geschichte zu
haben. In diesem Fall waren es die Amerikaner, die die
Tragweite dieses Ereignisses erkannten. Für die britischen
Minister, die tagtäglich darum ringen mussten, das Land
über Wasser zu halten, schien das nur eine
vorübergehende Ausgabenkürzung in einem Etat zu sein.
Keiner von ihnen schien irgendwelche größeren
Implikationen bei dieser Entscheidung zu sehen.
Die amerikanische Sicht wurde von Joseph M. Jones, damals im
US-Außenministerium tätig, mit folgenden grandiosen
Worten beschrieben: ,Beim Lesen der Botschaften [wurde] erkannt
. . . dass Großbritannien in dieser Stunde
die Aufgabe der Weltführerschaft, mit all ihren Lasten und
all ihrer damit verbundenen Ehre, an die USA weitergereicht
hatte‘ “ (Seite 64; alle Hervorhebungen
durch uns).
Das Datum war der 21. Februar 1947 – der Tag, an dem
die USA praktisch Großbritannien als die dominante
Weltmacht ablösten.
Der Wandel wurde prophezeit
„Und so setzte er Ephraim vor Manasse“,
heißt es in 1. Mose 48, Vers 20. In diesem
Bibelabschnitt prophezeite der Patriarch Jakob, den Gott in
Israel umbenannt hatte, dass die Nachkommen seiner beiden
Enkelsöhne, der Söhne Josefs, „eine Menge von
Völkern“ und ein großes Volk werden
würden. Diese Prophezeiung wurde mit dem britischen
Weltreich bzw. dem Commonwealth (die Menge von Völkern)
und den USA (das einzelne große Volk), die sich von dem
Empire loslösten, erfüllt. Ephraim, die Menge von
Völkern, sollte vor Manasse groß werden.
Dem jüngeren Bruder Ephraim war prophezeit worden, dass
er größer als Manasse sein würde (Vers 19).
Ohne Kenntnis der biblischen Bedeutung dieses Augenblicks sagte
Dean Acheson, damals Staatssekretär im amerikanischen
Außenministerium: „Großbritannien war
finanziell so geschwächt, dass es jetzt nur noch zwei
große Mächte in der Welt gab. Nicht seit Rom und
Karthago“, sagte er, „hatte es eine solche
Polarisierung von Macht gegeben, und diese erfolgte zwischen
der Demokratie und der Diktatur“ (Moss, Seite 68).
Rom und Karthago waren vor der Zeit Christi Hauptrivalen
gewesen. Der stellvertretende Außenminister Will Clayton
fasste die Situation im Mai 1947 mit diesen Worten zusammen:
„Die Zügel der Weltführerschaft entgleiten
Großbritanniens kompetenten aber jetzt sehr schwachen
Händen. Diese Zügel werden entweder von den USA oder
von Russland ergriffen werden.“
Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und seiner
kommunistischen Verbündeten in Europa mehr als 40 Jahre
später konnten sich die USA konkurrenzloser Macht
erfreuen. Aber selbst dann war das nur von kurzer Dauer. Nun
muss sich Washington inmitten zunehmender Finanzprobleme mit
der wachsenden Macht Chinas auseinandersetzen und
möglicherweise auch bald mit einem wiederauflebenden
Europa.
Kann es sein, dass die Macht der USA, genauso wie die
globale Macht von Großbritannien auf Amerika
übergegangen ist, jetzt auf Europa übergehen wird?
Gott bestimmt den Aufstieg und Fall von Nationen
Die Bibel sagt uns, dass Gott eingreift, um den Aufstieg und
Fall von Nationen zu bewirken. In Daniel 2, Vers 21 lesen wir:
„Er bestimmt den Wechsel der Zeiten und Fristen; er setzt
Könige ab und setzt Könige ein“
(Einheitsübersetzung).
Im gleichen Kapitel bat Daniel Gott, ihm bei der
Interpretation von König Nebukadnezars rätselhaftem
Traum zu helfen. In Vers 19 offenbart Gott Daniel die Bedeutung
des Traums. Nebukadnezar, der Herrscher von Babylon, der
größten Macht seiner Zeit, begann zu verstehen, dass
auf Babylon eine weitere große Macht folgen würde
und dann eine dritte und eine vierte. Am Ende würde die
letzte dieser Mächte von dem Reich Gottes abgelöst
werden. Das Reich Gottes, eine Weltregierung, die direkt von
Gott regiert werden wird, setzt bald der gegenwärtigen
Missherrschaft des Menschen ein Ende.
Daniel selbst hatte eine ähnliche Vision in Kapitel 7,
die weitere Details enthielt. Babylon, wo Daniel seit fast
sieben Jahrzehnten nach der Invasion seines eigenen Landes als
ein jüdischer Exilant gelebt hatte, würde seine
Vormachtstellung an Persien verlieren. Persien wiederum
würde seine Position an Griechenland verlieren. Die
Prophezeiungen, die Daniel im 6. Jahrhundert v. Chr.
offenbart worden waren, wurden in den nachfolgenden
Jahrhunderten erfüllt.
Die Vorherrschaft Großbritanniens mit seinem Empire
und dann der Vereinigten Staaten von Amerika wurde für
„künftige Zeiten“ prophezeit (1. Mose
49,1). Zu der Zeit direkt vor dem Ende und kurz vor dem zweiten
Kommen Christi wird es ein wieder auflebendes und erneuertes
Römisches Reich geben – die bereits erwähnte
neue Weltsupermacht.
Könnten die USA ihre Macht verlieren?
Der britische Historiker Paul Kennedy verfasste 1987 sein
monumentales Buch The Rise and Fall of the Great Powers.
Darin zeigt er auf, bis auf das Jahr 1500 zurückgehend,
dass die Eigenschaften, die zu dem Aufstieg von Nationen zur
Macht führen, und die Gründe für ihren
Niedergang und Fall bestimmte Gemeinsamkeiten aufweisen –
Schulden und imperiale Überbeanspruchung.
Genauso wie das britische Weltreich aufgrund von Schulden
und seinem überbelasteten Militärapparat
zusammengebrochen ist, stehen die USA heute vor den gleichen
Problemen. Sie können nicht genug Streitkräfte
für all ihre militärischen Verpflichtungen
bereitstellen. Die Schuldenlast stellt ein schwerwiegendes und
zunehmendes Problem dar. Keine Nation der Weltgeschichte hat
jemals so viele Schulden angehäuft wie die USA – und
mit Sicherheit nicht in einer solch kurzen Zeit!
Wie The Economist vor Kurzem angemerkt hat:
„Seit Jahren hatten die fiskalischen Probleme Amerikas
etwas Surreales an sich. Niemand bestritt, dass eine alternde
Bevölkerung und eine Inflation im Gesundheitswesen den
Staatshaushalt sprengen könnten, aber diese
Möglichkeit war jahrzehnteweit entfernt. Die Dinge auf die
lange Bank zu schieben schien schmerzlos zu sein.
Das ist nicht länger der Fall. Eine gigantische
Lücke hat sich aufgrund des Konjunkturpakets, der
Hilfsprogramme und einer Rezession, die das Wirtschaftswachstum
und das Steueraufkommen schonungslos getroffen hat, im
Staatshaushalt aufgetan. Wenn die gegenwärtige Politik
beibehalten wird, werden sich die öffentlichen
Staatsschulden, die im letzten Jahr 41 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts betrugen, innerhalb des nächsten
Jahrzehnts verdoppeln. Die Gesamtschulden der Regierung werden
deutlich über dem Durchschnitt der G20-Staaten
liegen“ („Dealing With America’s Fiscal
Hole“, 21. November 2009).
Vor nur einer Generation befanden sich die USA in einer
solch stabilen finanziellen Situation, dass sie der
größte Kreditgeber für den Rest der Welt waren.
Das ist nicht länger der Fall. Aufgrund ihrer
verschwenderischen Ausgabenpolitik sind die USA jetzt die am
meisten verschuldete Nation der Geschichte!
Das Sozialversicherungssystem und die staatliche
Gesundheitsversorgung stehen vor massiven Problemen, weil
Millionen Bürger aus den geburtenstarken Jahrgängen
der Nachkriegszeit bald in den Ruhestand treten werden. Manche
Wirtschaftsexperten schätzen, dass die wahre amerikanische
Staatsverschuldung, wenn alle nicht im Haushalt abgedeckten
Verbindlichkeiten eingerechnet werden würden, mehr als 50
Billionen Dollar betragen würde – etwa eine halbe
Million Dollar pro US-Haushalt!
Die Verteidigungsausgaben werden natürlich von der
enormen Schuldenlast Amerikas betroffen sein. Das war auch vor
sechs Jahrzehnten bei Großbritannien der Fall. Wie ein
weiterer Artikel des Economist mit dem Titel
„Stemming the Tide“ ausführt:
„Verteidigung und Haushaltsposten mit Ermessensspielraum
machen nur ein Drittel der Ausgaben aus. Herr Obama plant
bereits beide Ausgaben bis 2014, was ihren Nominalwert in
Dollar anbelangt, zu kürzen, während die Kriege im
Irak und in Afghanistan (unter glücklichen Umständen)
zurückgefahren werden können und das Konjunkturpaket
ausläuft“ (21. November 2009).
Steigende Kosten im Gesundheitswesen
Auch die Pläne der US-Regierung für ein
öffentliches Gesundheitssystem ähneln denen
Großbritanniens nach dem Zweiten Weltkrieg. Genau zu der
Zeit, als das Land nach zwei weltweiten Konflikten
erschöpft und bankrott war, „war die britische
Regierung fest entschlossen, dies auf sich zu nehmen und sich
bei ihrem Vorhaben nicht von Großbritanniens
beschränkten wirtschaftlichen Verhältnissen aufhalten
zu lassen. Im April 1948 führte sie den National Health
Service [das allgemeine öffentliche Gesundheitssystem]
ein, trotz der Einwände der Opposition, dass das Land sich
das nicht leisten könne. Das stellte den Kernpunkt ihrer
Sozialreform dar“ (Moss, Seite 159-160).
Die ursprünglich geschätzten Kosten waren
geringfügig im Vergleich zu den letztendlichen (und immer
noch steigenden) Kosten. Bis zum Jahr 1956, einem
entscheidenden Jahr für den Niedergang des Landes und
seinem Fall als Weltmacht, „verschaffte sich eine neue
Generation Gehör – Menschen, die stolzer auf den
National Health Service waren als auf das britische
Weltreich“ (Seite 199).
Der Artikel „Stemming the Tide“ im
Economist deutet eine finanzielle Belastung an, die auf
die USA zukommen wird, wenn die allgemeine
Gesundheitsversorgung eingeführt wird. „Herr Obama
hatte schon lange geplant, dass seine Gesundheitsreform nicht
nur die Unversicherten mit einbeziehen, sondern auch den
langfristigen Anstieg der Gesundheitskosten eindämmen
würde. Bei den Gesetzesvorlagen, die zurzeit dem Kongress
vorliegen, scheint dieses zweite Ziel unerreichbar zu sein.
Obwohl Mr. Obama darauf besteht, dass die Reform das Defizit
nicht vergrößern wird, wird sie Einnahmen
verschlingen, die dazu eingesetzt hätten werden
können, es zu reduzieren.“
Die New York Times erwähnte Chinas Besorgnis
über Pläne der US-Regierung für das
Gesundheitswesen. Es ist nicht etwa so, dass sich die Chinesen
über die medizinische Versorgung der Amerikaner Sorgen
machen. Sie sind stattdessen besorgt über das
expandierende US-Haushaltsdefizit, weil sie diejenigen sind,
die den größten Teil davon finanzieren.
Die Times beschrieb Obamas Chinabesuch als „ein
Einnehmen der Rolle des verschwenderischen Geldausgebers, der
kommt, um seinem Bankier die Ehre zu erweisen“, und
deutete an, dass Amerikas Innenpolitik auf eine chinesische
Zustimmung angewiesen sein könnte. „Wie jeder
Bankier“, führt der Bericht aus, wollen die Chinesen
„Beweise dafür, dass die USA einen Plan für die
Rückzahlung haben“.
Die Times berichtet auch, wie „chinesische
Funktionäre bei einem Treffen im Juli ihren amerikanischen
Gesprächspartnern detaillierte Fragen zu den
Gesetzesvorlagen zum Gesundheitswesen stellten, mit denen sich
der Kongress gerade befasste . . . Sie wollten in
akribischen Details wissen, wie sich der Plan für das
Gesundheitswesen auf das Haushaltsdefizit auswirken
würde“ (14. November 2009, „China’s
Role as Lender Alters Dynamics for United States“).
In einem Kommentar vom 16. November 2009 warnte ein Artikel
der Canada Free Press: „Obamas sozialistischer
Kaufrausch kostet nicht nur amerikanische Freiheiten, er
überträgt auch deutlich das Sagen über die
amerikanische Politik an China. Der Preis für eine
allgemeine Gesundheitsversorgung wird nicht nur von Amerikanern
gezahlt werden, er wird auch von amerikanischen
Verbündeten in Asien entrichtet werden“ (Daniel
Greenfield, „Obama in China and Twilight for
America“).
Genauso wie Großbritannien nicht in der Lage war, 1947
weitere finanzielle Hilfe und militärische
Unterstützung an Griechenland zu leisten, so scheinen auch
die USA unfähig zu werden, ihren traditionellen
Verbündeten zu helfen. Das amerikanische militärische
Imperium wird unweigerlich dem Britischen Empire in die Annalen
der Geschichte folgen.
Der Historiker Niall Ferguson schrieb vor Kurzem: „So
gehen Imperien unter. Es beginnt mit einer Schuldenexplosion.
Es endet mit einer nicht vermeidbaren Kürzung bei den
Mitteln für die Armee, die Marine und die Luftwaffe. Das
ist der Grund, warum sich die Wähler zu Recht Sorgen
über die amerikanische Schuldenkrise machen.
Gemäß einer kürzlich durchgeführten
Rasmussen-Umfrage sagen mittlerweile 42 Prozent der Amerikaner,
dass die Halbierung des Defizits bis zum Ende der ersten
Amtszeit des Präsidenten die wichtigste Aufgabe für
die Regierung sein sollte – deutlich mehr als die 24
Prozent, die die Gesundheitsreform als höchste
Priorität einstufen. Aber eine Halbierung des Defizits
reicht einfach nicht aus. Wenn die USA nicht bald einen
glaubhaften Plan zur Ausgleichung des Staatshaushalts innerhalb
der nächsten fünf bis zehn Jahre entwerfen, ist die
Gefahr sehr groß, dass eine Schuldenkrise zu einer
deutlichen Schwächung amerikanischer Macht führen
wird“ („An Empire at Risk“, Newsweek,
28. November 2009).
Warum Europa und nicht Asien?
Auch wenn viele davor warnen, dass China die USA als die
führende Weltmacht ablösen wird, zeichnen die
Prophezeiungen der Bibel ein anderes Bild. Die Bibel deutet
jedoch an, dass das wiederbelebte europazentrierte
Römische Reich nicht von langer Dauer sein wird.
Offenbarung 17, Vers 12 sagt, dass die Führer, die sich
vereinen und ihre nationale Souveränität dieser neuen
geopolitischen Macht unterordnen werden, „für eine
Stunde Macht“ empfangen werden – eine kurze
Zeit.
China ist eine große Macht und steht im Begriff, sogar
noch mächtiger zu werden. Seine Wirtschaft ist jedoch eng
mit den USA verknüpft und könnte von Entwicklungen in
Amerika negativ betroffen werden.
Doch es gibt auch ernsthafte Bedenken über Chinas
Bankensystem. „Die gegenwärtige Expansion bei den
Krediten birgt das Risiko einer hausgemachten Bankenkrise in
China, mit einer Zunahme an risikoreichen Darlehen. Chinesische
Bankenaufsichtsbehörden sind besorgt, dass neue
Kredite dazu genutzt werden, Immobilien und
Aktienmarktspekulationen zu finanzieren, statt produktiven
Zwecken zu dienen“ (Satyajit Das, „China: A Future
That Was“, eurointelligence.com, 20. November 2009).
Einfach ausgedrückt: China ist dabei, Amerikas Fehler zu
wiederholen!
Wie ein Artikel in der Sunday Times vom
15. November 2009 ausführt, ist das
Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union „nur
wenig geringer als das der USA und Chinas gemeinsam“
(Matthew Campbell and Bojan Pancevski, „Europe Rises as
the Modest Superpower“). Der Artikel fährt fort:
„Europa scheint allerdings sicherer und vereinter zu sein
als jemals in seiner blutgetränkten Geschichte, und die
Finanzkrise hat diesen Zusammenhalt vielleicht noch
gestärkt. Die reguliertere Form des Kapitalismus, der von
Frankreich bis Finnland der Vorzug gegeben wird, ist nun das
bevorzugte Modell für den Rest der Welt – Amerika
eingeschlossen. Weitere Länder stehen Schlange, um Zutritt
in den schützenden Schoß der EU zu erhalten.
Die EU hat 71 000 Soldaten außerhalb der eigenen
Grenzen stationiert. Damit kann die EU eine
Militärpräsenz in Übersee für sich in
Anspruch nehmen, die nur noch von Amerika übertroffen
wird. Das hat dazu geführt, dass Europa von der
Zeitschrift Newsweek als ,die bescheidene
Supermacht‘ bezeichnet wurde. Sein Aufstieg kann in der
Zunahme der Mitgliederzahl von 12 auf 27 Länder seit 1989
gesehen werden und in den abnehmenden Spannungen zwischen alten
und neuen Mitgliedern. Er zeigt sich auch in der Art und Weise,
wie Europa Amerika bei der Bewältigung der Rezession
geschlagen hat, angetrieben von dem üblichen
deutsch-französischen Motor.“
Europas langfristiges Ziel in Sichtweite
Die Europäische Union wurde 1957 durch die
Römischen Verträge gegründet. Seine sechs
Gründungsmitglieder verpflichteten sich zu einem
„immer engeren Zusammenschluss“. Der Vertrag von
Lissabon stellt die letzte Phase dar und schafft eine einzige
politische Einheit, die über Nacht plötzlich mit den
USA und China konkurrieren kann.
Ihr erster Präsident ist Herman van Rompuy, der
frühere Premierminister von Belgien. Ihre erste
Außenministerin ist die britische Baronin Catherine
Ashton. In seinem Artikel in der Financial Times vom
23. November 2009 meint Wolfgang Munchau, dass diese
beiden genau das sind, was die EU braucht, um drei fundamentale
Probleme zu bekämpfen: „die Unfähigkeit,
präzise politische Ziele festzulegen; mangelhafte
Umsetzung; und, was vielleicht am wichtigsten ist, mangelhafte
Abstimmung und mangelhaftes Krisenmanagement“ („Van
Rompuy Is the Right Man for the Job“).
Mit anderen Worten: Diese beiden werden die EU auf Kurs
bringen, sie effizienter und effektiver und damit auch
mächtiger machen.
Die heutige EU ist jedoch nicht die prophezeite Endzeitmacht
in ihrer letzten Ausprägung. Die Bibel sagt deutlich, dass
zehn „Könige“ – wir würden sie
heute Präsidenten oder Premierminister nennen – ihre
Macht und Autorität einem höchsten Führer
übertragen werden, der über sie alle herrschen wird.
Die EU hat ein mächtiges wirtschaftliches und politisches
System geschaffen, das Europa in die Lage versetzt, die globale
Führung zu übernehmen. Die endgültige
europäische Macht wird daraus entstehen. Wie genau das
geschehen wird, bleibt abzuwarten.
Aber Europa ist sehr weit gekommen, sogar in den etwas
über fünf Jahren, seit T. R. Reid, der
frühere Bürochef der Washington Post in
London, sein Buch The United States of Europe: The New
Superpower and the End of American Supremacy geschrieben
hat.
„Zu Beginn des 21. Jahrhunderts“, schrieb er auf
der ersten Seite seines Buches, „ist eine geopolitische
Revolution von historischem Ausmaß auf der anderen Seite
des Atlantiks im Gange: die Vereinigung Europas. Einundzwanzig
Nationen [mittlerweile 27] haben sich vereint – mit etwa
einem weiteren Dutzend auf der Warteliste –, um eine
gemeinsame Wirtschaft, Regierung und Kultur zu schaffen. Europa
ist heute eine integriertere Region als jemals zuvor seit dem
Römischen Reich“ (2004).
T. R. Reid fährt fort: „Die neuen ,Vereinigten
Staaten von Europa‘, um Winston Churchills
Ausdruck zu gebrauchen, hat mehr Menschen, größeren
Reichtum und mehr Handel als die Vereinigten Staaten von
Amerika. Das neue Europa kann es mit Amerika nicht im Hinblick
auf Militärstärke aufnehmen – und will das auch
gar nicht. Aber es hat mehr Stimmanteile als die USA in allen
internationalen Organisationen und wendet weit mehr finanzielle
Mittel für die Entwicklungshilfe auf. Die Folge ist ein
globaler wirtschaftlicher und politischer Einfluss, der die
Europäische Union genau zu dem macht, was es nach dem
Willen seiner Führer sein soll: eine zweite Supermacht,
die den USA auf Augenhöhe begegnen kann.“
Seit Reids Buch erschienen ist, haben wir die frühen
Phasen einer internationalen Finanzkrise erlebt, eine
Übergangsperiode, in der Europa in Relation zu den USA
reicher geworden ist. Darin liegt eine große Ironie.
Großbritannien hat die dreizehn Kolonien gegründet,
die am Ende zu den Vereinigten Staaten wurden, die, weniger als
zwei Jahrhunderte später, Londons Führungsrolle in
der Welt übernahmen. Auf ähnliche Weise erzwang
Amerika durch den Marshallplan, ein Hilfsprogramm der
US-Regierung, mit dem Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wieder
mobil gemacht werden sollte, die Frühphase eines vereinten
Europas.
„Der Marshallplan . . . war ein gemeinsames
europäisch-amerikanisches Programm zur Neugestaltung der
Wirtschaften der westlichen europäischen Länder. Es
war dazu gedacht, sie enger zusammenzubringen, ihnen wieder auf
die Füße zu helfen, ihnen soziale und politische
Stabilität zu verleihen und sie erneut zu gleichwertigen
Handelspartnern für den Rest der Welt zu machen. Er hat
all das erreicht. Er hat auch, unter amerikanischem Druck, den
Keim für die Europäische Union gesät“
(Moss, Seite 100).
Washington wollte sich nicht mit sechzehn einzelnen
europäischen Ländern, die alle Hilfe brauchten,
abgeben müssen. Deshalb hat es sie dazu ermutigt,
miteinander zu kooperieren und wirtschaftlich
zusammenzuarbeiten. Dieses anfängliche Projekt führte
zu einem „immer engeren Zusammenschluss“ und zur
heutigen Europäischen Union, die jetzt dabei ist, mit den
USA auf allen Gebieten zu konkurrieren. Wie Washington einst
die Rolle von London übernahm, wird die Entwicklung in
Europa am Ende dazu führen, dass Europa Washingtons
Führungsrolle in der Welt übernimmt.
Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie in unserer
kostenlosen Broschüre Amerika
und Großbritannien: Was sagt die Bibel über ihre
Zukunft?, die Sie bei uns bestellen oder im Internet als
PDF-Datei
herunterladen können.
– GN Mai-Juni 2010

Gute Nachrichten
Postfach 301509
D-53195 Bonn
|
| Telefon: |
(0228) 9 45 46 36 |
| Fax: |
(0228) 9 45 46 37 |
| E-Mail: |
info@gutenachrichten.org |