Vorsicht: Prophezeiungen!

Nicht alle Prophezeiungen sind beachtenswert – nicht einmal die verlockendsten und faszinierendsten! Für Leichtgläubige besteht die Gefahr, sich falschen Informationen auszusetzen und deshalb nicht mehr auf echte prophetische Botschaften zu hören. Zwei „Propheten“, deren Botschaften weit verbreitet sind, verdeutlichen das Problem.

Von Cecil E. Maranville

Das Interesse an Prophezeiungen ist seit den Anschlägen vom 11. September in die Höhe geschnellt. Religiöse Autoren vermarkten verstärkt ihre prophetischen Bücher. Selbst weltliche Veröffentlichungen behandeln dieses Thema. In einer Zeit, in der das Internet zum Alltag gehört, werden uralte Prophezeiungen per Email mit einer Geschwindigkeit verbreitet, die ihre seit langem verstorbenen „Propheten“ in großes Erstaunen versetzen würde.

Eine der bekanntesten „Prophezeiungen“, die auf diese Weise verbreitet wird, ist eine Botschaft, von der gesagt wird, daß sie von dem Arzt und Propheten Nostradamus aus dem 16. Jahrhundert geschrieben worden ist. Vielleicht haben Sie diese Email auch erhalten: „In der Stadt Gottes wird ein großes Donnern ertönen. Zwei Brüder werden durch Chaos auseinandergerissen werden, während die Festung, die Verteidiger und der große Führer sich geschlagen geben werden. Der dritte Krieg wird in der großen Stadt, die brennt, beginnen“ (Nostradamus, angeblich aus dem Jahr 1654).

Im Umlauf ist auch eine andere Botschaft, die die „Stadt Gottes“ mit der „Stadt New York“ ersetzt. Noch eine andere lautet: „Am elften Tag des neunten Monats werden zwei metallene Vögel in zwei große Statuen einer neuen Stadt stürzen, und die Welt wird kurz darauf zu Ende gehen.“ Es gibt noch weitere Versionen solcher Botschaften, die ganz offensichtlich dazu bestimmt sind, zu zeigen, daß Nostradamus den Terroranschlag vom 11. September auf das World Trade Center voraussagte.

Dieser Behauptung stellt sich aber ein Problem entgegen: Nostradamus starb bereits 1566! Er kann also im Jahr 1654 unmöglich eine Botschaft geschrieben haben. In der Tat hat er keine der Botschaften, die derzeit im Internet verbreitet werden, wirklich geschrieben.

Es wurde allerdings eine Botschaft geschrieben, die der ersten sehr ähnlich ist – aber nicht von Nostradamus, sondern von Neil Marshall, einem kanadischen Studenten. Neil Marshall erläuterte 1997 in einem Essay über Nostradamus, wie leicht dessen „Prophezeiungen“ dazu manipuliert werden können, alle möglichen Voraussagen zu machen (Urban Legends Reference Page, © 1995-2001 von Barbara und David P. Mikkelson).

Wahrscheinlich gab jemand das Suchwort „Nostradamus“ ein und bekam dann diesen Essay. Und ohne sich dann darum zu bemühen, den Kontext zu lesen, wurde der bestimmte Text dann mehrfach als Email in die ganze Cyberwelt geschickt!

Selbst wenn Nostradamus ein wahrer Prophet gewesen wäre (was nicht der Fall ist), und selbst wenn seine Vorhersagen eingetroffen wären (was auch nicht der Fall ist), würden diese Faktoren ihn nicht als jemanden qualifizieren, dessen Schriften man lesen und beachten sollte. Warum nicht? Auf die Antwort kommen wir etwas später in diesem Artikel.

Die „Prophezeiungen“ des Malachy O’Morgair

Auch die Prophezeiungen eines anderen Mannes, den viele für einen Propheten halten, werden weit verbreitet. Im 12. Jahrhundert hatte ein irischer Erzbischof namens Malachy O’Morgair eine Reihe von Visionen, die er niederschrieb und dem Papst vorlegte. Aus irgendwelchen Gründen gelangten diese 111 Prophezeiungen in das Archiv des Vatikans, wo sie für die nächsten viereinhalb Jahrhunderte vergessen wurden.

Als sie dann „wiederentdeckt“ wurden, behaupteten einige Leute mit viel Phantasie, die Prophezeiungen von Malachy O’Morgair würden die Namen aller Päpste von Innocent II. bis zum jetzigen Papst voraussagen. Natürlich wurde kein Papst mit Namen erwähnt, weil die „Prophezeiungen“ von Malachy in derselben nichtssagenden Sprache wie die des Nostradamus verfaßt wurden. Es ist deshalb sehr leicht, eine Bedeutung in sie hineinzulesen.

Vielleicht haben Sie schon einmal von der „Prophezeiung“ gehört, daß der gegenwärtige Papst der vorletzte Papst sei, ohne zu wissen, daß diese Voraussage aus den „Prophezeiungen“ Malachys stammt. Weil viele Leute sich nicht darum bemüht haben, die Person Malachy und seine Botschaften in einem größeren Zusammenhang zu sehen, sind sie dazu verleitet worden, dieser einzigen „Prophezeiung“ eine nicht gerechtfertigte Glaubwürdigkeit zuzuschreiben.

Die unbestimmte Sprache ist nur eines der Merkmale, die der Glaubwürdigkeit seiner Botschaften abträglich sind. Die Papstliste Malachys beinhaltet auch die sogenannten Anti-Päpste – Männer, die von der katholischen Kirche nicht als Päpste anerkannt werden. Im Gegensatz zu denjenigen, die meinen, daß man aus der Liste deutlich erkennen könne, der nächste Papst werde der letzte sein, stellt nicht einmal die Catholic Encyclopedia solch eine Behauptung auf:

„Nach der Liste des St. Malachy soll Petrus Romanus der letzte Papst sein. Die Prophezeiung sagt aber nicht, daß zwischen ihm und seinem Vorgänger kein weiterer Papst stehen wird ... Sie sagt nur, daß er der letzte sein soll, so daß wir von so vielen Päpsten, wie es uns gefällt, ausgehen können, die noch vor ,Petrus dem Römer‘ erscheinen können“ (Stichwort „Prophecy“).

(Falls Sie sich fragen, was Malachy über den letzten Papst vorhergesagt hat: Es waren nur ein paar zusammengestellte Worte aus den Prophezeiungen, die man im Buch Offenbarung nachlesen kann. Die Beschreibung der Bibel ist hingegen viel genauer als die des Malachy.)

Trotz der Tatsachen, die man über Malachy erfahren kann, werden Sie wahrscheinlich noch eine Menge über seine Prophezeiungen hören. Es entsteht nämlich gerade ein Spielfilm über ihn, der 2002 in die Kinos kommen soll: The End of Time [„Das Ende der Zeit“]. Der Film handelt von einem abtrünnigen Mönch, der versucht, die Wahl des letzten Papstes zu verhindern.

Im Drehbuch des Films geht es um den Glauben des Mönchs an Malachys Prophezeiungen, die natürlich von den Filmemachern als 100 Prozent gültig dargestellt werden. Der einfache Mönch muß die großen politischen Führer dieser Welt von der Katastrophe überzeugen, die sie mit ihrer Untätigkeit herbeirufen, indem sie die Wahl des „letzten Propheten“ nicht verhindern.

Manchmal ist Dichtung in Wirklichkeit eine Nachahmung der Wahrheit. Diejenigen, die sich mit biblischer Prophezeiung befassen, wissen, daß die Bibel tatsächlich voraussagt, daß ein religiöser Führer eine bedeutende Rolle in der Krescendo der Menschheitsgeschichte am Ende des Zeitalters spielen wird. Es ist eine Schande, daß die biblische Botschaft möglicherweise von einem Betrug oder einem Spielfilm überschattet wird. Aus diesem Grund sollten wir über die Art dieser falschen Prophezeiungen informiert sein.

Der Zweck der Prophezeiung

Was sind „gute“ Prophezeiungen? Welchen Zweck erfüllen sie? Welche Bedeutung hätte es für Sie, wenn ein echter Prophet heute in Ihr Leben treten würde und Ihnen sagen könnte, was morgen geschehen wird? Warum wollen so viele Leute die Zukunft wissen?

Es ist eindeutig, daß viele Leute nach dem 11. September wissen wollen, welche Katastrophen bevorstehen, damit sie sich selbst und ihre Familien schützen bzw. retten können. Wo wird die nächste Bombe explodieren? Wohin wird der nächste mit Milzbranderregern verseuchte Brief geschickt werden? Es ist natürlich, daß man Vorkehrungen für die Zukunft treffen möchte, aber das alles ist nicht der Zweck für die Prophezeiungen der Bibel.

Auch unter uns in der Gemeinde kann es eine Neugierde über die prophetische Entwicklung geben, welche nicht dem Zweck entspricht, zu dem die Prophezeiungen der Bibel geschrieben wurden. In einer der Gemeinden, die ich als Pastor betreute, luden mich ab und zu zwei Brüder zu sich nach Hause ein, damit ich ihre Fragen zur Bibel beantwortete. Ihre Fragen drehten sich immer um dasselbe Thema: Was wird als nächstes in der Prophezeiung stattfinden?

Es bestand keine Gefahr für ihr Leben, denn so etwas wie den 11. September hatte es noch nicht gegeben. Eine andere Motivation ließ sie mehr über die Prophezeiung wissen wollen. Ihr Interesse glich demselben Interesse von Millionen Menschen, die sich den Spielfilm End of Time anschauen werden: Es geht um den Unterhaltungswert. Sie wollen von den geheimnisvollen Aspekten und den erschreckenden Aussagen der Bibel verängstigt werden, die insgesamt die Prophezeiung ausmachen. Die zwei Brüder hatten zwar das biblische Grundgerüst des prophetischen Geschehens kennengelernt, aber wie so viele andere Menschen verstanden auch sie die Gründe für die Prophezeiungen der Bibel nicht.

Kennen Sie sie? Die Bibel offenbart die erstaunliche Zukunft, die Gott für die Menschen vorgesehen hat. Zum Kern des Vorhabens Gottes mit der Menschheit gehören viele großartige Verheißungen. Diese Verheißungen lassen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen – auf eine einzelne grundlegende Verheißung.

Gott verspricht, uns alles Notwendige zur Verfügung zu stellen, damit wir eine Beziehung zu ihm haben und diese dann als seine Kinder in alle Ewigkeit pflegen können. Nichts liegt unserem Schöpfer mehr am Herzen als diese Verbindung.

Durch die Prophezeiungen der Bibel können wir erkennen, wie logisch und realistisch Gottes Absicht ist, das Leiden und die Probleme der Menschheit, die – wie die Geschichte zur Genüge beweist – wir aus eigener Kraft heraus nicht lösen können.

Ein weiteres wichtiges Thema in der biblischen Prophezeiung ist, daß die Bibel die Geschichte zweier Familien darlegt. Die erste Familie ist die von Adam, dem physischen Vorfahren aller Menschen. Bei der zweiten Familie geht es um Abraham, den Vater all derer, die Gott und seinen Verheißungen glauben (Römer 4,9. 11). Gott sieht diejenigen, die im geistlichen Sinne treu wie Abraham werden, wie seine persönliche Familie an: seine eigenen Söhne und Töchter (2. Korinther 6,18).

Die in der Bibel offenbarte Zukunft wird nicht eher abgeschlossen sein, bis alle Menschen die Gelegenheit bekommen haben, ein ewiges Erbe auf einer neugestalteten Erde anzutreten oder aber dieses Erbe und die Gnade Gottes abzulehnen (Offenbarung 20,14-15).

Ganz einfach ausgedrückt dient die biblische Prophezeiung als Motivationshilfe für die Veränderung der persönlichen Lebensführung. Sie ist nicht dazu da, daß man nur seine Investitionen und seinen Wohnort im Interesse der eigenen Sicherheit und des eigenen Wohlergehens bestimmten oder ändern kann. Sie ist auch nicht als „letzte Warnung“ bestimmt, damit die Menschen sich „mit Gott versöhnen können“, bevor sie sterben. Statt dessen soll sie dazu dienen, daß Menschen sich in normalen Zeiten ändern und Gott dienen wollen.

Schließlich müssen wir bedenken, daß es nicht entscheidend ist, ob ein Mensch die Zukunft wirklich voraussagen kann, sondern ob er zum Gehorsam gegenüber Gott ermahnt: „Wenn ein Prophet oder Träumer unter euch aufsteht und dir ein Zeichen oder Wunder ankündigt und das Zeichen oder Wunder trifft ein, von dem er dir gesagt hat, und er spricht: Laß uns andern Göttern folgen, die ihr nicht kennt, und ihnen dienen, so sollst du nicht gehorchen den Worten eines solchen Propheten oder Träumers; denn der HERR, euer Gott, versucht euch, um zu erfahren, ob ihr ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebhabt“ (5. Mose 13,2-4).

Nach diesem Unterscheidungsmerkmal sind „Propheten“ wie Nostradamus, Malachy O’Morgair usw. abzulehnen. Ihre „Prophezeiungen“ und ihr Wirken waren nicht darauf gerichtet, die Menschen ihrem Schöpfer näherzubringen. Das Gegenteil war eher der Fall. Bei Prophezeiungen ist also Vorsicht geboten!

– INTERN Dezember 2001 PDF-Datei dieser Ausgabe

Gute Nachrichten
Postfach 301509
D-53195 Bonn

Telefon: (0228) 9 45 46 36
Fax: (0228) 9 45 46 37
E-Mail: info@gutenachrichten.org

 Artikel drucken ]  Artikel versenden ] Artikel kommentieren ]


© 1997-2014     Alle Rechte vorbehalten  
Valid XHTML 1.0