Ist die Wahrheit wirklich wichtig?

Wir leben in einer Welt, die der Schilderung des Propheten Jesaja ähnelt: „Die Wahrheit ist auf der Gasse zu Fall gekommen“ (Jesaja 59,14). Ist es heute überhaupt noch wichtig, die Wahrheit zu sagen? Wie wichtig ist Ihnen die Wahrheit?

Von Rudy Rangel

Ich war noch in der Schule, als ich zum ersten Mal das Wort Meineid hörte. Es war beim Unterricht im Fach Staatsbürgerkunde und das Thema war Rechtswesen, wobei uns erklärt wurde, wie die Gerichtsbarkeit funktioniert. Ich war sehr überrascht zu erfahren, dass es ein Gesetz gegen Falschaussagen gibt, die man unter Eid macht. Ich war schockiert, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass es ein Gesetz für den Fall braucht, dass man ein Gericht anlügt, wenn man sich vorher verpflichtet hat, vor Gericht und möglicherweise auch vor Zeugen die Wahrheit zu sagen. Wer würde so etwas überhaupt wagen?

Leider zeigt die Erfahrung, dass viele dieses Wagnis auf sich nehmen. Deshalb muss es ein Gesetz dagegen geben. Man geht davon aus, dass manche Menschen die Wahrheit verdrehen oder zurückhalten, in vielen Fällen aus Gründen des Selbstschutzes.

Falschaussagen kommen aber nicht nur bei Gerichtsverhandlungen vor. Ein anderes Beispiel sind Wahlkämpfe, bei denen die Kandidaten bzw. politischen Parteien sich gegenseitig angreifen und schlecht machen. Untersucht man dann die gegen die andere Seite gerichteten Vorwürfe genau, ist manche Übertreibung, Unterlassung oder Entstellung der Wahrheit festzustellen. Man könnte dabei den Eindruck gewinnen, dass manchen Politikern der Machterhalt oder –erwerb wichtiger ist als die Wahrheit.

Die sogenannten Promis können auch ungeniert lügen. Bei den Olympischen Spielen in Brasilien behauptete der US-amerikanische Medaillengewinner Ryan Lochte, er sei nach seinem Schwimmwettbewerb mit vorgehaltener Waffe überfallen worden. Später stellte sich heraus, dass ein stark angetrunkener Lochte und einige seiner Schwimmkollegen eine Toilette an einer Tankstelle mutwillig beschädigt hatten und mit ihrer Geschichte die Schadenersatzforderung des Eigentümers entkräften wollten. Die Wahrheit war überaus peinlich, und viele Amerikaner – auch ich – schämten sich wegen des kindischen Verhaltens eines Spitzensportlers, der als Gast in einem anderen Land sein Fehlverhalten mit Lügen zudecken wollte.

Dann haben wir noch unsere Nachrichtenmedien, die ebenfalls nicht immer gegen die Darstellung eines Sachverhalts auf voreingenommene Weise gefeit sind. Deshalb ist es vorgekommen, dass das Schlagwort „Fake News“ im Nachhinein für eine Berichterstattung verwendet wurde, die zunächst glaubwürdig erschien.

Spielt die Wahrheit heute keine Rolle mehr? Anscheinend sind einige hochgestellte Persönlichkeiten dieser Meinung, wie man an ihrem Verhalten und ihren Aussagen erkennen kann.

Wie soll man aber in einer Welt zurechtkommen, die dazu neigt, die Wahrheit oft nuanciert darzustellen, sodass sie eigentlich keine Wahrheit ist? Welche Auswirkungen hat es auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, wenn man Halbwahrheiten erzählt? Und am wichtigsten: Welche Auswirkungen hat ein solches Verhalten auf unsere Beziehung zu unserem himmlischen Vater?

Gott gebietet uns, wahrheitsgemäß zu reden

In der Heiligen Schrift finden wir manches über die Wichtigkeit der Wahrhaftigkeit. Den Israeliten schlackerten die Knie, als Gott ihnen vom Berg Sinai aus die Zehn Gebote entgegendonnerte. Dabei verkündete Gott kraft seiner alles überragenden Autorität das Fundament annehmbaren Verhaltens und schrieb es später mit eigener Hand auf steinerne Tafeln, die Mose der kurz vorher befreiten Nation überbringen sollte.

Eines der Zehn Gebote hat die Wahrhaftigkeit zum Inhalt: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (2. Mose 20,16). Gottes Gebot ist klar und präzise. Wer sich näher mit der Heiligen Schrift befasst, erkennt, dass das Gebot allumfassend ist und es nicht einzig und allein nur um falsches Zeugnis geht. Nein, wir sollen generell nicht lügen, sondern die Wahrheit reden. Gottes Plan für alle Menschen – für Sie und mich – sieht eine Verwandlung unserer Denk- und Handlungsweise vor. Unser Christsein soll, was unsere Lebensführung betrifft, hundertprozentig durchdringend sein.

In Psalm 15, Verse 1-2 fragt Israels König David: „Herr, wer darf weilen in deinem Zelt? Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berge? Wer untadelig lebt und tut, was recht ist, und die Wahrheit redet von Herzen.“ Die Lehre, die wir daraus ziehen können, ist, dass diejenigen, die in das Reich Gottes eingehen, die Wahrheit verinnerlicht haben werden. Wer die Wahrheit im Herzen hat, verabscheut die Lüge und jede auch noch so kleine Verdrehung der Wahrheit.

Die Herausforderung für uns besteht vor allem darin, dass wir zurzeit eine Kultur erleben, die die Wahrheit nicht schätzt. Stattdessen akzeptiert unser Umfeld Halbwahrheiten, Verdrehungen und Fake News als etwas Normales. Halbwahrheiten sind genau das – nur halb wahr, womit man die Wahrheit verdrehen bzw. verschleiern will. Halbwahrheiten sind in Wirklichkeit Täuschungen!

Können wir uns „unsere“ Wahrheit zurechtlegen?

Die Bibel berichtet uns, dass die Juden des Hauses Juda es mit der Zeit leid waren, die Warnungen und Ermahnungen der Propheten Gottes zu hören. Sie interessierten sich nicht für die Wahrheit bzw. Gottes gerechtes Gericht. Stattdessen wollten sie Gottes Anweisung ignorieren und ihr Leben nach eigenem Gutdünken führen. Den Propheten Gottes sagten sie: „Ihr sollt nicht sehen! und zu den Schauern: Was wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schauet, was das Herz begehrt!“ (Jesaja 30,10).

Wenn wir die Wahrheit zerpflücken, sodass wir nur das hören wollen, was uns angenehm ist, tun wir genau dasselbe wie die Juden vor 2700 Jahren. Geht es andererseits darum, eine Sache zu untersuchen, um herauszufinden, was daran wirklich wahr ist, muss man bereit sein, alles zu untersuchen, was damit zusammenhängt. Handelt es sich jedoch um etwas, wozu Gott uns seine Meinung in der Heiligen Schrift mitteilt, ist seine Meinung für die Auswertung selbstverständlich vorrangig und maßgebend.

Können wir dabei aber immer sicher sein, dass wir die Wahrheit ergründet haben? Wahrscheinlich nicht, weil wir – wie oben erwähnt – auf „Quellen“ angewiesen sein können, die ihren eigenen Standpunkt durchsetzen wollen und dabei nicht davor zurückschrecken, den Sachverhalt „einseitig geschönt“ zu schildern bzw. wiederzugeben.

Als Beispiel dient uns der typische politische Wahlkampf: Wer glaubt denn wirklich alles, was die Kandidaten erzählen – ob es sich nun um ihre Darstellung des politischen Gegners oder ihre Wahlversprechen handelt? Wahrscheinlich niemand, denn man hat sich daran gewöhnt, dass in solchen Fällen die Wahrheit entweder nicht geredet oder nicht ganz wahrheitsgetreu wiedergegeben wird.

In Sprüche 22, Vers 1 lesen wir: „Ein guter Ruf ist köstlicher als großer Reichtum und anziehendes Wesen besser als Silber und Gold.“

Es ist nicht allzu lange her, da waren Ehrlichkeit und Integrität hochgeschätzte persönliche Eigenschaften. Doch heute werden Eigenschaften, die einst als gut und wünschenswert erschienen, zunehmend als Zeichen der persönlichen Schwäche interpretiert. Sich durch Mobbing nach oben zu avancieren, Mitbewerber zu schneiden und ungeachtet des Wahrheitsgehalts das zu sagen, womit man vorankommt, scheint in Mode zu sein. Ehrlichkeit, Demut und Geduld gelten kaum noch als Eigenschaften eines „Machers“.

Sind Sie bereit, die Wahrheit zu suchen und danach zu leben?

Ich erinnere mich an die erste Staffel der TV-Reihe „Survivor“, bei der es darum ging, auf einer Insel in der Natur zu überleben und die Mitbewohner der Reihe auszustechen. Es war eine Fernsehreihe wie keine andere im sogenannten „Reality-Format“, denn die menschliche Natur wurde ungeschminkt zur Schau gestellt. Wer siegen wollte, musste nicht ehrlich sein, sondern schlau und gerissen agieren. Die ehrlichen unter den Mitbewohnern waren die ersten, die aus der Reihe ausgeschieden waren. Verdecktes Fazit der Sendereihe: Der Ehrliche schafft es nicht in einem halsabschneiderischen Umfeld.

Warum ist ein guter Ruf heute nicht köstlicher als Reichtum, wie es in den Sprüchen heißt (Sprüche 22,1)?

Der Sieger bei „Survivor“ erhielt eine Million US-Dollar als Preisgeld und wurde wochenlang in diversen Talkshows hofiert. Wir sind allmählich dazu konditioniert worden, eine Lebensführung zu dulden, bei der die Unehrlichkeit als Mittel zum Vorankommen zunehmend akzeptiert wird.

Schon lange haben wir die Quelle der Wahrheit zurückgewiesen, denn Jesus sagte: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6). Die ultimative Wahrheit kommt von Gott, es ist allein seine Domäne. Gott spricht nur die Wahrheit, doch die Menschen wollen die Wahrheit nicht hören. Jeder will die Wahrheit nach der eigenen Fasson hören.

Die Ablehnung der Wahrheit war schon vor vielen Jahren mit der Ablehnung des Schöpfers verknüpft:

„Obwohl sie von Gott wussten, haben sie ihn nicht als Gott gepriesen noch ihm gedankt, sondern sind dem Nichtigen verfallen in ihren Gedanken, und ihr unverständiges Herz ist verfinstert. Da sie sich für Weise hielten, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild gleich dem eines vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere.

Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, sodass ihre Leiber durch sie selbst geschändet werden, sie, die Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient haben statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit“ (Römer 1,21-25).

Wie sieht unsere Beziehung zu Gott aus? Schätzen wir ihn als ultimative Quelle der Wahrheit? Bei der Anbetung Gottes ist die Wahrheit überaus wichtig! „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Johannes 4,24; Hervorhebung durch uns).

Tatsache ist, dass es die Wahrheit gibt. Wenn wir uns in der Nachfolge Jesu wähnen und ein ihm wohlgefälliges Leben führen wollen, muss uns die Wahrheit wichtig sein. Gott kann nicht lügen (Titus 1,2)! Sein ganzes Wesen spiegelt nur die Wahrheit wider.

Er sandte seinen Sohn in die Welt, um uns ein Beispiel einer perfekten Lebensführung zu geben. Jesus sagte, dass er die personifizierte Wahrheit war, und wir sollen die Wahrheit lieben – ganz gleich in welcher Form. Gott zu ignorieren setzt das Festhalten an der Wahrheit aufs Spiel, was in unserer Gesellschaft leider allzu offensichtlich ist.

Ja, die Wahrheit ist überaus wichtig! Wir sollen die Wahrhaftigkeit als Charaktereigenschaft verinnerlichen, denn nur diejenigen, die die Wahrheit von Herzen reden, werden in das Reich Gottes eingehen dürfen (Psalm 15,1-2).

– GN November-Dezember 2018 PDF-Datei dieser Ausgabe

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