Mit Würde alt werden

Alt zu werden kann und sollte eine positive Erfahrung sein. Wie aber können die goldenen Jahre wirklich golden werden?

Wir können es nicht vermeiden. Sie und ich werden älter. Wir geben es nicht gerne zu, aber es ist so. Wir sind nicht mehr so jung, schnell oder stark, wie wir es einmal gewesen sind. Wahrscheinlich ist unser Erinnerungsvermögen auch nicht mehr so gut wie noch vor ein paar Jahren.

Die Auswirkungen des Alterns hinterlassen ihre Spuren auch an unserem Erscheinungsbild: Sie verändern unsere Haarfarbe (oder lassen ganze Teile des Haares verschwinden) und lassen unsere Bewegungen langsamer werden. Bestimmte Teile unseres Körpers sind nicht mehr so straff wie früher. Der ganze Alterungsprozeß scheint alles andere als würdig zu sein.

Es gibt aber viele positive Aspekte des Älterwerdens, und der Anteil der über 60jährigen an der Gesellschaft steigt stetig. Im Gesetz des alten Israels, eines Volkes, das seine Freiheit von der Sklaverei in Ägypten erlangt hatte, finden wir Richtlinien für die Gründung einer gut funktionierenden Gesellschaft. Über den Umgang mit dem älteren Geschlecht heißt es in diesem Gesetz: „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren“ (3. Mose 19,32).

Respekt und Höflichkeit gegenüber älteren Menschen sollte u. a. den Beitrag ehren, den diese Menschen durch ihr Alter und ihre Erfahrung zum Vorteil der Gesellschaft geleistet haben – und nach wie vor leisten können. Es ist schon interessant, daß die Kulturen Asiens, die in ihrer Mehrheit weitgehend nichtchristlich sind, sich oft mehr nach diesem biblischen Prinzip richten als die westliche Gesellschaft.

Freilich sollten die Senioren eines Landes mit ihren Nachbarn immer so umgehen, daß sie respektiert werden können. Respekt muß nämlich immer verdient und kann nicht auf Geheiß erzwungen werden. Wie geschieht dies? Wie können wir würdig alt werden und dabei die Achtung anderer gewinnen?

Körperliche Kraft realistisch sehen

Jedes Alter hat seine besonderen Freuden und Probleme. Wenn uns die Bedürfnisse, Realitäten und Verantwortungen einer jeden Altersstufe bewußt sind, werden wir viel eher in der Lage sein, einen positiven Beitrag zu leisten.

In späteren Jahren wird sich die Produktivität einer Person, besonders die physische, unausweichlich vermindern. Das macht einen aber nicht faul. Altern ist einfach ein natürliches Geschehen. Deshalb ist es nicht klug oder richtig, sich mit den physischen Fähigkeiten eines 20jährigen zu vergleichen, wenn wir älter werden: „Ich kann genauso viel arbeiten wie ein junger Mann“ oder „Ich stelle noch jeden 20jährigen in den Schatten“.

Es ist unrealistisch zu erwarten, daß wir die gleiche physische Arbeit erledigen können, die wir noch vor einigen Jahrzehnten schaffen konnten. Mit solchen Bemerkungen verdient man sich keinen Respekt bei jüngeren Leuten, denen sonst durch das Verständnis und die Weisheit der Älteren geholfen werden könnte.

Wenn wir mit zunehmendem Alter nicht mehr die körperliche Leistung früherer Jahre bringen, können wir uns auf geistliche, intellektuelle und gesellschaftliche Werte konzentrieren. Ältere Menschen können nämlich mit ihrer in vielen Lebensjahren gewonnenen Erfahrung und Weisheit der jüngeren Generation eine große Hilfe sein.

Senioren mit Köpfchen

Eine erfahrene ältere Person, die Fähigkeiten besitzt, die sie durch Anstrengung und Überlegung über viele Jahre entwickelt hat, ist eine unschätzbare Wissensquelle. Geschäftliches Know-how kann freilich wie alles andere mit der Zeit entwickelt werden, aber man muß nicht unbedingt die gleichen Fehler wie andere machen. Wenn erfahrene Menschen anderen helfen, ihre eigene Selbständigkeit zu gründen, leisten sie einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft. Das ist einer der Gründe, warum die Gruppe „Senioren helfen jungen Unternehmern“ im Raum Hamburg gegründet wurde.

Der englische Dichter Robert Browning beschrieb einmal den Kern des Älterwerdens, indem er beobachtete, wie er immer mehr an seinem Eigentum hing, seine Augen, sein Lachen immer schwächer wurden, sein Seufzen länger, wie ihm die Kleidung immer unwichtiger wurde, das Gold dafür um so wichtiger, ja er wurde weise und älter. Brauning fing das Wesentliche des Älterwerdens ein, sowohl die Realität (welche nicht umgangen werden kann) als auch bestimmte Neigungen des Alters (welche man vermeiden kann und sollte). Er gab uns einen wertvollen Hinweis dafür, unsere weniger wünschenswerten natürlichen Neigungen während dieser Jahre zu überwinden.

Falten kommen von ganz allein. Cremes helfen dagegen wenig. Manchmal sind wir überrascht, daß alles so verhältnismäßig gut läuft. Es wäre herrlich, wenn wir reich werden und gesund bleiben würden und jeden Moment unseres Älterwerdens genießen könnten, aber das ist nicht das Schicksal der meisten von uns. Der Ruhestand bedeutet nicht nur Erholung. Gleichmut, Schweigen, Klagen oder gar das Vortäuschen guter Umstände machen alles nur noch schwieriger.

Hilfsbereitschaft und Fröhlichkeit

Es ist wichtig, daß wir im Rahmen unserer Leistungsgrenzen Gelegenheiten zum Helfen und Dienen mit Fröhlichkeit wahrnehmen. Sonst könnte die nachfolgende Erzählung uns gelten:

Ein junger Mann fragt einen alten Mann: „Was ist die größte Last deines Alters?“ Der Greis antwortete: „Ich habe nichts mehr zu tragen.“ Wir sollten versuchen, daß uns dieses Unglück nicht befällt. Einige Dinge können wir nicht mehr länger tun, aber es gibt so viel, was wir geben können. Der Altersprozeß sollte unsere Fähigkeit oder unseren Wunsch, anderen zu helfen, nicht ersticken.

Die Lebenserinnerungen können schön sein, aber viele sind es auch nicht. Depressionen, der Verlust von Freunden und Kameraden, der physische Verfall – die Liste läßt sich fortsetzen – können uns sowohl physisch als auch geistig zermürben. Es ist nicht gesund, unsere Probleme ständig neu aufzuarbeiten. Wir müssen die richtigen Lehren daraus ziehen und versuchen, so zu leben, daß andere, besonders junge Menschen, sich für das interessieren können, was wir ihnen mitzuteilen haben.

Wir tun unserer Glaubwürdigkeit keinen Gefallen, wenn wir sagen: „Als ich in deinem Alter war, haben wir es besser gemacht“ oder „Du bist zu jung, um dich daran zu erinnern.“ Unser Wissen können wir jüngeren Menschen nur dann vermitteln, wenn sie von sich heraus mehr über unseren Erkenntnisschatz erfahren möchten. Wir sollten deshalb unser Wissen als bereitwillige Gönner vermitteln und nicht als diejenigen, die aus ihrer großen Lebenserfahrung heraus nur auf die Fehler der Jüngeren hinweisen und ihre Zuhörer herabsetzen.

„Das Beste kommt noch“ ist ein Cliché, das für älter werdende Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge nicht unbedingt so selbstverständlich ist. Erlauben Sie aber nicht, daß die voranschreitenden Jahre Ihre Begeisterung, Ihr Beispiel, Ihren Mut und Ihre Standfestigkeit vermindern.

Alt ist oft ein schönes Wort. Ein Haus, das über Jahrhunderte steht und Herberge geboten hat, wird durch Denkmalschutz geehrt. Antiquitäten werden geschätzt. Selbst alte Autos ziehen die Aufmerksamkeit wegen ihrer Seltenheit und ihres Wiederverkaufswertes auf sich. Mit den Jahren können Menschen im besten Sinne des Wortes zu Antiquitäten werden – um ihrer Seltenheit, Qualität und Fähigkeit willen, den Test der Zeit bestanden zu haben.

Ein lebender, gehender „Schatz“

Tragen Sie Ihre Jahre voller Zuversicht, wie eine Schatztruhe, die mit Informationen, Wissen und hart erworbener Weisheit gefüllt ist. Halten Sie Ihr Herz und Ihren Verstand durch Begeisterung lebendig, auch wenn Gebrechlichkeiten Sie dazu zwingen mögen, weniger aktiv zu sein. Mit zunehmendem Alter schwindet die Energie etwas dahin, und wir brauchen etwas länger, um Dinge zu erledigen. Dabei besteht die Gefahr, daß wir auch zulassen, daß unsere Interessen und unsere Begeisterung nachlassen. Seien Sie deshalb wachsam.

Wenn Sie aufgrund zunehmenden Alters Ihre Aktivitäten mehr einschränken müssen, als Ihnen lieb ist, können Sie Ihre Reise durch Ihren Lebensabend genießen, auch wenn das Tempo etwas langsamer ist, als es einmal war. Genießen Sie die Reise und bleiben Sie dabei guten Mutes, damit andere sie mit Ihnen genießen können.

Betrachten Sie diese Stufe des Lebens als eine Art Abschlußarbeit. Schreiben Sie Ihre Pläne für den Tag nieder – Bücher, die Sie lesen wollen; Freunde, die Sie anrufen sollten; Briefe, die Sie schreiben möchten. Statt der Versuchung zu erliegen, nur herumzusitzen und die Fernsehprogramme zu konsumieren, denken Sie daran, daß das Fernsehen nur wenig mit Substanz bietet. Die Informationen, die es bietet, tragen vielleicht nur wenig zur Weisheit oder Erfahrung bei, die es wert sind, an andere weitergereicht zu werden.

Eine Definition der Würde ist, „in der Lage zu sein, großzügig oder hilfreich zu sein“. Wir können unsere Erfahrungen für andere gewinnbringend weiterreichen, während wir würdig älter werden.

– GN September-Oktober 2001 PDF-Datei dieser Ausgabe

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