Wenn der Frieden unmöglich erscheint

Was lernen wir über die Wiederherstellung gestörter Beziehungen aus einem Brief an einen Sklavenbesitzer über seinen entlaufenen Sklaven? Die Antwort lautet: eine ganze Menge!

Von Robin Webber

Was hat das alte englische Kinderlied „Humpty Dumpty“ mit unseren zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun? Der Text in deutscher Übersetzung lautet: „Humpty Dumpty, ein schneeweißes Ei, fiel von der Mauer und brach entzwei. Der König schickt Ritter mit Pferd und Lanz’, doch wer von den Herren macht ein Ei wieder ganz?“

Das zerschellte Ei Humpty Dumpty dürfte für einige Leser dieses Beitrags die Realität einer Situation darstellen, von der sie sich derzeit konfrontiert sehen. Wenn es um die Beziehung zu unseren Mitmenschen geht, können wir uns entweder wie Humpty Dumpty fühlen oder wie des Königs Ritter sein, die außerstande sind, das, was einst war, wiederherzustellen.

„Unmöglich!“ mag die Reaktion einiger sein, wenn man sie nach der Aussöhnung mit einem entfremdeten Bekannten, Freund oder gar Angehörigen fragt. Doch damit verkleinert sich der Graben zwischen solchen Menschen nicht. Stattdessen finden wir Hoffnung in der Vorgehensweise, die uns in dem Wort Gottes gezeigt wird. Jesus sagte: „Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden“ (Matthäus 5,9; Einheitsübersetzung).

Frieden ist nicht das Resultat von Wunsch­denken, sondern wird gestiftet bzw. herbeigeführt – von einer Person mit einer anderen, durch Worte und Taten, denen ein göttliches Motiv zugrunde liegt. Frieden zu stiften hat auch seinen Preis, den der Friedensstifter zu zahlen bereit sein muss, indem er das Risiko eingeht, sich dem Prozess zu öffnen.

„Dafür ist es aber zu spät!“, mögen Sie einwenden. Nein, es ist nicht zu spät. Das erkennen Sie jedoch nicht, weil Sie vor der scheinbaren Un­möglichkeit der Wiederherstellung der Be­ziehung resigniert haben. Die ganze Heilige Schrift widerspricht dieser Vorstellung, da Gott sich nur zu gern mit den Menschen, die sich von ihm entfremdet haben, versöhnen will, wenn sie willens sind, die notwendigen Schritte zur Versöhnung zu tun.

Wie schließen wir Frieden mit jemandem, wenn die Versöhnung ausgeschlossen zu sein scheint? Wie beherzigen wir diesbezüglich die Aufforderung Jesu „Folgt mir nach!“?

Die Bittschrift eines Mannes in der Vermittlerrolle

Als Beispiel der Seligpreisung Jesu Christi über Friedensstifter dient die Geschichte dreier Christen in sehr unterschiedlichen Lebenslagen. Der eine war Häftling, der zweite Sklavenbesitzer und der dritte dessen entlaufener Sklave. Wer waren sie? Der Apostel Paulus, ein Gefangener in Rom, Philemon, der Sklavenbesitzer, und Onesimus, der entlaufene Sklave, den Paulus in Rom kennengelernt hatte.

Mit einem Brief schaltete sich Paulus als Vermittler ein, um die kaputte Beziehung dieser beiden Bekannten zu kitten. Paulus zeigt uns, wie man als Friedensstifter vorgehen kann. Sein Brief an Philemon spiegelt die praktische Anwendung von Sprüche 25, Vers 11 wider: „Ein Wort, geredet zu rechter Zeit, ist wie goldene Äpfel auf silbernen Schalen.“

Warum erschien die Beziehung zwischen Philemon und Onesimus hoffnungslos belastet? Historiker schätzen, dass bis zur Hälfte der Bevölkerung des damaligen Römischen Reiches mit seinen 250 Millionen Einwohnern Sklaven war. Manche waren Steinbrucharbeiter oder Ruderer auf römischen Schiffen, andere waren Hausdiener, einige sogar Beamte oder Lehrer, aber sie alle waren Sklaven.

In seinem Werk Die Politik sah der griechische Philosoph Aristoteles den Sklaven als „ein beseeltes Besitzstück“ bzw. als „ein Werkzeug zum Leben“, das einem anderen Menschen gehörte (Pol I 4, 1253 b 30ff). Diese Sichtweise war auch die kulturelle und wirtschaftliche Norm zur Zeit des Paulus und wurde mit brutaler Strenge aufrechterhalten.

In seinem Brief an Philemon wollte Paulus jene versklavende Mentalität durchbrechen und eine Lösung für eine klassische „Humpty Dumpty“-Situation finden, indem er den entlaufenen Sklaven Onesimus an seinen Besitzer Philemon zurückschickte.

Zu Beginn seines Briefes erinnerte Paulus Philemon daran, dass er selbst kein freier Mensch, sondern „ein Gefangener Christi Jesu“ war. Er war mehr als nur ein Gefangener Roms, woran Philemon erkennen sollte, dass einem Christen nichts passiert, ohne dass es dem Willen Gottes dienen kann. Dazu gehörte auch die Gefangenschaft des Paulus.

In seiner Anrede verwendete Paulus die zwei großen Grußformeln der antiken Welt: den griechischen Ausdruck „Gnade“ (Griechisch: charis) und den hebräischen Gruß „Friede“, schalom auf Hebräisch und als eirene ins Griechische übersetzt. „Friede“ impliziert freilich die Versöhnung unter den Menschen.

Paulus schloss seinen Brief auch mit dem Wunsch der Gnade für dessen Empfänger. Damit war seine Petition an Philemon sozusagen von Gnade, einer Gabe Gottes, eingerahmt.

Paulus erkannte den Dienst des Philemon für seine Ortsgemeinde an, die sich anscheinend in seinem Haus zum Gottesdienst versammelte (Philemon 1,2). Philemons persönliches Beispiel war sogar in Rom bekannt: „Ich höre von der Liebe und dem Glauben, die du hast an den Herrn Jesus und gegenüber allen Heiligen“ (Philemon 1,5; alle Hervorhebungen durch uns).

Paulus betonte, dass Philemons positives Verhalten „in Christus“ erfolgte (Philemon 1,6), womit mehr als nur menschliche Güte gemeint war. Paulus hatte einen Grund, Philemons Liebe gegenüber „allen Heiligen“ zu loben: Er wollte wissen, wie umfassend diese Liebe war!

Eine Sache des Herzens

Erst in den nächsten Versen trägt Paulus seine Bitte an Philemon mit sanfter Weisheit vor. Er wollte Philemon über dessen Herz erreichen: „Darum, obwohl ich in Christus volle Freiheit habe, dir zu gebieten, was sich gebührt, will ich um der Liebe willen doch nur bitten . . . für meinen Sohn [im Glauben] Onesimus, den ich gezeugt habe in der Gefangenschaft“ (Philemon 1,8-10).

Paulus informiert Philemon über eine bemerkenswerte Wende im Leben des Onesimus, dessen Name, wörtlich übersetzt, „nützlich“ bedeutet. Durch die Veränderung seiner Lebensführung konnte Onesimus seinem Namen gerecht werden, nicht nur gegenüber Paulus, sondern auch gegenüber seinem rechtmäßigen Herrn Philemon, dem Onesimus entlaufen war. Paulus schrieb: „Den sende ich dir wieder zurück und damit mein eigenes Herz. Ich wollte ihn gern bei mir behalten, damit er mir an deiner statt diene in der Gefangenschaft um des Evangeliums willen“ (Philemon 1,12-13).

Ob Onesimus bei Paulus bleiben durfte, war eine Entscheidung, die Philemon zu treffen hatte, und zwar freiwillig und ohne Zwang: „Aber ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, damit das Gute dir nicht abgenötigt wäre, sondern freiwillig geschehe“ (Vers 14).

Die nachfolgenden Worte des Paulus erinnern an Römer 8, Vers 28, wo es heißt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“ Er schlägt dem Philemon eine Erklärung für die Situation vor: „Denn vielleicht war er darum eine Zeit lang von dir getrennt, damit du ihn auf ewig wiederhättest, nun nicht mehr als einen Sklaven, sondern als einen, der mehr ist als ein Sklave: ein geliebter Bruder, besonders für mich, wie viel mehr aber für dich, sowohl im leiblichen Leben wie auch in dem Herrn“ (Philemon 1,15-16).

Paulus betonte die Wichtigkeit der Be­zie­hung, die nunmehr zwischen Philemon und Onesimus existierte: die Beziehung zweier Glaubensbrüder.

Welche Kultur dominiert in unserem Leben?

Dass Paulus Onesimus an seinen Herrn zurücksandte in der Erwartung, dass Philemon ihn akzeptieren würde, war in der Kultur jener Zeit eine große Herausforderung. Zurückgebrachte entlaufene Sklaven konnten geschlagen, mit den Buchstaben „FUG“ (d. h. „Flüchtiger“, eine Abkürzung des Lateinischen fugitivis) gebrandmarkt oder sogar getötet werden, manchmal durch Kreuzigung. Schließlich waren Sklaven lediglich ein „Werkzeug“ nach Aristoteles, und die gesellschaftliche Ordnung musste durch Einschüchterung aufrechterhalten werden.

Onesimus hätte unter diesen Umständen alles verlieren können. Auf der anderen Seite riskierte Philemon die Ächtung seiner Mitbürger für den Fall, dass sein Verhalten gegenüber einem entlaufenen Sklaven als nachsichtig empfunden würde. Es gibt ein Risiko für jeden, der Jesu Aufforderung „Folgt mir nach!“ hinsichtlich der Wiederherstellung kaputter Beziehungen nachkommen will.

In seinem Brief an Philemon gab Paulus den Ton an. Er nannte Philemon „den Lieben, unsern Mitarbeiter“ (Philemon 1,1) und „lieber Bruder“ (Vers 7). Onesimus ist sein „Sohn“ (Vers 10), den Philemon wie Paulus selbst empfangen soll (Vers 17). Mit seinen Worten bestätigte Paulus seine frühere Beschreibung der christlichen Gemeinschaft in seinem Brief an die Galater: „Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Galater 3,26-28).

Paulus erkannte, dass er die römische Kultur an sich nicht reformieren konnte. Ihm ging es um die Beziehung zweier Christen und die Frage, ob jene Kultur anstelle von christlichen Werten ihre Beziehung bestimmen sollte. Auf ähnliche Weise müssen alle Christen die Frage beantworten, ob sich ihr Leben an der Kultur vom Reich Gottes orientiert. Das sollte der Fall sein, denn „ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Korinther 5,17).

Zu Beginn des Briefs hatte Paulus seine Freude darüber betont, dass „die Herzen der Heiligen erquickt sind durch dich, lieber Bruder“ (Vers 7). Paulus, die menschliche Brücke zwischen zwei entfremdeten Brüdern, brachte es zum Schluss seines Briefs an Philemon auf den Punkt: „Ja, lieber Bruder, gönne mir, dass ich mich an dir erfreue in dem Herrn; erquicke mein Herz in Christus“ (Philemon 1,20). Er hoffte, selbst von Philemon erquickt zu werden, indem Philemon seine Bitte um Versöhnung beherzigte: „Im Vertrauen auf deinen Gehorsam schreibe ich dir; denn ich weiß, du wirst mehr tun, als ich sage“ (Philemon 1,21).

„Deshalb“

Ganz zum Schluss seines Briefs wiederholte Paulus seinen eingangs geäußerten Wunsch für Philemon: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus sei mit eurem Geist!“ (Philemon 1,25). Damit erinnerte Paulus Philemon an Gottes Initiative und Wirken in seinem Leben, die man nicht erwirken oder verdienen kann; es ist eine Gabe.

Wir dürfen nicht vergessen, was wir waren, als Gott uns berief: Wir waren Sklaven der Sünde (Römer 6,17. 20. 22). Als Gefangener in Rom erkannte Paulus, dass eine andere Form der Sklaverei uns auch nach der Berufung heimsuchen kann: die Lähmung durch eine belastete Beziehung. Sie kann wie eine Gangschaltung wirken, bei der es nur einen Rückwärtsgang gibt. Man grübelt nur über das, was gewesen ist, anstatt daran zu denken, wie es in Zukunft sein kann.

Paulus appellierte an Philemon, die Situation anders zu sehen als der Normalfall seiner Zeit. Er bat Philemon, Onesimus als Bruder zu akzeptieren, und ließ Onesimus seinen handgeschriebenen Brief an Philemon überbringen.

Christus wusste, dass wir Gottes Hilfe beim Umgang mit den „Humpty Dumpty“-Situationen in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen brauchen würden. Deshalb ermutigt er uns mit folgenden Worten: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“ (Johannes 14,27).

Vor dem Hintergrund des Friedens Christi sind wir aufgerufen, das Unmögliche in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen möglich zu machen und Jesu Aufforderung „Folgt mir nach!“ zu beherzigen.

– GN März-April 2016 PDF-Datei dieser Ausgabe

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