Die „Intelligentes Design“-Debatte

GN-Interview mit Dr. Jonathan Wells

Gute Nachrichten: Dr. Wells, Sie haben sich nun schon seit einiger Zeit mit der Debatte um Evolution und „Intelligentes Design“ befasst. Was ist Ihre Meinung zu der Frage, wie diese verläuft?

Jonathan Wells: Bevor ich darauf antworte, halte ich einige Klarstellungen für wichtig. „Evolution“ kann vieles bedeuten, wie etwa einen Wandel im Laufe der Zeit, kleinere Veränderungen innerhalb einer bestehenden Art – Dinge, die keine vernünftige Person anzweifeln wird. Das Problem ist der Darwinismus: die Vorstellung, dass alle Lebewesen von einem gemeinsamen Vorfahren durch ungesteuerte Prozesse wie natürliche Auslese abstammen, die sich bei kleineren Variationen auswirken. Darwinisten verdunkeln das Thema oft, indem sie mit einer unumstrittenen Bedeutung von „Evolution“ beginnen und dann ihre nicht so ganz unumstrittenen Behauptungen einbringen.

„Intelligentes Design“ besagt, dass es aufgrund von Beweisen in der Natur möglich ist, zu dem Schluss zu kommen, dass bestimmte Eigenschaften der Welt – wie etwa bestimmte Eigenschaften von Lebewesen – besser durch eine intelligente Steuerung erklärt werden können als durch ungesteuerte Naturprozesse.

„Intelligentes Design“ behauptet nicht, dass alles geplant wurde. „Intelligentes Design“ sagt auch nichts über das Wesen des Designers aus, obwohl viele, mich eingeschlossen, daran glauben, dass es der Gott der Bibel war. Da der Darwinismus behauptet, dass alle Merkmale von Lebewesen durch ungesteuerte Naturprozesse erklärt werden können und „Intelligentes Design“ behauptet, dass einige Merkmale besser durch eine intelligente Steuerung erklärt werden können, gibt es zwischen beiden einen unlösbaren Konflikt.

Zurzeit gewinnt der Darwinismus in den USA auf der politischen und rechtlichen Frontlinie und bei den Medien. Die meisten Universitäten und öffentlichen Schulen lehren den Darwinismus so, als würde es sich dabei um unbestrittene Tatsachen handeln. In Wahrheit stellt ihn eine zunehmende Zahl von Wissenschaftlern in Frage. Daten aus den Genomprojekten offenbaren größere Widersprüche in der darwinistischen Behauptung, dass alle Organismen einen gemeinsamen Vorfahren haben. Bisher hat niemand die Entstehung einer neuen Art durch Variation und Auslese beobachtet, ganz zu schweigen von neuen Organen und Körperbauplänen. Andererseits nehmen die Beweise für „Intelligentes Design“ zu. Früher oder später werden die Beweise den Ausschlag geben.

GN: Vor einiger Zeit haben Sie gesagt, dass brauchbare Funktionen für „Schrott-DNA“, falls sie sich nachweisen lassen, als Argument für „Intelligentes Design“ gelten würden. Was sagen die jüngsten Daten aus?

JW: Laut dem modernen Neodarwinismus tragen die Gene, die von Generation zu Generation weitergereicht werden, ein Programm in sich, das die Entwicklung des Embryos steuert. Mutationen verändern dieses genetische Programm gelegentlich und bringen so neue Variationen hervor. Die natürliche Auslese soll dann diese Mutationen – das „Rohmaterial der Evolution“ – aussortieren, um so neue Arten, Organe und Körperbaupläne hervorzubringen. In den 1950er Jahren haben Molekularbiologen festgestellt, dass Proteine, die die mikroskopischen Bausteine von Körperstrukturen sind, gemäß der Information, die in unterschiedlichen Abschnitten der DNA kodiert ist, ausgebildet werden. Sie haben dann „Gen“ mit „proteinkodierenden Sequenzen“ gleichgesetzt und „Mutationen“ mit molekularen „Unfällen“ in diesen Sequenzen.

In den 1970er Jahren wurde aber erkannt, dass die meiste DNA in Menschen und vielen anderen Tieren keine Proteine kodiert. 1980 haben Francis Crick [der Mitentdecker der DNA-Struktur] und Leslie Orgel argumentiert, dass nichtkodierende DNA lediglich „Schrott“ sei, der sich im Laufe der Evolution angesammelt habe. In den darauffolgenden 25 Jahren haben viele Biologen nichtkodierende DNA weiterhin als Schrott betrachtet.

In seinem 2009 erschienenen Buch Why Evolution Is True vergleicht der Neodarwinist Jerry Coyne Vorhersagen, die auf „Intelligentem Design“ basieren, mit solchen, die auf der darwinistischen Evolution gründen. „Wenn Organismen von Grund auf von einem Designer entwickelt worden wären“, argumentiert er, würden sie keinerlei Unvollkommenheiten aufweisen. „Ein perfektes Design wäre wahrhaftig ein Hinweis auf einen intelligenten Designer. Unvollkommenes Design ist ein Kennzeichen der Evolution; es ist in der Tat genau das, was wir von der Evolution erwarten“ (Seite 81).

Coyne fügt hinzu: „Wenn ein Merkmal nicht länger genutzt oder reduziert wird, verschwinden die Gene, die es erzeugten, nicht sofort aus dem Genom: Die Evolution beendet sie, indem sie sie inaktiv macht und nicht dadurch, dass sie sie aus der DNA entfernt. Daraus können wir dann eine Vorhersage ableiten. Wir erwarten, dass wir in den Genomen vieler Arten zum Schweigen gebrachte oder ,tote‘ Gene vorfinden – Gene, die früher einmal von Nutzen waren, aber nicht länger intakt sind oder zum Einsatz kommen“ (Seite 66-67).

Coyne sagte auch, dass im Gegensatz eine auf Design basierende Schöpfung zu der Prognose führen würde, dass keine Gene dieser Art existieren würden. „Die evolutionäre Vorhersage, dass wir solche Pseudogene vorfinden, hat sich erfüllt. Unser Genom – und das anderer Arten – stellt einen umfassenden Friedhof toter Gene dar“ (Seite 67).

Aber Coyne lag damit völlig falsch. Die sich anhäufenden Daten aus den Genom-Sequenzierungsprojekten zeigen, dass die meiste DNA wichtige Funktionen erfüllt. Die Behauptung der Darwinisten, dass ein großer Teil der DNA evolutionärer Schrott sei, ist völlig falsch. Das wirft nicht nur ein schlechtes Licht auf sie, sondern auch auf den Neodarwinismus selbst. Wenn man Coynes Logik anwendet, dann widerlegen die durch Genomsequenzierung gewonnenen Daten den Neodarwinismus.

GN: Was wäre Ihrer Meinung nach eine gute Zusammenfassung von Darwins Werk?

JW: Darwin wird nicht wegen seiner wissenschaftlichen Errungenschaften gefeiert, sondern weil seine Theorie zum Schöpfungsmythos des Atheismus wurde. Manche Atheisten haben sogar gesagt, dass sie den „Darwin-Tag“ in den USA als weltliche Alternative zu Weihnachten etablieren möchten.

Die meisten Menschen lesen nie Die Entstehung der Arten. Wenn sie es aber tun, dann werden sie feststellen, dass es genauso sehr eine Abhandlung aus dem Bereich Theologie als aus dem Bereich Wissenschaft ist. Darwins Hauptargument war, dass bestimmte Merkmale von Lebewesen „durch die Theorie der Schöpfung nicht erklärbar sind“ und nur im Rahmen seiner Theorie der ungesteuerten Abstammung mit Modifikationen Sinn haben. Es gibt in der Tat so viele Diskussionen zum Thema Schöpfung in Die Entstehung der Arten, dass amerikanische Gerichte es durchaus als verfassungswidrig ansehen könnten, das Buch in staatlichen Schulen zu benutzen.

GN: Was ist Ihrer Meinung nach Darwins größter Fehler in Bezug auf die Evolution?

JW: Darwin lag bei vielem falsch, wie z. B. bei den Wirbeltierembryos, bei denen er annahm, dass die frühesten Stadien uns unsere fischähnlichen Vorfahren in ihrem Erwachsenenzustand zeigen würden.

Er irrte sich bei der geografischen Verteilung der Arten, die er allein auf Migration oder geologische Abtrennung zurückführte.

Er lag mit seiner Behauptung falsch, dass alle Organismen Teil eines großen „Lebensbaumes“ wären, an dessen Wurzel sich ein allen gemeinsamer Vorfahre befände.

Und er irrte sich im Hinblick auf die Macht der natürlichen Auslese, von der er behauptete – indem er sie mit der künstlichen Auswahl vergleicht, die nie etwas anderes als Veränderung innerhalb der vorliegenden Arten hervorgebracht hat –, dass sie neue Arten, Organe und Körperbaupläne hervorbringen würde.

Darwins größter Fehler aber war, dass er den Lebewesen eine zugrundeliegende Planung absprach. Die ungesteuerten Prozesse, auf die er sich berief, waren nie in der Lage, die größeren Neuerungen, auf die die Evolution angewiesen wäre, hervorzubringen. Je mehr wir über Lebewesen lernen, umso geplanter wirken sie.

GN: Einige Wissenschaftler behaupten, dass das Genom eines Schimpansen zu 99 Prozent dem eines Menschen ähnelt. Andere sagen, dass der Prozentsatz eher bei 75 Prozent liegt. Was stimmt hier und wie wichtig sind diese Forschungsergebnisse?

JW: Es ist durchaus kompliziert, die Genome des Menschen und des Schimpansen miteinander zu vergleichen, nicht zuletzt deswegen, weil die Sequenzen nicht genau miteinander übereinstimmen und man entscheiden muss, wo man den Vergleich ansetzt. Die Zahl von 99 Prozent trifft nur auf einen Teil von jedem Genom zu. Je nach dem angewandten Verfahren und dem jeweiligen Forscher können die Schätzungen doch weit auseinander liegen.

Aber unabhängig von den Schätzungen geht es tiefer greifend um die Frage, was das alles bedeutet. Gemäß dem Evolutionisten Jonathan Marks, der 2002 ein Buch mit dem Titel What It Means to Be 98% Chimpanzee veröffentlichte, hat das nur geringe Bedeutung. Da es nur vier Untereinheiten [an molekularen Zusammensetzungen] der DNA gibt, argumentiert Marks, dass sich jegliche zwei Lebewesen zu mindestens 25 Prozent ähneln müssen. Jemand, der behauptet, dass die Menschen zu 99 Prozent den Schimpansen ähnlich sind, mag daher noch gleich hinzufügen, dass Menschen auch zu 35 Prozent den Osterglocken ähneln.

Die Ähnlichkeit zwischen der DNA von Schimpansen und Menschen – ganz gleich welche Zahl man dafür annimmt – stellt eigentlich ein Problem für den Neodarwinismus dar. Der besagt, dass Organismen aufgrund ihrer DNA so sind, wie sie sind. Deshalb soll die DNA auch angeblich den Rohstoff für die Evolution darstellen. Warum unterscheiden sich dann aber Schimpansen und Menschen so erheblich voneinander, und das nicht nur in ihrer Anatomie und Physiologie, sondern auch in ihrer Intelligenz und in ihrem Verhalten? Eine Schätzung ihrer Vergleichbarkeit, allein auf DNA basierend, ist ein Nebenprodukt des neodarwinistischen Dogmas und nicht biologische Wissenschaft.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Belege dafür, dass die Embryoentwicklung nicht völlig von der DNA gesteuert wird. Dafür sind weitere Informationen notwendig, die sich in den zellulären Strukturen befinden, die der Embryo neben seiner DNA ererbt. Aber das neodarwinistische Dogma verstellt den Forschern die Sicht auf diese Belege und hindert so den wissenschaftlichen Fortschritt.

GN: Sie schreiben sehr viel über „Intelligentes Design“. An welchem Projekt zu diesem Thema arbeiten Sie zurzeit?

JW: Zumeist habe ich empirische und theoretische Forschungen auf meinem eigenen Gebiet der Zell- und Entwicklungsbiologie betrieben. Die empirische Forschung dreht sich um eine von „Intelligentem Design“ abgeleitete Hypothese über mögliche Krebsursachen, die ich 2005 veröffentlicht habe. Die theoretische Forschung dreht sich um eine nachprüfbare Hypothese über die Art und den Ort von Informationen im Embryo, die nicht auf DNA basiert sind, wobei der Embryo als etwas gesehen wird, was gesamthaft geplant worden ist, statt etwas, was ein zufälliges Nebenprodukt von DNA-Mutationen und natürlicher Auslese ist.

GN: Sie haben vor einiger Zeit gesagt, dass die Evolutionstheorie bis zum Jahr 2025 den größten Teil ihres Reizes verloren haben wird. Glauben Sie immer noch, dass diese Jahreszahl realistisch ist?

JW: Ja, obwohl es natürlich riskant ist, eine solche Vorhersage an ein Datum zu knüpfen. Doch die wissenschaftlichen Entdeckungen lassen den Darwinismus immer weniger glaubwürdig erscheinen. Ich vergleiche ihn mit einem eingefrorenen Teich im Frühling. Das Eis mag immer noch sehr dick erscheinen, es ist aber bereits von Schmelzwasser durchsetzt. Bei der nächsten Warmfront kann es über Nacht verschwinden.

GN: Dr. Wells, wir danken Ihnen für das Gespräch und Ihre Erläuterungen.

Jonathan Wells promovierte in Molekularbiologie an der University of California in Berkeley und in Theologie an der Eliteuniversität Yale. Er hat zahlreiche Artikel zum Thema Evolution verfasst und ist Autor der Bücher Icons of Evolution (2000) und The Politically Incorrect Guide to Darwinism and Intelligent Design (2006) bzw. Mitautor von The Design of Life (2007) und How to Be an Intellectually Fulfilled Atheist (or Not) (2008).

– GN Juli-August 2010 PDF-Datei dieser Ausgabe

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