Jerusalems Tempelberg
als Mittelpunkt des Konfliktes

Jerusalems Tempelberg als Mittelpunkt des Konfliktes © dtamez/Pixabay
Ein Streit zwischen orthodoxen Juden, die sich Zugang zum Tempelberg wünschen, und den Muslimen, die derzeit für den Tempelberg verantwortlich sind, scheint unvermeidbar zu sein.

GN-Interview mit Dr. Leen Ritmeyer

Gute Nachrichten: Erzählen Sie uns in wenigen Worten, warum Jerusalem aus biblischer Sicht so wichtig ist.

Leen Ritmeyer: Jerusalem wurde als Standort von Gott ausgewählt. Er schickte nämlich Abraham „in das Land Morija“ [1. Mose 22,2], an die Stelle des späteren Tempelbergs. Dort sollte Abraham seinen Sohn Isaak opfern als Vorausschau auf das Opfer Jesu Christi. Als Mose die Israeliten ins Gelobte Land führte, sagte Gott ihm, daß er einen Ort bestimmen wollte, damit „sein Name daselbst wohne“ [5. Mose 12,11]. Es ist also der einzige Ort in der ganzen Bibel, den Gott zu diesem Zweck ausgesondert hat.

Die Geschichte setzt sich mit David, der dort den ersten Altar errichtete, und Salomo, der den Tempel baute, fort. Jerusalem war die zentrale Stätte der Anbetung Gottes: Dort sollten sich alle Israeliten dreimal im Jahr versammeln, um die großen Feste Passah, Wochenfest [Pfingsten] und Laubhüttenfest zu halten. Für sie war es die einzige Stätte der Anbetung.

GN: Für drei monotheistische Weltreligionen ist Jerusalem heilig: Judentum, Christentum und Islam. Aus welchem Grund ist Jerusalem für Muslime heilig?

LR: Es geschah im 7. Jahrhundert, als Kalif Omar in Israel eindrang. Zu jener Zeit eroberten die Muslime den ganzen Nahen Osten und stießen auch nach Europa vor.

Bis dahin gehörten den Muslimen die beiden heiligen Stätten, Mekka und Medina, die durch die Präsenz Mohammeds etabliert wurden. Als Kalif Omar Jerusalem einnahm, entstanden alle möglichen Legenden. Er wollte das Allerheiligste des jüdischen Tempels finden. Später verknüpfte man das Allerheiligste mit der Legende, wonach Mohammed nach Jerusalem reiste und von dort aus, auf seinem Pferd sitzend, in den Himmel fuhr.

Deshalb wurde eine dritte heilige Stätte des Islams festgelegt, um der Himmelfahrt des Propheten Mohammed zu gedenken. Anfangs beteten die Muslime in Richtung Jerusalem, aber später orientierte man sich nach Mekka. Der Felsendom wurde ca. 700 n. Chr. gebaut, die al-Aksa-Moschee wurde erst später errichtet. Es gab zwar zahlreiche Renovierungen, aber beide Bauten haben sich nicht groß verändert.

GN: Danach schien Jerusalem viele Jahre lang den Muslimen nicht so wichtig zu sein. Was hat sich daran geändert?

LR: In der Tat spielte Jerusalem gegenüber Mekka und Medina sozusagen die zweite Geige. Seit der Staatsgründung Israels eskaliert der Konflikt zwischen Arabern und Juden immer weiter. Es gibt eine Stätte, den Tempelberg, die den Muslimen als drittheiligste und den Juden als einzige heilige Stätte gilt.

Freilich wissen wir anhand der Bibel und sogar durch die Archäologie, daß die Juden lange vor den Muslimen dort waren. Obwohl sie zur Zeit nur eine Minderheit in Israel sind, beanspruchen die Muslime nicht nur den Tempelberg, sondern ganz Israel für sich. Der Anspruch der Juden läßt sich viel weiter zurückverfolgen, zu biblischen Zeiten, aber die Muslime wollen das nicht wahrhaben. Andererseits behaupten die Muslime, daß sie seit 1300 Jahren im Lande sind und deshalb niemand das Recht habe, ihr Land zu besetzen.

Der Tempelberg wird immer mehr zum Mittelpunkt des Problems. Die Arbeiten, die die Muslime heute am Tempelberg durchführen, sollen ihren Anspruch auf das Areal festigen helfen.

Sie verwandeln unterirdische Bauten wie das „Goldene Tor“ [ein kammerartiges Tor, das König Herodes bauen ließ] und die „Ställe Salomos“ [eine massive Fläche aus der Zeit von Herodes und den Kreuzzügen, welche man früher irrtümlicherweise dem König Salomo zuschrieb] in Moscheen.

Unter dem Vorwand der Instandsetzung zerstören sie bzw. decken sie die Überreste des jüdischen Tempels zu, weil sie leugnen, daß es eine jüdische Präsenz auf dem Tempelberg überhaupt jemals gegeben hat.

GN: Widerspricht das aber nicht der Meinung früherer muslimischer Fachleute, die den Tempelberg als Standort des salomonischen Tempels anerkannten?

LR: Ja, gewiß. Gerade deshalb wollte man dort den Felsendom bauen. Kalif Omar erkundigte sich besonders nach dem Standort des Tempels, um einen Schrein zum Gedenken an die Himmelfahrt Mohammeds zu errichten.

GN: Wie ist es dazu gekommen, daß die Muslime die Kontrolle über den Tempelberg ausüben und alles andere in Jerusalem den Israelis unterstellt ist?

LR: Im 1967er Sechstagekrieg rangen die Israelis die gesamte Altstadt, zu der auch der Tempelberg gehört, den Jordaniern ab. Damals redeten einige Israelis davon, die Moscheen niederzureißen und den Tempel wieder aufzubauen. Die israelische Regierung hingegen fürchtete sich, sollte dieses Vorhaben umgesetzt werden, vor der internationalen Reaktion.

Deshalb tragen die Israelis Verantwortung für die Altstadt mit Ausnahme des Tempelberges, den sie den Muslimen überlassen haben. Das bedeutet jedoch nicht, daß sie tun und lassen können, was sie wollen. Sie haben das Recht, das ihnen von Israel gewährt wird, zur Ausübung ihrer Religionsfreiheit, zur Anbetung und Zugang zu ihren heiligen Stätten, obwohl die Muslime ihrerseits in den letzten Jahren Nichtmuslimen den Zutritt zum Tempelberg untersagt haben. Damit halten sie ihre Vereinbarung nicht ein.

Die ganze Altstadt ist freilich auch eine archäologische Zone. Nach dem Gesetz darf niemand ohne archäologische Aufsicht graben. In den letzten Jahren mißachten die Muslime dieses Gesetz mit ihrer Tätigkeit am Tempelberg.

GN: Können Sie uns diese Tätigkeit am Tempelberg aus archäologischer Sicht kommentieren?

LR: In den letzten Jahren ist das Areal der „Ställe Salomos“ ins öffentliche Interesse gerückt. Damit ist ein großer unterirdischer Saal gemeint, der Bauten aus der Zeit von Herodes, den Muslimen und den Kreuzfahrern umfaßt. Davon sind manche 2000 Jahre alt.

Um ihren Anspruch auf den Tempelberg zu festigen, verwenden die Muslime diverse unterirdische Bauten als religiöse Stätten – besonders die „Ställe Salomos“. Dieses unterirdische Areal war lange Zeit offen, aber kürzlich entschieden sie, es in eine Moschee umzuwandeln.

Das Problem liegt darin, daß sich der Zugang zu diesem großen unterirdischen Areal, das bis zu 10 000 Personen fassen kann, auf eine einzige enge Treppe beschränkte. Sollte irgend etwas passieren, wäre ein Entkommen unmöglich. Deshalb brauchten sie einen viel größeren Eingang zu dieser unterirdischen Kammer.

Sie wußten, daß sie dafür nie eine Baugenehmigung bekommen würden. Im Geheimen, mitten in der Nacht, gruben sie eine Fläche aus, ca. 30 m im Quadrat und 10 m tief. Mit Planierraupen hoben sie viel Erde aus und ließen alles auf Hunderten von Lastwagen abtransportieren, um eine große Treppe zu bauen, die zu ihrer Kammer hinabführt. Damit haben sie nicht nur viele archäologische Gegenstände zerstört, sondern auch – den Steinen nach zu urteilen, die aus der Grube entfernt wurden – eine große Mauer. Meiner Ansicht nach handelt es sich um eine Mauer, die ca. 700 v. Chr. von König Hiskia gebaut wurde.

Durch diese Ausgrabungen ist viel zerstört worden. Archäologen haben in der Regel nichts gegen das Graben, wenn man dabei die Dinge, die freigelegt werden, bewahrt. Mit Planierraupen zu arbeiten ist jedoch etwas ganz anderes. In dem Schutt, der in einem nahegelegenen Tal ausgekippt wurde, fand man schöne Bruchstücke von Toren, die Teil des herodianischen Tempelgeländes waren. Man kann sie zwar photographieren, aber man weiß die Stelle nicht, an der sie freigelegt wurden.

Es wurden auch viele große Bausteine aus Kalkstein gefunden, die aus wichtigen jüdischen Bauten stammen. Die Fundorte sind jedoch verschwunden. Als die Grube fertig war, fingen sie an, die altertümlichen Funde zuzudecken, so daß man gar nicht wissen kann, was sie alles zerstört haben. Manche Bausteine wurden zerlegt, damit man sie als Pflastersteine verwenden konnte.

Es ist eine traurige und gesetzeswidrige Situation. Trotz der Proteste vieler Archäologen und der Petitionen an die Regierung wurde nichts unternommen, um dies zu stoppen.

GN: In diesem Fall hatte die Motivation zumindest teilweise mit der Zerstörung von Beweisen einer jüdischen Präsenz am Tempelberg zu tun?

LR: Ja. Von früheren Begutachtungen der „Ställe Salomos“ wissen wir, daß es dort eine altertümliche Arche und viele herodianische Steine gibt. Innen sieht man an der südöstlichen Ecke die Überreste herodianischer Fenster, die Teil eines Turms waren.

In die Südmauer eingebaut ist ein schön verzierter herodianischer Stein mit Reben und einem geometrischen Muster. Wir wissen heute nicht, was aus ihnen geworden ist.

GN: Welche Bedeutung hat der Tempelberg für religiöse Juden?

LR: Für die meisten religiösen Juden ist es der einzige Ort, an dem sie Gott nach dem mosaischen Gesetz anbeten können. Viele Israelis interessieren sich nicht besonders für den Tempelberg, und die Vorstellung, daß man Tiere opfert, widert sie an.

Es gibt auch eine große Gruppe religiöser Juden, die weiß, daß sie Gott nach dem mosaischen Gesetz nicht anbeten kann, es sei denn, daß sie einen Tempel hat. Zwei Organisationen, die „Temple Mount Faithful“ [„Die Gläubigen des Tempelbergs“] und das „Temple Institute“, bemühen sich verzweifelt um die Anbetung auf dem Tempelberg. Sie fertigen die priesterlichen Gewänder, die goldenen und silbernen Gefäße, die silbernen Posaunen und den goldenen Leuchter an. Sie sind bereit, morgen dort anzubeten! Jedenfalls bis auf den Altar, der ihnen noch fehlt.

Angesichts der gegenwärtigen Umstände werden sie keinen Altar noch sonst etwas bauen dürfen. Ihr letztendliches Ziel ist die Errichtung eines Tempels. Das ist noch problematischer, weil der Felsendom auf der Stelle steht, wo einst der frühere jüdische Tempel stand.

Sie wissen deshalb, daß sie von sich aus keinen Tempel bauen können. Wie zur Zeit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil, als Serubbabel und Josua als erstes einen Altar bauten, wollen sie mit dem Bau eines Altars anfangen. Sie glauben, daß der Messias, sobald sie den Altar gebaut und mit dem Opfern begonnen haben, kommen wird, um ihnen beim Bau ihres Tempels zu helfen.

Jedes Jahr versuchen sie, einen Eckstein auf den Tempelberg zu bringen, um mit der Anbetung zu beginnen. Außerdem versuchen sie, einige der alten Rituale durchzuführen. Vor einigen Jahren haben sie das Passahlamm auf dem Berg Zion geopfert. Diese Leute drängen nach der Möglichkeit, Gott nach ihrem Verständnis anzubeten.

GN: Sie könnten also auch ohne einen Tempel mit den Opfern beginnen, wenn sie nur einen Altar hätten?

LR: Ja, das stimmt. Der Altar wird immer vor dem Tempel fertiggestellt. Noah baute einen Altar. Abraham baute einen Altar. David baute einen Altar. Erst danach wurde der Tempel gebaut. Der Tempel wurde als Haus für die Bundeslade gebaut. Nun haben sie heute keine Bundeslade, aber durch Opferriten glauben sie eine Beziehung zu Gott herstellen zu können.

Deshalb wollen sie als erstes den Altar bauen. Sie sind überzeugt, daß sie ihn nur dort bauen können, wo der ursprüngliche Altar stand. Sie glauben, daß der Altar, den Herodes der Große bauen ließ und der 70 n. Chr. zerstört wurde, genau an der Stelle stand, an der auch die Altäre von David und Abraham gestanden haben. Mir ist es gelungen, diese Stelle exakt festzulegen – östlich des Felsendoms.

GN: Sind diese Leute in bezug auf den Standort des Tempels zum gleichen Schluß gekommen wie Sie bei Ihren Recherchen?

LR: Ja, wir sind einer Meinung. Seit Jahren recherchiere ich den Standort des Tempels. Ich habe nachgewiesen, so glaube ich, daß man den Umriß der Grundmauern des Allerheiligsten vom Tempel Salomos an dem Felsen erkennen kann, der sich im Innern des Felsendoms befindet.

Die Mehrheit der Archäologen hat sich meiner Ansicht angeschlossen. An der Stelle, wo ich das Allerheiligste geortet habe – ein Quadrat von 20 Ellen –, sieht man die Vertiefung, die Salomo zur Unterbringung der Bundeslade fertigen mußte. Die Bundeslade konnte nicht angewinkelt stehen, sie mußte in würdevoller Stellung waagerecht stehen. Das alles blieb bis heute erhalten.

Nach anderen Gesichtspunkten soll der Tempel entweder nördlich oder südlich des Felsendoms gestanden haben. Ich glaube, daß diese Ansichten eher mit dem Wunschdenken zu tun haben, einen Tempel bauen zu können, ohne den Felsendom abreißen zu müssen – das würde den nächsten Weltkrieg auslösen! Die meisten Archäologen lehnen diese Meinung ab, ebenso die religiöse Gemeinde der Juden. Diese Juden glauben, daß der Tempel einst dort stand, wo der Felsendom heute steht. Deshalb werden sie an keiner anderen Stelle einen Tempel bauen.

Wenn man vom christlichen Standpunkt aus der Überzeugung ist, daß wir in den letzten Tagen leben und daß die Juden einen Altar bauen werden, gibt es nur die Möglichkeit, daß Muslime und Juden eine Übereinkunft erzielen, mit der Frieden für dieses unruhige Land gewährleistet wird.

Beim Propheten Daniel, in Kapitel 11 und 12, liest man über den Bund und über Opferriten. Es ist ganz gut möglich, daß den Juden erlaubt wird, einen Altar zu bauen und die Opferriten wiedereinzuführen, kurz vor der Wiederkehr des Messias. Warten wir es ab, wir werden sehen, wie sich alles entwickelt.

GN: Dr. Ritmeyer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Wer ist Leen Ritmeyer?

Leen Ritmeyer ist ein archäologischer Architekt, Dozent und Lehrer. Er ist wahrscheinlich der herausragendste Experte in bezug auf die Architektur und die Archäologie des Jerusalemer Tempelbergs, Standort der von Salomo und Serubbabel erbauten Tempel. Von besonderem Interesse ist der zweite Tempel (von Serubbabel), der von Herodes dem Großen im großen Stil erweitert wurde und Jesus, seinen Aposteln und den ersten Christen bekannt war.

Dr. Ritmeyer war an mehreren umfangreichen Ausgrabungen in Jerusalem beteiligt, bei denen er die Lagepläne vorbereitete und nachgezeichnete Grafiken anfertigte. Seine Illustrationen wurden in vielen Büchern, Bibelatlassen und Fachzeitschriften veröffentlicht. Seit seiner Promotion an der University of Manchester hat er in England bzw. Europa, Israel und den USA referiert. Zur Zeit unterrichtet er am Heritage College in Adelaide, Australien.

Zu den Büchern, die er selbst schrieb oder zu denen er einen Beitrag leistete, gehören The Temple and the Rock (1996), Secrets of Jerusalem’s Temple Mount (1998), From Sinai to Jerusalem (2000) und Jerusalem in the Year 30 A.D. (2004).

– GN März-April 2005 PDF-Datei dieser Ausgabe

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