Aus erster Hand: Ich war ein Flüchtling

Was erwarten Flüchtlinge in ihrem neuen Gastland? Und was erwartet man von ihnen? Der Präsident der United Church of God berichtet aus eigener Erfahrung.

Von Victor Kubik

Wer möchte seine Lage im Leben mit der eines Flüchtlings aus dem Nahen Osten tauschen? Bei aller Diskussion über die Bewältigung der Flüchtlingsproblematik im Westen sind die Bilder aus dem vom Krieg zerrissenen Syrien herzzerreißend.

Fast kein Tag vergeht, ohne dass wir etwas in den Nachrichten über Flüchtlinge hören. Hunderttausende sind bereits aus dem Nahen Osten geflohen und andere wollen noch fliehen. Ihre Lage wird leider durch islamische Extremisten erschwert, die die massiven Flüchtlingsströme bereits genutzt haben, um in westlichen Ländern Unterschlupf zu finden. Dadurch wird die öffentliche Meinung verständlicherweise negativ beeinflusst.

Was erwartet die Flüchtlinge, die seit Monaten Aufnahme in der Europäischen Union und anderen Ländern finden? Aus eigener Erfahrung kenne ich drei Lektionen, die jeder Flüchtling in seinem Gastland beherzigen muss – Lektionen, die auch für Christen eine praktikable Anwendung haben.

Mein Leben begann als Flüchtlingskind nach dem Zweiten Weltkrieg. Ich bin sehr dankbar, dass meine Familie ein Zuhause in den USA gefunden hat. Meine Eltern waren während des Kriegs Zwangsarbeiter in Deutschland.

Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1941 in die Ukraine wurden sie zwangsweise für die Arbeit in deutschen Fabriken verpflichtet. So fanden sie sich als Teenager in Magdeburg wieder.

Nach dem Krieg wollten sie nicht in die Sowjetunion repatriiert werden, weil sie erfahren hatten, wie man dort mit den in Deutschland tätigen Zwangsarbeitern umging, obwohl man zur Arbeit gezwungen wurde. Meinen Eltern gelang daher die Flucht vor den sowjetischen Besatzern im Osten Deutschlands nach Hannover in der damaligen britischen Besatzungszone. Dort fanden sie Aufnahme in ein von der UNO verwaltetes Flüchtlingslager, das dann vier Jahre lang ihr Zuhause war.

Dort heirateten sie 1945, und ich kam dort 1947 zur Welt. Es war keine einfache Zeit für die Menschen in Deutschland, ob Flüchtlinge oder nicht. Lebensmittel wurden streng rationiert und viele Kinder – auch ich – waren unterernährt, wodurch die Kindersterblichkeit hoch war. Meine Eltern hofften auf die Aufnahme in ein Land wie Kanada, Australien, den USA oder in Lateinamerika. Doch jedes Mal wurde der Antrag abgelehnt und der Zustand meiner Eltern als Staatenlose blieb unverändert.

Nach vier Jahren der Enttäuschungen waren sie so weit, dass sie sogar eine Rückkehr in die Ukraine in Erwägung zogen. Ihre Eltern schrieben ihnen: „Kommt nicht zurück! Hier gibt es nichts für euch und man wird euch nicht willkommen heißen. Euer Sohn könnte sogar getötet werden!“

1. Flüchtlinge brauchen einen Sponsor

Wie durch ein Wunder gab es dann eine Einladung zur Einreise in die USA! Durch Freunde von Freunden und weitläufigen Verwandten erklärte sich ein Professor an der Universität von Minnesota bereit, unser Sponsor zur Einreise zu sein. Er war selbst ukrainischer Abstammung. So konnte unsere junge Familie in die USA reisen: mein Vater, 25 Jahre alt, meine Mutter im Alter von 23 Jahren, und ich, ganze zwei Jahre alt.

Im Juli 1949 bestiegen wir ein Truppentransportschiff in Bremerhaven für die Reise nach New York. Dort landeten wir an der Ellis Island, wo wir mit Tausenden Einreisenden abgefertigt wurden. Im benachbarten Bundesstaat New Jersey stiegen wir in den Zug ein und fuhren nach Faribault, Minnesota, wo meinem Vater eine Arbeitsstelle in einem Apfelgarten zugesagt war. Ein Jahr später zogen wir nach St. Paul, Minnesota, etwa eine Autostunde entfernt. Dort wurde mein Vater als Automechaniker ausgebildet.

Meine Eltern waren unserem Sponsor, Dr. Granowsky, unendlich dankbar, und als Kinder wurden wir angewiesen, ihm immer Dankeschön zu sagen, wenn wir ihn sahen. Er ist wirklich unser Retter in der Not gewesen.

2. Flüchtlinge müssen sich anpassen

Als ich eingeschult wurde, wollten meine Eltern sich einbürgen lassen. Sie mussten Englisch lernen. Sie mussten wissen, wie das amerikanische Staatswesen mit der Legislative, Exekutive und Judikative funktioniert. (Ich lernte es auch, indem ich zuhörte, wie sie sich gegenseitig abfragten.)

Sie mussten wissen, wer ihr Kongressabgeordneter und die zwei Senatoren des Bundesstaats Minnesota waren – und viele andere Dinge. Um amerikanische Staatsbürger zu werden, mussten sie die Landessprache beherrschen und wissen, wie das Leben in den USA funktioniert. Sie mussten sich dem Rechtswesen der USA unterordnen.

3. Flüchtlinge nehmen eine neue Identität an; zurückschauen geht nicht

Als Zweitklässler im Alter von sieben Jahren erhielt auch ich auf dem Amtsgericht meine Einbürgerungsurkunde. Zuvor war ich staatenlos, ohne Pass und mit einer Geburtsurkunde, die auf Zeitungspapier gedruckt war. Aber dann war ich amerikanischer Staatsbürger!

In der Schule gab es eine Feier für mich und meine Lehrerin sagte mir, dass ich als Amerikaner heranwachsen würde, anders als in der Heimat meiner Eltern. Unsere Familie musste nach vorne schauen. Eine Rückkehr in die frühere Heimat war ausgeschlossen.

Die Erlebnisse von damals beeindrucken mich immer noch, mehr als 60 Jahre später.

Meine Eltern haben gearbeitet, um ihre fünf Kinder gut zu versorgen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie jemals Sozialhilfe oder -leistungen in Anspruch nahmen. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt selbst.

Wie sich die Dinge im Hinblick auf die Flüchtlinge der letzten Jahre verändert haben! Viele von ihnen haben es vernachlässigt – oder abgelehnt –, die Landessprache ihres Gastlandes zu erlernen. Sie interessieren sich kaum für das Staatswesen in ihrem neuen Land. Und in manchen Fällen wollen sie nach ihrem eigenen Rechtsverständnis und ihren Traditionen leben.

Als Christen suchen wir das Bürgerrecht im Reich Gottes

Christen waren in einem Sinne wie Flüchtlinge – und sind es immer noch. Wir wandern in dieser chaotischen Welt auf der Suche nach unserer letztendlichen Heimat, die nicht irdischen Ursprungs ist. Wir wollen verstehen, wer wir sind und was die große Bestimmung unseres Lebens ist.

Und Gott, der Vater, hat uns sozusagen einen Sponsor vermittelt: Jesus Christus. Er hat uns aus der Welt errettet und unseren Status als Flüchtlinge aufgehoben, indem er uns die sichere Aufnahme in das ewige Reich Gottes verspricht.

Wer in Gottes Reich eingebürgert werden will, muss Gottes Rechtswesen und Gesetz annehmen und danach leben. Vor unserem symbolischen Antrag auf Einbürgerung lebten wir gesetzlos bzw. nach dem Rechtswesen der Sünde, was mit dem Bürgerrecht in Gottes zukünftigem Reich unvereinbar ist.

Als ehemalige geistliche Flüchtlinge bekommen wir eine neue Identität, denn durch die Reue legen wir unsere frühere Identität ab. Nunmehr repräsentieren wir unsere neue Regierung, das Reich Gottes.

Die biblische Heilsgeschichte zeigt, wie Gott umherirrenden Flüchtlingen eine Bleibe bietet. Gott zeigt uns eine neue Lebensweise und gibt uns eine neue Identität, die wir für nichts eintauschen würden. Für uns gibt es kein Zurück mehr.

Wenn wir uns einmal dazu verpflichtet haben, Gott gehorsam zu sein und uns ihm unterworfen haben, müssen wir diese Verpflichtung bis zum Ende unseres Lebens beibehalten. Wir dürfen uns nicht wieder davon abwenden.

Wir können das Heil verlieren, wenn wir darin versagen, bis zum Ende auszuharren. Wir kennen die Geschichte von Jesus und seinen Antworten auf die Einwände von drei Männern, die sich nicht vorbehaltlos verpflichten wollten:

„Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes“ (Lukas 9,57-62; alle Hervorhebungen durch uns).

Der Apostel Petrus beschreibt diejenigen, die Christen geworden sind, mit folgenden Worten: „Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; die ihr einst nicht ein Volk wart, nun aber Gottes Volk seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid“ (1. Petrus 2,10).

Und im Buch Rut finden wir eine Geschichte, die auch zu uns passt: Wir lesen, wie die Witwe Noomi versucht, ihre beiden ebenfalls verwitweten Schwiegertöchter zu überreden, in ihre Heimat nach Moab zurückzukehren, anstatt Noomi nach Israel zu begleiten: „Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten?

Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einen Mann zu nehmen. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einen Mann nehmen und Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch so lange einschließen und keinen Mann nehmen? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand ist gegen mich gewesen.

Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber blieb bei ihr. Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. Rut antwortete: Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott“ (Rut 1,8-16).

Rut emigrierte nach Israel und nahm eine neue Identität an. Sie ließ ihre moabitische Vergangenheit hinter sich.

Die Berichterstattung über die vielen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten ließ mich an meine eigene Vergangenheit denken, als meine Eltern und ich als Flüchtlinge Aufnahme in die USA fanden. Ich bin sehr dankbar, dass ich nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat gefunden habe.

Ich bin aber weitaus dankbarer für die Perspektive einer neuen ewigen Heimat, die Gott mir durch meinen „Sponsor“, Jesus Christus, verspricht. Auf mein neues Bürgerrecht im Reich Gottes freue ich mich! „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann“ (Philipper 3,20-21).

Sind Sie ein heimatloser geistlicher Flüchtling? Ich empfehle Ihnen unsere kostenlose Broschüre Der Weg zum ewigen Leben – unauffindbar?, die Ihnen helfen kann, eine neue „Heimat“ für Ihr Leben zu finden.

Habe ich Sie mit meinem Beitrag bewegt? Schreiben Sie mir per E-Mail an victor_kubik@gutenachrichten.org und teilen Sie mir Ihre Gedanken zum Thema Flüchtlinge mit.

– INTERN Mai-Juni 2016 PDF-Datei dieser Ausgabe

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