Welche Bedeutung hat das neue Kalifat des IS?

Der Westen bekämpft das neue islamische Kalifat – den transnationalen Staat, der die Treue aller Muslime fordert und vom Führer der IS-Extremisten in Syrien und dem Irak ausgerufen wurde. Welche Bedeutung hat dieses Kalifat – besonders für uns im Westen?

Von Tom Robinson

Am ersten Tag des islamischen heiligen Monats Ramadan in diesem Jahr, am 29. Juni 2014, rief die von der El Kaida abtrünnige Gruppe ISIL, der islamische Staat des Iraks und al-Shams (d. h. Großsyrien oder die Levante), die Schaffung eines islamischen transnationalen Staates aus: ein Kalifat. Mit dem Ausruf änderte die Gruppe ihren Namen in IS: der Islamische Staat. Der IS nimmt für sich in Anspruch, über alle Muslime weltweit zu herrschen. In den Sommermonaten hatte der IS beträchtliche Gebiete in Syrien und dem Irak durch eine beispiellose Welle der Gewalt unter seine Kontrolle gebracht.

Der IS-Führer, der den Pseudonamen Abu Bakr al-Baghdadi benutzt hatte, wurde zum neuen Kalif des Islamischen Staates erklärt: Kalif Ibrahim. Ein Sprecher der Gruppe rief alle Bewohner des von dem IS kontrollierten Gebiets auf, „al-Baghdadi die Treue zu schwören und ihn zu unterstützen. Die Rechtmäßigkeit aller Emirate, Staaten, Gruppen und Organisationen wird durch die Ausweitung der Autorität des Kalifs durch das Vorrücken seiner Truppen auf ihre Hoheitsgebiete null und nichtig“ („ISIS Declares Creation of Mideast Caliphate Across Iraq and Syria“, CBS News, 29. Juni 2014).

Baghdadi rief die Muslime auf, sich seinem neuen Staat anzuschließen und die christliche westliche Welt zu erobern. „Wer in den Islamischen Staat übersiedeln kann, soll es tun, denn die Einwanderung zum Haus des Islams ist eine Pflicht . . . Eilet, o Muslime, zu eurem Staat hin! Das ist mein Rat an euch. Wenn ihr euch daran haltet, werdet ihr Rom besiegen und die Welt besitzen, so Allah will“ (von Damien McElroy zitiert, „Rome Will Be Conquered Next, Says Leader of ‚Islamic State‘ “, The Telegraph, 1. Juli 2014).

Lang ersehnter Wunsch nach der Wiedereinrichtung des Kalifats

Der Wunsch nach der Wiedereinrichtung des Kalifats fußt auf dem Ziel, alle Muslime unter einem Herrscher zu vereinen, wie es zur Zeit des Gründers Mohammad und seiner unmittelbaren Nachfolger im 7. Jahrhundert der Fall war. Die Herrschaft des Kalifats bedeutet die strikte Anwendung der Scharia, des islamischen Gesetzes, und die Durchsetzung von Dschihad, dem heiligen Krieg, um die Welt zu erobern.

Das Kalifat existierte im Laufe der Jahrhunderte in einer Reihenfolge von islamischen Reichen. Das letzte war das Osmanische Reich der Türken, das zum Ende des Ersten Weltkriegs auseinanderbrach. Nach Meinung heutiger islamischer Extremisten waren diese späteren Kalifate jedoch korrupt. Deshalb wollen sie das ursprüngliche „gerechte“ Kalifat Mohammeds wiederherstellen.

Islamische Terroristen rund um die Welt wie die Hamas, El Kaida, islamischer Dschihad, die Taliban, die Muslimbrüder usw. „berufen sich alle auf die Wiederherstellung des Kalifats, die von Mohammeds rechtmäßigen Nachfolgern, den Kalifen, ausgeübte Herrschaft. Das ist zum ikonischen Muster geworden, dem alle zukünftigen Generationen der Muslime nacheifern sollen“ (Raphael Israeli, From Arab Spring to Islamic Winter, 2013, Seite xiii).

Beim Arabischen Frühling der Jahre 2011-2012 schienen die Weichen für die spätere Etablierung eines Kalifats gestellt worden zu sein, besonders mit der Wahl eines Kandidaten der Muslimbrüder, Mohamed Morsi, zum Präsidenten Ägyptens. Letztes Jahr setzte das ägyptische Militär Morsi ab und untersagte die politische Betätigung der Muslimbrüder in Ägypten. Damit hörte das Streben in Richtung einer möglichen islamischen Vereinigung auf.

Es gibt aber immer noch Hunderttausende islamischer Extremisten in den Ländern des Nahen Ostens, für die der Traum einer islamischen Vereinigung nicht gestorben ist. Für sie öffnet sich jedes Mal, wenn eine Tür geschlossen wird, eine andere Tür woanders. (Ob die Tür in Ägypten permanent geschlossen bleibt, ist keineswegs sicher. Ägyptens Bevölkerung ist mit großer Mehrheit islamisch.)

Was sollen wir von den Bemühungen um ein islamisches Kalifat halten?

Einige islamistische Gruppen stehen dem IS sehr skeptisch gegenüber. Ihrer Meinung nach war die Ausrufung des Kalifats voreilig, denn sie trägt zu Spannungen unter den diversen Gruppen und Staaten mit islamischer Bevölkerungsmehrheit bei. Der IS hat aber seine Gönner, denen man beträchtliche finanzielle Unterstützung nachsagt. Die Existenz des IS wird ohne Zweifel weiteres Blutvergießen unter Muslimen und zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zur Folge haben.

Wie ist der Islamische Staat überhaupt zustande gekommen? Wie lange wird sein „Kalifat“ andauern? Ist es möglich, dass eine andere Gruppe als Gründer des Kalifats eine breitere Akzeptanz unter Muslimen hätte? Sagen die Prophezeiungen der Bibel irgendetwas über solche Entwicklungen aus? Das sind die Fragen, die wir uns stellen sollen!

Der Aufstieg des IS und Abu Bakr al Baghdadis

Das El Kaidi-Kontingent im Irak, vor ca. zehn Jahren von Abu Musab al-Zarqawi angeführt, machte mehrere Inkarnationen durch, bevor es 2010 zum Islamischen Staat im Irak bzw. ISI wurde, mit Abu Bakr al-Baghdadi an dessen Spitze. Es war die Zeit, als sich die Amerikaner aus dem Irak zurückzogen. Die ungezügelte Brutalität der Gruppe gegenüber Muslimen schuf eine Kluft zur internationalen Führung der El Kaida, für die Zarqawi und seine Anhänger zu extremistisch waren. Dem ISI wurde vorgeworfen, Muslime vom Ziel einer islamischen Vereinigung abzuschrecken.

Darüber hinaus vertritt Osama bin Ladens Nachfolger, Ayman al-Zawahiri, den Standpunkt, dass ein neues islamisches Kalifat erst nach einer Phase der Reinigung unter Muslimen entstehen kann, wobei eine Mehrheit der Muslime das Kalifat dann unterstützen wird. Manche islamische Gelehrte sind ebenfalls dieser Ansicht.

Wie Margaret Coker in The Wall Street Journal erklärt, „lehnen Baghdadi und seine Förderer diese Doktrin eines sich allmählich entwickelnden religiösen und sozialen Konsenses ab. Stattdessen glauben sie, dass ein reines islamisches Regime eher durch Gewaltanwendung herbeigeführt werden kann“ („The New Jihad“, 11. Juli 2014).

In der Tat war das die Methode, die in vergangenen Jahrhunderten zur Durchsetzung des Kalifats Anwendung fand.

Der Konflikt spitzte sich im April 2013 zu, als Baghdadi die Übernahme der „Nusra Front“, einer syrischen anti-Assad Separatistengruppe mit Verbindungen zu El Kaida, erklärte. Baghdadi sagte, dass die syrische Gruppe in den ISI eingegliedert würde, woraus der IS entstehen sollte. Die Führung der „Nusra Front“ lehnte jedoch die Übernahme ab. Zawahiri rief Baghdadi zum Verlassen Syriens und zur Fortsetzung seiner Arbeit im Irak auf. Baghdadi erlaubte sich einen Affront gegen El Kaida mit seiner Feststellung, er folgte lieber Allah, und bestand deshalb auf dem Zusammenschluss zum IS. Daraufhin hat sich Zawahiri von der Gruppe offiziell distanziert.

In einem brutalen Blitzkrieg brachte der IS große Gebiete in Syrien und dem Irak unter seine Kontrolle. Durch die Nutzung der sozialen Medien, um seine brutale Gewalt gegenüber Andersdenkenden zu demonstrieren, schüchterte er manche ein, die sonst Widerstand geleistet hätten. Diese Taktik erleichterte dem IS die Einnahme der Großstadt Mosul und deren Umgebung im Juni, als es in der irakischen Armee massenweise zur Fahnenflucht kam.

Durch die Eroberung dieses Gebiets konnte der IS eine große Menge an US-amerikanischem Militärgerät beschlagnahmen sowie Hundertmillionen US-Dollar von den dortigen Banken rauben. Auf einmal standen dem IS mehr Geld zur Verfügung als der El Kaida. Ohne einen glaubwürdigen Gegner in der Region schien der IS Bewegungsspielraum zur Ausdehnung seiner Einflusssphäre zu haben. Im Sommer ging man aufgrund der neuen Situation mit dem IS von bedeutsamen Veränderungen im Nahen Osten aus.

Dem Gegner Angst einjagen

Joseph Farah, Chefredakteur des WND (des früheren „WorldNetDaily“), meinte vor der Ankündigung des Kalifats: „Wird der IS den Nahen Osten, Nordafrika, Teile Europas und Asiens im 21. Jahrhundert erobern? Nein, das erwarte ich nicht. Aufgrund dieser Bewegung werden wir aber viel Zerstörung und Blutvergießen erleben – vielleicht viel mehr, als es manche Analysten meinen.

Der IS legt eine solche Brutalität an den Tag, dass selbst die El Kaida davor zurückschreckt. Er verfügt bereits über größere Finanzmittel und mehr Waffen, darunter auch chemische Waffen, als viele Länder dieser Welt. Eine Brutalität, die man im Westen kaum begreift, ist das Modus Operandi des IS. Er befürwortet eine Vorgehensweise der verbrannten Erde gegenüber seinen Feinden. Dazu gehören Christen, Schiiten, Alawiten, Juden, Ungläubige und eigentlich alle, die keine Sunniten sind. Die Führung des IS befürwortet und praktiziert eine Barbarei, mit der er seinen Gegnern Angst einjagen will. Gegner sind alle, die sich ihnen bei ihrer Anwendung eines strengen sunnitischen Schariakodex nicht anschließen.

Die IS-Plünderer haben ihre Opfer gekreuzigt, enthauptet und Massenhinrichtungen an irakischen Soldaten und Zivilisten verübt. Sie sind zu jeder Gräueltat fähig“ („IS Rising – What It Portends“, 23. Juni 2014).

Farah verglich die Schnelligkeit ihrer Eroberungsfeldzüge mit der ursprünglichen Ausbreitung des Islam oder sogar Alexander dem Großen. „Der Erfolg solcher Kampagnen hängt davon ab, dass der zahlenmäßig überlegene Gegner aus Angst den heranrückenden Horden weicht. Es hat schon im Irak funktioniert“ (ebenda).

Ist das neue Kalifat lebensfähig?

Der BBC-Sicherheitskorrespondent Frank Gardner präsentierte eine hilfreiche Analyse der Situation, indem er der Frage nachging, ob der IS lebensfähig ist bzw. seine Herrschaft behaupten kann: „Experten weisen darauf hin, dass das Besetzen eines Gebiets eine Sache ist, über es zu herrschen aber eine ganz andere ist“ („Jihadistan: Can Isis Militants Rule Seized Territory?“, 8. Juli 2014).

Trotz seiner bemerkenswerten Militärerfolge dank einer psychologischen Kriegsführung „kämpft der IS in einer oberen Gewichtsklasse, um eine Analogie aus dem Boxsport zu verwenden“. Die Anzahl seiner Kämpfer ist bedeutend geringer als die seiner potenziellen Gegner in der Region. Gardner beruft sich dabei auf eine arabische Zeitung: „Die Kontrolle über die eroberten Gebiete basiert auf Vereinbarungen mit örtlichen Milizen, die willens sind, stellvertretend für den IS zu ‚herrschen‘.“

Gardner betont auch, dass Baghdadi und seine Anhänger anscheinend nicht von den Fehlern ihrer Vorgänger im Irak unter Zarqawi gelernt haben. Der brutale Umgang mit der örtlichen Bevölkerung führte zur inneren Ablehnung der Bewegung. Hinsichtlich des IS „kursieren zahlreiche Berichte über strenge Strafen, die wegen kleinlicher Verstöße verhängt werden, über Frauen, die unter Hausarrest stehen, über öffentliche Hinrichtungen, Entführungen und exorbitante Schutzgelder, die von Geschäften verlangt werden . . .“

Als Vorgeschmack dessen, was seinen Untertanen bevorsteht, hat der IS als eine seiner ersten Maßnahmen eine Fatwa – eine religiöse Anordnung – erlassen, wonach „sich alle Frauen im Alter zwischen elf und 46 Jahren beschneiden lassen sollten“ (Agence France-Presse, 24. Juli 2014).

Nach Einschätzung Gardners „muss der IS, um als Staat zu existieren, geschweige denn als transnationales Kalifat, Zugang zu Öl und Wasser haben“. Im Sommer dehnte der IS seinen Einflussbereich in Syrien und im Irak weiter aus, um genau solche Quellen unter seine Kontrolle zu bringen. Es überrascht daher nicht, dass Ölraffinerien zu den ersten IS-Zielen der US-Luftwaffe in Syrien gehörten, um dem IS eine ertragreiche Finanzquelle zu nehmen.

Wird der IS bald besiegt werden? Selbst Präsident Barack Obama räumte in einer im September gehaltenen Ansprache an das amerikanische Volk ein, dass der Kampf gegen den IS nicht schnell gewonnen werden kann. Die Einsätze der Luftwaffe würden monatelang fortgesetzt, um die Extremisten zu schwächen. Dass der IS nicht bald besiegt wird, zeigte sich in dem Bericht eines Aussteigers. Nach den ersten Luftangriffen in Syrien habe der IS damit begonnen, Waffen, Munition und Transportmittel in Wohngebiete zu verlegen, damit sie nicht zerstört würden.

Westliche Militärs dämpfen ohnehin die Erwartung, dass der IS allein durch Kampfjets und Bomber besiegt werden kann. Nur auf dem Boden kann die Schlacht gewonnen werden.

„Die einzige Kraft, die den IS permanent schlagen kann, sind die einheimischen Stämme in den Gebieten, die von dem IS kontrolliert werden“, so Frank Gardner von der BBC. „Doch solange der syrische Bürgerkrieg tobt, gibt es dazu kaum Motivation . . . So verbleibt die Perspektive einer gewalttätigen, extremistischen, gut bewaffneten, ausreichend finanzierten und religiös intoleranten islamischen Miliz, die sich als permanenter Teil der nahöstlichen Landschaft etablieren wird, eine Art ,Dschihadistan‘.“ Wie bei den Taliban in Afghanistan hätte der IS die Möglichkeit, Angriffe in benachbarten Ländern und Terroranschläge im Westen auszuführen.

Die Obama-Administration wollte ursprünglich unter den „gemäßigten“ syrischen Rebellen 5000 Mann für den Kampf gegen den IS ausbilden, ein Projekt, für das nach Einschätzung von US-Militärs mindestens sechs Monate notwendig sein werden. Westliche Geheimdienste gehen aber beim IS von 30 000 Kämpfern aus. So stellt sich die Frage, wie sich die neu auszubildende Gegenwehr gegen den zahlenmäßig überlegenen IS behaupten soll. Es bleibt also abzuwarten, ob die von den USA geführte Koalition gegen den IS erfolgreich sein wird oder ob der IS seinen Einfluss im Nahen Osten weiter ausdehnen wird.

„Positive“ Faktoren für den IS

Trotz seiner Verurteilung durch islamische Gelehrte und die Ablehnung durch El-Kaida und andere dschihadistische Organisationen spricht einiges für den potenziellen Erfolg des IS in der islamischen Welt. Ein Aspekt ist schon die Ausrufung des Kalifats, denn damit werden andere Anwärter auf diesen Anspruch eher abgeneigt sein, ein eigenes Kalifat zu etablieren und so dem Konzept der panarabischen Einheit Schaden zuzufügen.

Darüber hinaus dient die rasche territoriale Ausbreitung des IS der Anwerbung von jungen Dschihadisten. Dazu das amerikanische Nachrichtenmagazin Newsweek: „Zur Zeit der brutalen Anschläge vom 11. September vor dreizehn Jahren waren die heute jungen Dschihadisten, die an der Front kämpfen, noch im Kindesalter. Sie haben in den letzten Jahren eine El-Kaida erlebt, die in die Defensive gedrängt wurde und deshalb keine großen Erfolge vorzuweisen hatte. Im Gegensatz dazu hat der IS die Welt mit seinen Siegen in Syrien und dem Irak ins Staunen versetzt“ (Kurt Eichenwald, „Iraq’s IS Is Eclipsing Al-Qaeda, Especially With Young Jihadists“, 7. Juli 2014).

Der Autor J. M. Berger meint, dass die El-Kaida im Wettstreit mit dem IS sogar „alle ihre noch verbleibenden Reserven in dem Bemühen, ihren Ruf durch einen Angriff gegen den Westen wieder aufzupolieren, verschwenden könnte“ („A New Day for IS“, 11. Juni 2014). So ginge durch Konkurrenz mit dem IS kurzfristig eine erhöhte Gefahr für den Westen aus.

Die Ausrufung des islamischen Staats Ende Juni hat tausende Kämpfer zu der IS-Hochburg in Syrien angelockt. Selbst wenn der IS bei der Schaffung einer panarabischen Union scheitern sollte, gibt es andere, denen man die Gründung eines Kalifats zutrauen könnte. Die El-Kaida gibt es immer noch, und die Taliban sind in Afghanistan und Pakistan aktiv. Da Pakistan eine Nuklearmacht ist, kann man die Möglichkeit einer mit Atomwaffen ausgerüsteten Taliban nicht ausschließen. Obwohl in Ägypten zurzeit offiziell verboten, hat die Muslimbruderschaft überall im Nahen Osten ihre Anhänger.

Die Luftschläge des „großen Satans“ – der USA – gegen den IS, nunmehr auch in Syrien, können dazu dienen, noch mehr gewaltbereite junge Muslime zu motivieren, sich dem IS anzuschließen. „Baghdadi mag spekulieren, dass die Luftangriffe letztendlich keinen ernsthaften Schaden [für seine Bewegung] bringen werden, im Gegenzug aber die populäre Legitimität seiner Sache bedeutend steigern werden . . . Einer Umfrage zufolge in der von Saudi-Arabien finanzierten arabischen Zeitung Al-Hayat glauben 92 Prozent der Saudis, dass der IS mit islamischen Werten und dem islamischen Gesetz im Einklang ist“ (Peter Oborne, The Telegraph, 25. September 2014).

Die einzige zuverlässige Quelle für Zukunftsprognosen

Die barbarische Gewalt des IS, wie die zur Schau gestellte Enthauptung wehrloser Geiseln, hat die Welt schockiert. Vor diesem Hintergrund fragt man sich, wie sich die Zukunft des Nahen Ostens gestalten wird. Es gibt nur eine Quelle, die uns zuverlässig über die Zukunft informieren kann – die Heilige Schrift, das Wort Gottes. Eine Prophezeiung in Psalm 83 sagt eine Konföderation nahöstlicher Völker voraus, die sich dem Ziel verpflichtet haben, Israel zu vernichten. Zu den Beteiligten werden Araber, Palästinenser, Türken und andere in der Region gehören.

Außerdem weist das 11. Kapitel des alttestamentlichen Buches Daniel auf einen endzeitlichen „König des Südens“ hin, dessen Provokation einen Konflikt mit einer von ihm aus nördlich gelegenen Macht – einer Wiederbelebung des in Europa beheimateten Römischen Reiches – auslöst. Dabei wird das Heilige Land sozusagen zwischen die Fronten geraten.

Kann es sein, dass die prophezeite Konföderation und der endzeitliche „König des Südens“ ein wiederbelebtes islamisches Kalifat sind? Das ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, denn das Einigende unter diesen Völkern ist ihre Religion, der Islam. Daher kann man ein neues islamisches Reich bei der Erfüllung dieser Prophezeiungen nicht ausschließen.

Ist der neue Islamische Staat diese zukünftige Macht? Seine Führer sind dermaßen extrem, dass eine massenhafte Vereinigung anderer Muslime mit dem IS derzeit unwahrscheinlich erscheint. Hinzu kommt, dass Ägypten weit ab vom Einflussbereich des IS ist. Daniels Prophezeiung in Kapitel 11 erwähnt Ägypten aber als Teil der Einflusssphäre vom „König des Südens“. Dass der Islamische Staat Ägypten einnimmt, erscheint derzeit ebenfalls sehr unwahrscheinlich.

Andererseits könnte es sein, dass in der gleichen Weise, wie die heutige Europäische Union der embryonale Stand einer späteren europäischen Supermacht ist, der Islamische Staat ein Vorläufer einer späteren panarabischen Union ist. Unbestritten ist auf jeden Fall, dass Millionen von Muslimen schon lange den Wunsch nach einer Wiederbelebung des Kalifats hegen.

Wir weisen erneut auf das erklärte Ziel des Islamischen Staats hin: „Rom zu erobern und die Welt zu besitzen.“ Eine Zielsetzung dieser Art könnte die Umstände herbeiführen, die zum Schluss von Daniel 11 beschrieben werden: Der endzeitliche „König des Südens“ provoziert den „König des Nordens“ und löst damit eine Invasion Nordafrikas und des Nahen Ostens aus.

Bedeutsame und gefährliche Zeiten stehen uns bevor! Wie noch nie zuvor ist die Beachtung biblischer Vorhersagen über die Zukunft wichtig. Noch wichtiger aber ist die Beherzigung der biblischen Lebensweise, damit wir zum Schluss stark werden, „zu entfliehen diesem allen, was geschehen soll, und zu stehen vor dem Menschensohn“ bei seiner Wiederkehr (Lukas 21,36)!

Der 20-Jahresplan für ein globales Kalifat

Vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen ist eine Rückschau auf den im Jahr 2000 verkündeten Meisterplan der El Kaida für die Errichtung eines islamischen Kalifats interessant. Der Plan umfasste sieben Stufen über einen Zeitraum von 20 Jahren. Der Plan wurde erst 2005 vom jordanischen Journalisten Fouad Hussein in seinem Buch Al-Zarqawi: al-Qaida’s Second Generation veröffentlicht. Hussein war mit Abu Musab al-Zarqawi inhaftiert, der später zum Chef der irakischen El Kaida wurde und bei einem Bombenangriff der Amerikaner ums Leben kam. Außerdem interviewte Hussein zahlreiche El Kaida-Mitglieder.

Bei seiner Veröffentlichung wurde der 20-Jahresplan belächelt und in Frage gestellt. Doch trotz Rückschlägen der El Kaida und anderer Extremisten im Laufe der Jahre erfüllt sich der Plan in manchen Aspekten.

Nachfolgend die sieben Stufen, wie sie in einem Bericht von Spiegel-Online dargelegt wurden („Al Qaidas Agenda 2020“, 12. August 2005):

• „Die erste Phase, ,das Aufwachen‘ genannt, . . . soll von 2000 bis 2003 gedauert haben, genauer gesagt von den Vorbereitungen der Anschläge vom 11. September 2001 . . . Das Ziel der Anschläge soll es gewesen sein, die USA zu Kriegen in der islamischen Welt zu provozieren, um die Muslime ‚aufzuwecken‘. ‚Das Resultat der ersten Phase war . . . sehr gut . . . Die Amerikaner und ihre Verbündeten wurden zu einem einfacher zu treffenden und näherem Ziel.‘ “

• „Die zweite Phase, ‚das Augenöffnen‘, . . . soll bis 2006 beendet sein“ und „die ‚islamische Gemeinschaft‘ sich der westlichen Verschwörung bewusst“ werden. „Das Netzwerk rechne damit, dass sich ihm viele junge Männer in diesen Jahren anschließen. Der Irak soll zudem zur Operationsbasis von globaler Bedeutung ausgebaut, eine ‚Armee‘ eben dort aufgestellt und außerdem Basen in anderen arabischen Staaten errichtet werden.“

• Die dritte Phase, „Das Aufstehen und Auf-zwei-Beine-Stellen“, umfasst „den [damals in der Zukunft liegenden] Zeitraum von 2007 bis 2010“. „ ‚Es wird eine Konzentration auf Syrien geben‘ . . . Die kämpfenden Kader stünden bereit, zum Teil hielten sie sich im Irak auf . . . Anschläge in der Türkei und . . . gegen Israel würden für diese Jahre avisiert . . . Anschläge in den Nachbarländern des Irak, also etwa in Jordanien“, seien möglich. (Die Betonung von Syrien ist interessant, obwohl Syrien erst kurz nach diesem Zeitabschnitt beim Arabischen Frühling in den Mittelpunkt gerückt ist.)

• In der vierten Phase, zwischen 2010 und 2013, wird es darum gehen, „den Sturz der verhassten arabischen Regierungen zu erreichen“, was „zu einem stetigen Zuwachs an Kraft bei El Kaida führen“ wird. „Parallel sollen Angriffe gegen Ölförderanlagen durchgeführt, die US-Wirtschaft durch Cyberterrorismus ins Visier genommen werden.“ (Beachtenswert in diesem Zusammenhang sind die Aufstände des Arabischen Frühlings 2011-2012 gegen diverse Despoten.)

• „In der fünften Phase, zwischen 2013 und 2016“, soll ein Kalifat ausgerufen werden. „Der Einfluss des Westens in der islamischen Welt werde dann bereits massiv zurückgegangen sein“ und „der islamische Staat werde eine neue Weltordnung hervorbringen“. (Der Islamische Staat rief 2014 sein Kalifat aus. Die Führungselite der El Kaida hält diesen Ausruf zwar für verfrüht, aber er passt schon zum vorgesehenen Zeitraum des 20-Jahresplans.)

• In der „sechsten Phase, beginnend 2016, . . . werde die ‚islamische Armee‘ die von Osama Bin Laden oft vorhergesagte ‚Schlacht zwischen Glauben und Unglauben‘ anzetteln“.

• Die siebte Phase folgt, „die mit ‚endgültiger Sieg‘ beschrieben wird“. Das Kalifat wird Bestand haben, „weil die restliche Welt angesichts der Kampfbereitschaft von ‚anderthalb Milliarden Muslimen‘ klein beigeben werde“. 2020 soll diese Phase abgeschlossen sein und der Krieg nicht länger als zwei Jahre dauern.

Ob sich die fünfte bzw. sechste Phase des Plans verwirklicht, steht noch nicht fest. Doch die siebte Phase findet auf jeden Fall nicht statt, denn die Prophezeiungen der Bibel zeigen, dass der Islam die Welt nicht dominieren wird.

Der Westen wäre vor fast zehn Jahren gut beraten gewesen, Fouad Husseins Buch ernst zu nehmen. Das Buch zeigt, dass die Islamisten, da sie wissen, dass sie zur Verwirklichung ihrer Pläne Jahrzehnte brauchen werden, eine längerfristige Planung an den Tag legen. Diese Denkweise ist manchen westlichen Führern fremd, die aufgrund ihrer Kurzsichtigkeit die Entwicklungen in der islamischen Welt teilweise falsch eingeschätzt haben.

– GN November-Dezember 2014 PDF-Datei dieser Ausgabe

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