Hochmut und die Fußwaschung

Am letzten Abend seines menschlichen Lebens erteilte Jesus seinen Jüngern eine besondere Lektion. Diese Lektion sollte eine wichtige innere Haltung unterstreichen, die zur Befolgung seiner Aufforderung „Folgt mir nach!“ notwendig ist.

Von Robin Webber

Petrus aus Galiläa meinte vielleicht, er hätte in den letzten Tagen die volle Bandbreite an den Taten seines Meisters erlebt. Petrus war Zeuge gewesen, als Jesus die Tische der Geldwechsler im Bereich des Tempels umstieß, die religiöse Obrigkeit des Judentums scharf zurechtwies und seinen Freund Lazarus von den Toten auferweckte. Von einer begeisterten Menschenmenge wurde er auch beim Einzug in Jerusalem wie ein König gefeiert. Doch das, was Petrus jetzt erlebte, übertrumpfte alles Bisherige.

Am letzten Abend seines menschlichen Lebens hatte Jesus eine besondere Lektion für seine Jünger vorgesehen. Es war eine Lektion, die die Notwendigkeit einer bestimmten inneren Haltung unterstreicht, will man seiner Aufforderung „Folgt mir nach!“ nachkommen.

Jesu Tod rückte näher, doch seine Unterweisung der Jünger war noch nicht abgeschlossen. Sie waren noch ohne ein Verständnis dessen, wovon Petrus jetzt Zeuge wurde, auch nicht darauf vorbereitet, in die Welt zu gehen und ein Licht für seine Lebensweise zu sein. Die Lektion an jenem Abend gilt allen, die Jesu Nachfolger sein wollen.

Vielleicht war die Zeit jetzt gekommen!

Das in den letzten Tagen Erlebte hätte eine besondere Bedeutung für Petrus und die anderen haben können. Hatte nicht Jesus selbst ein bedeutsames Ereignis angedeutet, das ihnen bevorstand?

War die Zeit vielleicht gekommen, um das Königreich für Israel wieder aufzurichten? Schließlich war Jesus zweifelsohne der verheißene Messias! Und in diesem Königreich wären bestimmt verschiedene Führungspositionen zu besetzen, und wer wäre dafür besser qualifiziert gewesen als die engsten Jünger Jesu?

Was vielleicht als Diskussion auf der Reise nach Jerusalem angefangen hatte, durchdrang die Atmosphäre vor dem Tisch, an dem sie mit Jesus sitzen sollten. Die Zuteilung der Sitzplätze bei zeremoniellen Anlässen war nie dem Zufall überlassen. Wer sollte die Plätze neben dem Meister bekommen, zur Rechten und zur Linken? Eine Meinungsverschiedenheit größeren Ausmaßes bahnte sich an.

Jesu innigster Wunsch

Als sie sich an jenem Abend um den Tisch versammelt hatten, teilte Jesus ihnen etwas sehr Persönliches mit: „Mich hat herzlich verlangt, dies Passahlamm mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes“ (Lukas 22,15-16).

Die Jünger nahmen die Bedeutung der Worte Jesu nicht voll wahr, denn ihr Ego, von Hochmut motiviert, beeinträchtigte ihre Aufnahmefähigkeit. Lukas hielt das Geschehen fest: „Es erhob sich auch ein Streit unter ihnen, wer von ihnen als der Größte gelten solle“ (Lukas 22,24). An dem Abend vor dem großen Sieg im Erlösungswerk Gottes durch das Opfer seines Sohnes zeigte sich die menschliche Natur in voller Blüte bei Jesu Tischgenossen.

Jesus unterbrach ihre erhitzte Diskussion mit einer Darlegung seiner Sicht der Autorität, die auch als Grundlage für die Handlung dient, die Petrus in Staunen versetzte: „Die Könige herrschen über ihre Völker, und ihre Machthaber lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste und der Vornehmste wie ein Diener. Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist’s nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener“ (Verse 25-27).

Eine andere Sicht der Autorität

In der rigide strukturierten Kultur jener Zeit gab es klare Traditionen hinsichtlich der familiären und gesellschaftlichen Ordnung. Darüber hinaus war es in der griechisch-römischen Welt üblich, dass sich Könige als Wohltäter ausgaben, in Wirklichkeit aber sich dienen ließen und ihre Völker streng kontrollierten.

Die Pax Romana, die dem Mittelmeerraum und seinen angrenzenden Gebieten durch die militärische Überlegenheit römischer Legionen aufgezwungen wurde, diente der Selbsterhaltung Roms und hatte deshalb ihren Preis: die Unterwürfigkeit aller Untertanen.

Jesu Sicht der Autorität war jedoch anders als die römische Norm. Seine Jünger wussten es noch nicht, aber an diesem Abend hatte Jesus vor, ihnen durch ein Beispiel den starken Kontrast in Bezug auf Autorität zwischen der menschlichen Natur und der Liebe Gottes zu verdeutlichen.

Vor einiger Zeit hatte Jesus ihnen bereits gesagt, dass er nicht gekommen sei, um sich dienen zu lassen, „sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele“ (Matthäus 20,28). Doch seine Jünger haben das Prinzip der Demut, das Jesus hervorgehoben hatte, nicht begriffen. Sie waren zu sehr mit der Frage beschäftigt, wer von ihnen der Größte wäre!

Nun verblieb Jesus nicht mehr viel Zeit, um ihnen die Denkweise Gottes einzuschärfen. Deshalb war ein praktisches Beispiel notwendig, und Jesus wusste genau, welche Lektion Eindruck machen würde.

Damals, als Sandalen das gewöhnliche Schuhwerk waren, wusch sich ein Gast nach einer Reise beim Betreten eines Hauses üblicherweise die Füße, wobei ihm oft von einem Hausdiener geholfen wurde. Die Straßen Galiläas und Judäas waren, je nach der Jahreszeit, entweder ein Staub- oder Schlammteppich.

Da es sich um ein privates Mahl handelte, war anscheinend kein Hausdiener anwesend, um die Jünger bei der Fußwaschung zu unterstützen. Mit der noch nicht ausdiskutierten Frage nach dem Größten unter den Aposteln ging auch keiner von ihnen zu den Wasserkrügen und Tüchern hin, um den anderen zu helfen.

Eine zeitlose Lektion in Demut

An diesem Abend wusste Jesus, „dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging“ (Johannes 13,3). Jesus erkannte, dass die Zeit gekommen war, um den Schmutz menschlichen Hochmuts zu entfernen.

Der Apostel Johannes hielt das Geschehen fest: Jesus „stand vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war“ (Johannes 13,4-5). In der Kultur jener Zeit war es undenkbar, dass ein hoch angesehener Rabbi seinen Jüngern die Füße wusch.

Nun war Petrus an der Reihe. Er blickte auf seinen vor ihm knienden Herrn und Meister, der Wasser aus einer Schüssel nahm, um Petrus damit die Füße zu waschen. Was Jesus in diesem Augenblick tun wollte, war für Petrus unfassbar. „Herr, solltest du mir die Füße waschen?“ (Vers 6). Jesus wusste, dass Petrus die Symbolik seiner Tat nicht gleich verstehen konnte: „Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren“ (Vers 7).

In der ihm eigenen Art wollte Petrus verhindern, dass Jesus ihm die Füße wusch: „Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“ Aber Jesus ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir“ (Vers 8).

Petrus erhöhte sozusagen den Einsatz in dem Bemühen, Jesus doch noch zu überzeugen: „Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!“ (Vers 9). Darauf antwortete Jesus: „Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle“ (Vers 10).

An dem Zusatz „nicht alle“ erkennen wir, dass Jesus an diesem Abend die Anwesenheit eines Verräters bewusst war. Der schottische Theologe William Barclay meinte dazu: „Solches Wissen hätte ihn bitter und hasserfüllt werden lassen können, aber stattdessen drückte sein Herz nur Liebe aus. Das Erstaunliche an Jesus war, dass je mehr die Leute ihn verletzten, umso mehr liebte er sie. Es ist so einfach und natürlich, sich über Ungerechtigkeit zu ärgern und aufgrund von Schaden und Spott bitter zu werden. Doch Jesus erwiderte auf den größten Schaden und den höchsten Verrat mit der größten Demut und Liebe“ (The New Daily Study Bible: The Gospel of John, Band 2, 2001, Seite 161).

Die Erzählung setzt sich bei Johannes fort: „Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch. Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen.

Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Apostel nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr’s tut“ (Johannes 13,12-17; alle Hervorhebungen durch uns).

Jesu Worte an jenem Abend richteten sich nicht allein an die Jünger, denen er die Füße wusch. Sie spiegeln eine Lebensausrichtung der demütigen Dienstbereitschaft gegenüber allen Menschen wider, die die Gedanken und Taten aller Jünger Jesu bestimmen soll.

Mit Christus niederknien

Welche Lektionen können wir von jenem Abend verinnerlichen, um besser in der Lage zu sein, Jesu Aufforderung „Folgt mir nach!“ nachzukommen?

Wir sollen das Unerwartete von Gott, dem Vater, und seinem Sohn Jesus Christus erwarten: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr“ (Jesaja 55,8). Daran musste Petrus erinnert werden, genauso wie wir. Wenn Gott uns etwas beibringen will, sollen wir uns nicht wie Petrus verhalten, sondern es zulassen und unseren Stolz Stück für Stück wegspülen lassen.

Gott weiß genau, welche Lektionen in unserem Leben wichtig sind und wann er eingreifen muss, um sie uns am wirksamsten zu vermitteln. Gott weiß genau, wie er unsere Aufmerksamkeit bekommen und die Lektion so verpacken kann, dass sie einen Eindruck auf unser Herz hinterlässt.

Das Wegspülen von Hochmut erfolgt auf unterschiedliche Weise und beginnt oft in den kleinen Dingen. Gott bedient sich häufig scheinbar unbedeutender Dinge, um etwas Großes in Bewegung zu setzen, ob es Brot und Fische von einem Jungen oder staubige Füße sind.

Gottes Eingreifen in unser Leben, wann immer es geschieht, erfolgt stets aus seiner großen Liebe zu uns. Was motivierte Jesus am letzten Abend seines irdischen Lebens, als sich seine Jünger darüber stritten, wer von ihnen der Größte wäre? „Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende“ (Johannes 13,1).

In unserem täglichen Leben – z. B. zu Hause, in der Schule, am Arbeitsplatz oder in unserer Nachbarschaft – bieten sich zahlreiche Gelegenheiten, unserem Nächsten die Füße zu waschen und damit unseren menschlichen Stolz zu bändigen. Wir sollen Christus nachahmen. Manchmal ist es einfacher, einem Fremden zu dienen anstelle von jemandem aus unserem Bekanntenkreis, besonders dann, wenn der Bekannte uns verletzt hat.

Wer Jesu Aufforderung „Folgt mir nach!“ ernst nimmt, wird seine Ermahnung nach der Fußwaschung beherzigen wollen: „Selig seid ihr, wenn ihr’s tut.“

– GN Mai-Juni 2014 PDF-Datei dieser Ausgabe

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