„Bleibt in meinem Wort!“

Unterhaltung und Kommunikation stehen uns heute rund um die Uhr zur Verfügung. Finden wir da noch Zeit für die Bibel?

Von Robin Webber

Ein junger Mann bat einen alten Pastor um die Taufe. „Gerne“, war die Reaktion des betagten Geistlichen, „gehen wir zusammen zum Strand des Badesees.“ Dort wateten beide ins Wasser. „Bist du jetzt bereit?“, fragte der Pastor. „Absolut!“, lautete die Antwort des jungen Taufkandidaten.

Plötzlich packte ihn der Pastor, tauchte ihn im Wasser unter und hielt ihn einige Sekunden unter Wasser. Als er ihn wieder aufrichtete, frage der junge Mann verdutzt: „Was sollte das denn?“ „Das war deine erste Unterrichtsstunde“, meinte der Pastor. „Erst wenn du Gott genauso intensiv erleben willst, wie du atmen willst, kann ich dir etwas über ihn beibringen. Jetzt kann ich dir einiges über ihn erzählen.“

Gott kennenzulernen umfasst freilich mehr als meine Anekdote über die Bereitschaft zur Belehrung nach einer ungewöhnlichen Taufe. Gott kennenzulernen ist in Wirklichkeit eine tägliche Herausforderung, denn um Gott zu erfahren, müssen wir viel Zeit in seine persönliche Selbstenthüllung – die Bibel, das Wort Gottes – investieren. Die Zeit, die dafür notwendig ist, werden wir nur dann aufbringen, wenn wir die Wichtigkeit der Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift so begreifen, als würde unser Leben davon abhängen!

Seien wir ehrlich. Für die Dinge, die uns wichtig sind, gibt es genügend Zeit. Ist uns etwas wichtig, werden wir die Zeit dafür finden.

Jesus hob die Wichtigkeit unserer Zeiteinteilung hervor, als er sagte: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger“ (Johannes 8,31; Einheitsübersetzung). Das Wort, das mit „bleiben“ übersetzt wurde, wird im Neuen Testament auch im Zusammenhang des Wohnens verwendet.

Sinngemäß meinte Jesus, dass wir in seinem Wort leben sollen. Wer Jesu Aufforderung „Folgt mir nach!“ nachkommen will, wird in einer Welt, in der es rund um die Uhr Ablenkungen gibt, Zeit für die Pflege der persönlichen Beziehung zu Gott finden müssen.

Die Herausforderung verstehen

Dank dem Fortschritt in der Nachrichtentechnologie leben wir in einer Welt der sofortigen Verständigungsmöglichkeiten und der Befriedigung des Wunsches nach Unterhaltung. Wer mit anderen unterwegs ist, hört oft das Zwitschern eines Smartphones, um den Eingang einer Twitter-Kurznachricht zu melden. Wer seine Lieblingssendung im Fernsehen verpasst hat, kann sie später online in der Mediathek des betreffenden Senders sehen. Die moderne Elektronik schafft langsam aber sicher eine Kultur des ständigen Abgelenktseins.

Ein Bericht in dem Buch Learn to Breathe veranschaulicht diesen Trend: „Vor einigen Jahren nahm ich an einer wichtigen Sitzung teil, die nicht unterbrochen werden sollte. Zu Beginn der Sitzung forderte der Moderator alle Anwesenden auf, ihre Handys auszuschalten.

Bis auf eine Frau waren alle Teilnehmer dazu bereit. Die Frau hingegen protestierte zunächst im sanften Ton, dass ihr Handy eingeschaltet bleiben müsse, sie würde es aber auf Vibrieren stellen. Daraus wurde ein kleiner Machtkampf. Wir schauten alle mit großem Interesse zu, als der Moderator auf dem Abschalten des Handys bestand.

,Das meinen Sie wohl nicht im Ernst!‘, konterte sie mit nervösem Gesichtsausdruck. ,Ich habe es immer eingeschaltet. Lassen Sie es mich bitte auf Vibrieren stellen!‘ Die Leidenschaft in ihrer Stimme wirkte fast erschreckend. Man hätte meinen können, sie wäre aufgefordert worden, ihr erstgeborenes Kind zu enterben . . . Der Gedanke, dass sie kurzzeitig nicht mit der übrigen Welt vernetzt wäre, hatte sie komplett entnervt“ (2013, Seite 80).

Die Geschichte illustriert treffend die Zeit, in der wir leben. Noch nie gab es so viele Ablenkungen, die rund um die Uhr um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Doch die Notwendigkeit der Pflege unserer Beziehung zu Gott gilt auch rund um die Uhr!

Mit Gott ständig „vernetzt“ sein

Gott hat keinen Anteil an unserem Leben, es sei denn, dass wir in seinem Wort bleiben. Und in seinem Wort werden wir nur dann bleiben, wenn uns bewusst ist, dass unser Leben davon abhängt. Das Verlangen nach einer innigen Beziehung zu Gott wird in Psalm 42, Verse 2-3 in poetischer Weise zum Ausdruck gebracht: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott“ (alle Hervorhebungen durch uns).

Denken wir an das trockene Klima im Nahen Osten, wo diese Verse niedergeschrieben wurden. Dort ist Wasser außerordentlich wichtig! Die Worte der Heiligen Schrift sind es ebenso. In Johannes 6, Vers 63 sagte Jesus: „Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.“

Verstandesmäßig ist uns das klar und wir mögen auch die Absicht haben, unsere Beziehung zu Gott zu pflegen, aber wir schieben diese Pflege manchmal so lange hinaus, bis es uns passt. Die einfache Wahrheit ist jedoch, dass es uns in der heutigen schnelllebigen Zeit nur selten passen wird. Die Erkenntnis, dass etwas notwendig ist, und es auch zu tun, sind zweierlei. Wenn man die Bibel nicht aufschlägt, ist es so, als würde man sie abgeben. Ohne dass man ernsthaft danach sucht, wird man die Nähe zu Gott nie finden.

Kennen Sie Jesu sieben Sendschreiben an die Gemeinden in Kleinasien? Wir finden sie im Buch Offenbarung, Kapitel 2 und 3. In diesen Briefen finden wir Lob, aber auch Tadel mit einem Hinweis auf die Notwendigkeit der Besserung. Überlegen Sie, ob Jesus Folgendes an moderne Christen schreiben könnte:

„An die Auserwählten Gottes im 21. Jahrhundert. Dies sagt der Heilige: Ich kenne eure Werke. Ihr sagt, dass ihr mich in einer Welt kennt, die mich zunehmend ablehnt. Aber ich habe einiges wider euch. Ihr sagt, dass ihr mich liebt, aber ihr bleibt nicht in meinem Wort des Lebens, als hättet ihr selbst das Leben und daher die Nähe zu mir nicht nötig. Öffnet euer Herz meinem Wort, und ich werde euer Gott sein und ihr werdet mein Volk sein.“

Wenn diese Ermahnung uns trifft, wie können wir seinen Aufruf „Folgt mir nach!“ umsetzen und dafür sorgen, dass unsere Beziehung zu ihm rund um die Uhr höchste Priorität hat? Jesus wies uns den Weg, als er feststellte: „Der Jünger steht nicht über seinem Meister; jeder aber, der alles gelernt hat, wird wie sein Meister sein“ (Lukas 6,40; Einheitsübersetzung). Wenn wir Jesus nachfolgen, werden wir so sein, wie er es ist. Wie schaffen wir das?

Die Heilige Schrift zur „Muttersprache“ machen

Die Evangelien zeigen uns, dass die Heilige Schrift auf eine Art Jesu „Muttersprache“ war, denn er zitierte sie ständig. Lehrte er oder redete er mit den Menschen, wies er wiederholt auf die Schrift hin. Selten reagierte er auf eine Herausforderung, ohne ein Bibelzitat als Teil seiner Antwort heranzuziehen.

Wie oft sagte Jesus „Es steht geschrieben“ oder „Habt ihr nicht gelesen im Gesetz“ (vgl. dazu Matthäus 4,4-10; Matthäus 12,3-5; Matthäus 19,4; Matthäus 22,31; Markus 12,10; Markus 12,26)? Sein Leben gründete sich auf die Schrift. Er sagte ausdrücklich: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ (Matthäus 4,4). Damit zitierte Jesus die Bibelstelle in 5. Mose 8, Vers 3. Und Hiob sagte: „Seine Befehle zu beachten war mir wichtiger als das tägliche Brot“ (Hiob 23,12; „Hoffnung für alle“-Übersetzung).

Die Worte der „Muttersprache“ Jesu waren auch seine letzten Worte in Golgatha: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände“ (Lukas 23,46; vgl. dazu Psalm 31,6).

Heute scheint es, als lebe jeder sein Leben in einem rasanten Tempo, ständig hin und her hastend, um alles zu schaffen. Das Tempo des Lebens zur Zeit Jesu war bedeutend langsamer, aber es gab dennoch Ablenkungen, vor denen Jesus warnte: „Die Sorge der Welt und der betrügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht“ (Matthäus 13,22).

Jesu Rezept damals war dasselbe wie heute: erst einmal das Tempo verlangsamen und Prioritäten setzen: „Sorgt nicht um euer Leben . . . Seht die Vögel unter dem Himmel an . . . Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen . . . Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet . . . Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? . . . Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen“ (Matthäus 6,25-33).

Am Weinstock bleiben

Durch die Analogie eines Weinstocks betonte Jesus die Notwendigkeit der Pflege unserer Beziehung zu Gott. In Johannes 15 sagte er seinen Jüngern, dass Weintrauben nur dann wachsen können, wenn die Reben mit dem Weinstock verbunden bleiben. Interessant ist, dass Jesus in seiner Beschreibung des Weinstocks und der Reben das Wort „bleiben“ siebenmal benutzte.

Eine Rebe, die nur ungenügend mit dem Saft spendenden Weinstock verbunden ist, mag vielleicht Blätter hervorbringen, jedoch keine Frucht. Deshalb sagte Jesus: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger“ (Johannes 15,7-8).

Jesus beschreibt sich als den lebensspenden Weinstock, in dem wir bleiben müssen (vgl. dazu 1. Korinther 15,45), damit Gott später Früchte zum Ernten hat. Unsere Beziehung zu Gott gestaltet sich nach dem Prinzip Ursache und Wirkung. Pflegen wir unsere Beziehung zu Gott nicht durch die intensive Auseinandersetzung mit seinem Wort, werden wir keine Frucht entwickeln. Gott will aber keine Christen haben, die nur wie Reben am Weinstock aussehen, sondern solche, die eng mit ihm verbunden sind und dadurch Frucht zu seiner Ehre hervorbringen.

Jesu Analogie der Reben und des Weinstocks führt uns zurück zu seiner Aufforderung in Johannes, Kapitel 8: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger“ (Vers 31; Einheitsübersetzung). Das Wort „Jünger“ im griechischen Urtext ist mathetes mit der Bedeutung „Schüler, Lernender“. Jesu wahre Jünger zeichnen sich durch ihr kontinuierliches Bemühen aus, die Heilige Schrift als Leitfaden für die tägliche Lebensführung zu nutzen.

Können Sie sich vorstellen, mit der Welt verbunden zu bleiben, wenn Sie Ihr Handy nie aufladen? Bestimmt nicht! Sie müssen die Zeit dafür finden, es wieder aufzuladen, damit Sie in Verbindung bleiben können. Bei unserer Beziehung zu Gott ist es nicht anders. Um mit ihm in Verbindung zu bleiben, müssen wir Zeit für sein Wort finden. „Das habe ich auch vor, nur habe ich jeden Tag so viel zu tun“, mögen Sie einwenden. Ja, wir haben viel zu tun. Für die Dinge, die uns wichtig sind, finden wir aber die Zeit, nicht wahr? Wie wichtig ist uns Jesu Aufforderung „Folgt mir nach!“?

– GN November-Dezember 2015 PDF-Datei dieser Ausgabe

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