Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit

Wer andere trotz ihrer Verfehlungen in der Vergangenheit im Gottvertrauen stärken will, soll dabei in Demut handeln, indem er den Anfang seiner eigenen Beziehung zu Gott nicht vergisst.

Von Robin Webber

Die dicht gedrängte Menge hatte dem Redner aufmerksam zugehört. Seine Worte hatten eine magnetische Wirkung auf die Zuhörer gehabt, doch plötzlich wurde es still. Die Ruhe war überwältigend. Der Gesichtsausdruck mancher in der Menge spiegelte Ratlosigkeit wider, und in ihren Augen bildeten sich Tränen. Später meinte ein Augenzeuge der Szene gegenüber Lukas, dem Autor des Berichts, dass der letzte Satz des Redners den Zuhörern an jenem Vormittag „durchs Herz“ gegangen war (Apostelgeschichte 2,37).

Die Rede an diesem Tag ließ sie nachdenken. Etwas Schreckliches hatte einige Wochen zuvor stattgefunden, und sie fühlten sich auf einmal schuldig. Es war wie bei einem Unfall mit Fahrerflucht, und nun wurde dem flüchtigen Fahrer die Tragweite seines Verhaltens bewusst.

„Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“

Plötzlich stellte jemand die Frage, die alle stellen wollten: „Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ (Vers 37). Was hatte der Apostel Petrus an jenem Pfingstvormittag in Jerusalem gesagt (Vers 1), das seine Zuhörer mit der ernüchternden Realität ihrer Schuld konfrontierte?

Er hatte sie mit folgenden Worten zurechtgewiesen: „Ihr Männer von Israel, hört diese Worte: Jesus von Nazareth, von Gott unter euch ausgewiesen durch Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte getan hat, wie ihr selbst wisst – diesen Mann, der durch Gottes Ratschluss und Vorsehung dahingegeben war, habt ihr durch die Hand der Heiden ans Kreuz geschlagen und umgebracht. Den hat Gott auferweckt und hat aufgelöst die Schmerzen des Todes, wie es denn unmöglich war, dass er vom Tode festgehalten werden konnte“ (Verse 22-24; alle Hervorhebungen durch uns).

Dann setzte Petrus diesen Jesus in Bezug zu Davids Worten über den Messias bzw. Christus (mit der Bedeutung „der Gesalbte“) – Gottes verheißener Retter (Verse 25-35). Inspiriert vom heiligen Geist, schloss Petrus sein Plädoyer mit einer unmissverständlichen Schuldzuweisung: „So wisse nun das ganze Haus Israel gewiss, dass Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht hat“ (Vers 36).

Sie hatten den Messias getötet, Gottes verheißene Gabe an sein auserwähltes Volk! Im übertragenen Sinn erkannten sie, dass sie ihr Leben in Gottes Händen verwirkt hatten.

In diesem Abgrund der Verzweiflung schenkte Gott den Hoffnungslosen Hoffnung durch die Worte des Petrus. Das, was Petrus der versammelten Menge als Nächstes sagte, ist ein kraftvolles Beispiel für eine angemessene Reaktion auf die Aufforderung Jesu: „Folgt mir nach!“

Zwischen den Versen 37 und 38 finden wir eine wichtige Lektion über uns selbst, wenn wir das Evangelium vom Reich Gottes mit anderen teilen wollen. Gottes Worte an jenem Tag, von Petrus gesprochen, stellten etwas Unerwartetes zur Wahl. Die gleiche Wahl obliegt einem jeden von uns heute.

Das unerwartete Geschenk

Die krasse Realität war, dass die vor Petrus versammelten Menschen nichts von Gott erwarten konnten, und das wussten sie auch. Zusammen mit den Römern hatten sie sich des Todes von Gottes Sohn, der nicht nur zur Errettung Israels, sondern der ganzen Welt gesandt worden war, schuldig gemacht.

In der Thora findet sich das Prinzip „Auge um Auge“ bzw. „Leben um Leben“. Doch anstelle von der Öffnung der Erde wie einst nach dem Auszug aus Ägypten, um rebellische Sünder zu verschlucken, inspirierte Gott Petrus wie folgt: „Tut Buße [kehrt um], und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen die Gabe des heiligen Geistes“ (Vers 38).

Petrus sagte ihnen, dass Gott ihnen ein Geschenk anbot. Was? Ja, ein Geschenk! Das hätten sie sich niemals vorstellen können, besonders unter diesen Umständen.

Was könnten sie als Gegenleistung für dieses Geschenk geben? Doch der Preis für Gottes Gabe war für sie unbezahlbar, selbst wenn ihnen mehrere Lebenszeiten zur Verfügung stünden. Es gab absolut keine Möglichkeit, das Geschenk zu bezahlen oder zu verdienen. Sie könnten aber ihre Dankbarkeit zeigen, indem sie bereuten und ihr Leben dem Willen Gottes bedingungslos unterstellten. Damit würden sie ihre Lebensführung an Gott orientieren und in Jesu Fußstapfen nachfolgen.

Jenes Pfingstfest war ein äußerst denkwürdiger Tag. Dreitausend Menschen wurden im Namen desjenigen getauft, dessen Tod sie mitverschuldet hatten (Vers 41). Jener Tag markierte nicht nur die Geburt der neutestamentlichen Gemeinde. Er zeichnete sich auch durch die Offenbarung aus, dass Gott ein Geschenk für alle Menschen hat.

In seinem Kern hat das Christentum mit einem Geschenk zu tun, das uns auf unerwartete Weise und zu dem Zeitpunkt, den Gott bestimmt, präsentiert wird. Dieses Geschenk, wenn wir dessen vollen Umfang verstehen, vermag uns den Atem zu verschlagen. In der Tat verschlägt es uns das Herz, denn wir erhalten ein neues Herz als Ersatz für unser bisheriges versteinertes Herz (Hesekiel 36,26).

Petrus war selbst gestrauchelt

Nochmals: Das jährlich stattfindende Pfingstfest hat mehr als nur mit der Geburt der Gemeinde zu tun. Es handelt von einer Grundorientierung in der Lebensführung, die wir verinnerlichen müssen. Sie ist der Grund, warum Petrus‘ Zuhörer auf die Weise reagierten, wie es in Apostelgeschichte 2 beschrieben wird.

Dabei geht es nicht primär um das, was Petrus sagte (Sie können seine Rede in Kapitel 2 nachlesen), sondern darum, wie er es sagte. Um seine Worte auszudrücken, bewegte er zwar seine Zunge, aber die Worte kamen eigentlich vom Herzen. Petrus sprach als jemand, der durch den Verrat an seinem Erlöser sich an dessen Tod auch schuldig gemacht hatte, zu Menschen, die ebenfalls schuldig waren. Sein Aufruf gründete sich nicht auf auswendig gelernte Bibelstellen, die man bei passender Gelegenheit wiederholte. Petrus sprach aus eigener Erfahrung!

Nur etwas mehr als sieben Wochen zuvor hatte Petrus sozusagen die Schlinge um den eigenen Hals gelegt, als er seine bedingungslose Treue zu Jesus beschwor. Jesus hatte ihn gerade ermahnt: „Siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder“ (Lukas 22,31-32).

Petrus war anscheinend überzeugt, dass Jesu Ermahnung überflüssig war, denn er antwortete prompt: „Ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“ (Vers 33). Meinte Petrus das ehrlich? Absolut! Er wusste aber nicht, wo die Grenzen seiner eigenen Kraft ohne Gott waren, und genau das wollte Jesus ihm zeigen. Jesus sagte: „Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst“ (Vers 34).

Wenige Stunden später, nachdem Jesus verhaftet worden war, gab es kurzzeitigen Augenkontakt zwischen den beiden Männern. Petrus hielt sich im Hof des Hohepriesters auf, wo Jesus verhört wurde. Lukas beschreibt, was passierte, als Petrus Jesus zum dritten Mal verleugnete und der Hahn dabei krähte: „Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht,wirst du mich dreimal verleugnen“ (Vers 61).

Der kurzzeitige Augenkontakt kam dem Petrus vielleicht wie eine Ewigkeit vor. Er wusste genau, was er getan hatte, und er wusste auch, was er in Wirklichkeit war: ein Verräter. Lukas hielt seine Reaktion fest: „Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich“ (Vers 62).

Petrus‘ Erfahrung diente als Schnellkurs in der Erkenntnis, dass Gott seinen Sohn nicht deshalb in die Welt sandte, um gute Menschen besser zu machen, sondern um die geistlich Toten erstmalig richtig leben zu lassen (vgl. dazu Römer 6,11. 13). Petrus musste erkennen, dass wir nicht deshalb Sünder sind, weil wir sündigen, sondern dass wir sündigen, weil wir Sünder sind! Jesus liebte die Menschen. Er erkannte das Potenzial in Petrus trotz seiner eitlen Prahlerei und seines momentanen Strauchelns. Er bot ihm eine Zukunft an, denn er hatte ihm gesagt: „Wenn du dereinst dich bekehrst . . .“

Hoffnung für die Zukunft, ohne die Vergangenheit zu vergessen

Petrus’ Apostelkollege Paulus erklärte die Hoffnung, die allen Menschen durch Jesu Sühneopfer gegeben ist: „Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den heiligen Geist, der uns gegeben ist. Denn Christus ist schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für uns Gottlose gestorben. Nun stirbt kaum jemand um eines Gerechten willen; um des Guten willen wagt er vielleicht sein Leben. Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Römer 5,5-8).

Wie damals Petrus und Paulus würdigen diejenigen heute, die Christus nachfolgen, die Sündenvergebung, die sie erfahren durften. Dabei vergessen sie nicht, dass Gott sie in einer selbst gemachten tiefen Grube der Sünde gefunden hat.

Diese Erkenntnis hilft ihnen demütig zu bleiben. So können sie ein Licht für Gottes Lebensweise sein, anstatt die Menschen durch eine selbstgerechte Haltung abzustoßen.

Im Gleichnis vom Pharisäer und dem Zöllner beschrieb Jesus die beiden gegensätzlichen Geisteshaltungen. „Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.

Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden“ (Lukas 18,10-14).

Der Augenblick der Selbsterkenntnis

Welchem der beiden Männer im Gleichnis ähnelte Petrus zu Pfingsten? Dem Pharisäer, der seine eigene vermeintliche Gerechtigkeit hervorhob, oder dem Zöllner, der erkannte, dass er ohne die Gnade Gottes so gut wie tot war?

Die religiöse Obrigkeit jener Gesellschaft, die weder heidnisch noch atheistisch war, schaute sich die Menschen an, die sich um Jesus scharten, und fragte herabwürdigend: „Was machen die bloß hier?“ Nun war es Petrus, vor dem sich die Sünder versammelt hatten. Er identifizierte sich mit ihnen, denn er hatte sich wie sie schuldig gemacht. Doch Jesus hatte ihm die Gelegenheit zur Umkehr gewährt, und Petrus wusste, dass seinen Zuhörern dieselbe Gelegenheit zustand. Petrus hatte sich selbst durch seine Taten verschuldet, und deshalb konnte er Mitleid mit seinen Zuhörern empfinden.

Petrus war jetzt dabei, einen weiteren Aspekt der Aufforderung Jesu „Folgt mir nach!“ zu praktizieren. Es ging um die Worte, die er an seine Zuhörer richtete, aber nicht allein in Bezug auf deren Inhalt, sondern auch in Bezug auf deren Vermittlung durch ein transformiertes Herz, in Demut gekleidet. Er konnte das großartige Geschenk Gottes aus eigener Erfahrung beschreiben und es für seine Zuhörer in vertrauensvoller Gottergebenheit sozusagen auspacken.

Die Welt braucht die Pfingstbotschaft des Petrus, im Inhalt und Ton, heute mehr denn je zuvor. Jeden Tag stellt jemand dieselbe Frage wie damals: „Was sollen wir tun?“ Die Antwort, die wir in Apostelgeschichte 2, Vers 38 finden, wäre heute auch dieselbe wie damals.

Überlegen wir nochmals die Lektion zwischen der Fragestellung und der Antwort. Was wir sind, spricht viel lauter als das, was wir sagen. Wenn beides „stimmt“, können unsere Worte Hoffnung in einem Augenblick der Hoffnungslosigkeit bieten!

– GN Juli-August 2014 PDF-Datei dieser Ausgabe

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