Versöhnung unter Menschen

Die Bereinigung eines zwischenmenschlichen Problems ist nie einfach. Die in diesem Artikel enthaltenen praktischen Hinweise können dabei behilflich sein.

Von Anthony Wasilkoff

Jeder macht Fehler. Jeder liegt mal daneben. Das gehört zum Menschsein. Wenn wir einen bedeutenden Fehler in unserem Verhalten feststellen, brauchen wir die Vergebung anderer Menschen. Dies trifft besonders in der christlichen Gemeinschaft zu. Vergebung zu suchen und zu erhalten ist eine Realität des christlichen Lebens. Wenn andere uns um Vergebung bitten, sind wir verpflichtet, ihrer Bitte nachzukommen.

Wie sieht es jedoch aus, wenn wir der Bittende sind? Welche Verantwortung haben wir, um die Vergebung der anderen zu erleichtern? Sollen wir etwas tun?

Versöhnung ist ein Prozeß, an dem beide Parteien beteiligt sind. Im Laufe der Jahre scheinen wir unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich nur auf eine der beiden Parteien konzentriert zu haben.

Wenn unser Verhalten einer zwischenmenschlichen Beziehung geschadet hat, sollen wir als Christen an der Behebung des Schadens arbeiten wollen. Nachfolgend sind sechs nicht so einfache, aber wichtige und praktische Schritte dazu.

Schuld gestehen

Der erste Schritt ist, daß wir unseren Fehler bekennen. Man mag dies als Geständnis bezeichnen. Josua forderte einen Israeliten zum Ablegen eines Geständnisses mit folgenden Worten auf: „Mein Sohn, gib dem Herrn, dem Gott Israels, die Ehre und bekenne es ihm und sage mir, was du getan hast, und verhehle mir nichts“ (Josua 7,20). Unter Menschen kommt es selten vor, daß jemand sein falsches Verhalten zugibt. Noch seltener, auch für Christen, ist es, das verkehrte Verhalten genau zu beschreiben. Unsere menschliche Natur zieht lieber das wiederholte Verneinen vor.

In Jakobus 5, Verse 14-16 lesen wir, wie wir uns gegenseitig unsere Schuld bekennen sollen. Menschlich gesehen neigen wir eher dazu, unsere Sünden vor einander zu verheimlichen. Die Sünde zieht es vor, unentdeckt zu bleiben. Bei frischer Tat ertappt ist die erste Reaktion der meisten Menschen das Abstreiten ihres Fehlers. Später kann es sein, daß sie etwas sagen wie: „Wenn ich etwas falsch gemacht habe, dann ...“

Versöhnung kann unter solchen Umständen nie stattfinden. Es ist dringend notwendig, daß wir unsere Fehler zugeben und dazu stehen. Wir müssen in der Lage sein, demütig zu sagen, „Ich habe verkehrt gehandelt. Mein Fehler war, daß ich ...“, und dann gibt man den Fehler offen zu.

Reue zeigen

Der zweite Schritt ist, unser Bedauern für das verkehrte Verhalten auszudrücken. Es ist nämlich möglich, einen Fehler zuzugeben, ohne Reue zu empfinden bzw. zu zeigen. Der Prophet Daniel gab uns ein gutes Beispiel für die richtige Vorgehensweise. Als er sein Reuegebet sprach, das man in Daniel 9, Verse 1-7 finden kann, flehte er Gott „unter Fasten und in Sack und Asche“ an und bekannte seine und die Sünden seines Volkes offen: „Wir haben gesündigt, Unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten abgewichen. Wir gehorchten nicht deinen Knechten, den Propheten, die in deinem Namen zu unsern Königen, Fürsten, Vätern und zu allem Volk des Landes redeten“ (Verse 5-6).

Wenn wir unsere Fehler an unseren Mitmenschen echt bereuen, wird es uns nicht schwer fallen, diese Reue – auch wiederholt – zu zeigen. In Römer 6, Verse 19-21 beschreibt Paulus unsere früheren Sünden, „deren ihr euch jetzt schämt“. Im Kontext sind die Christen zu Rom gemeint, die ihre Sünden in der Zeit vor ihrer Berufung zutiefst bereuten und verabscheuten.

Es ist sehr wichtig, daß der Schuldige – und das sind wir alle von Zeit zu Zeit – ohne Wenn und Aber sagt: „Mein Verhalten tut mir leid. Es tut mir sehr leid. Ich bedauere es sehr und schäme mich sogar dafür.“ Reue und Bedauern müssen aufrichtig sein und klar ausgedrückt werden, sonst wird keine Versöhnung stattfinden.

Wiedergutmachung des Schadens

Als nächstes ist man gefordert, einen etwaigen Schaden, den man durch das verkehrte Verhalten verursacht hat, wiedergutzumachen. Dieser Schritt sollte auf das Schuldgeständnis und das Mitteilen des Bedauerns folgen.

Wenn sich jemand z. B. Ihren Staubsauger ausleiht und ihn dann in beschädigtem Zustand zurückbringt, hoffen Sie, daß der Leihende erklärt, wie es zu dem Schaden gekommen ist. Wenn seinen Worten des Bedauerns nicht gleich das Angebot folgt, den Schaden wiedergutzumachen, würden Sie wahrscheinlich an der Echtheit seines Bedauerns zweifeln.

In 2. Mose 22, Verse 1-5 finden wir ein wichtiges Prinzip der Wiedergutmachung: „Wenn jemand in einem Acker oder Weinberg Schaden anrichtet, weil er sein Vieh das Feld eines andern abweiden läßt, so soll er’s mit dem Besten seines Ackers und Weinberges erstatten“ (2. Mose 22,4; alle Hervorhebungen durch uns).

Als Jesus Christus den Zöllner Zachäus besuchte (Lukas 19), war dieser so beeindruckt, daß er Jesus erklärte, er sei bereit, einen zu Unrecht eingetriebenen Steuerbetrag vierfach zu ersetzen. Damit hätte er einen wichtigen Schritt zur Versöhnung gegenüber den Bürgern getan, von denen er zu viel Steuern verlangt hatte. Man kann sich darauf verlassen, daß Zachäus’ Verhalten in solchen Fällen Gesprächsstoff auf Jahre hinaus in Jericho geliefert hätte.

Wenn jemand mich übervorteilt und mir dann den Schaden vierfach ersetzt, wird meine sonst negative Meinung von der Person positiv beeinflußt. Ich werde viel eher glauben können, daß er wirklich bemüht ist, sich zu ändern. Versöhnung ohne Wiedergutmachung in Fällen, in denen das verkehrte Verhalten einer Person einen Schaden angerichtet hat, wird es nicht geben.

Früchte der Reue zeigen

Der vierte Schritt bei dem Versöhnungsprozeß verlangt von uns, daß wir „Früchte der Reue“ zeigen. Als viele Pharisäer und Sadduzäer zu Johannes dem Täufer kamen, um sich von ihm taufen zu lassen, forderte er sie auf: „Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße!“ (Matthäus 3,8). In unserem Fall bedeutet dies, daß wir den durch unser falsches Verhalten verletzten Personen zeigen, daß wir eine wichtige Lektion gelernt haben und uns in Zukunft anders verhalten werden, indem wir einen konkreten „Aktionsplan“ haben. In 1. Timotheus 6, Verse 9-11 wies uns Paulus auf bestimmte Versuchungen und Fallen hin, die der gewissenhafte Christ meiden muß.

Nehmen wir das Beispiel eines Ehemannes, der ein Alkoholproblem hat. Bei diesem Schritt des Versöhnungsprozesses würde er seiner Frau und seinen Kindern sagen, daß er bei einem 12-Punkte-Programm für Alkoholgefährdete mitmacht, um nüchtern zu werden und es auch zu bleiben. Sich an den Rand der Selbstvernichtung durch Alkohol zu bringen, schafft man schon alleine, aber den Weg zurück vom Abgrund schafft man nämlich meistens nicht ohne Hilfe.

In Hebräer 4, Verse 15-16 werden wir ermahnt, Hilfe in schwierigen Zeiten zu suchen. An erster Stelle im Kontext ist damit die Hilfe Gottes gemeint, aber sie kann auch durch andere Menschen kommen. Heute stehen dem Christen viele Ressourcen zur Verfügung. Leider erliegen viele ihrem eigenen Stolz und verzichten deshalb auf die Inanspruchnahme fremder Hilfe.

Oder das Beispiel einer Ehefrau, die unter Spielsucht leidet und ihr Haushaltsgeld für Lottospiele und Spielautomaten plündert: Sie sollte ihrem Mann sagen, daß sie eine Selbsthilfegruppe besucht und bereit ist, ein- oder zweimal die Woche ein ganzes Jahr lang hinzugehen, um ihre Sucht endlich zu beherrschen.

Um Vergebung bitten

Beim fünften Schritt bitten wir um Vergebung. Fällt Ihnen auf, daß dieser Schritt erst im letzten Teil des Versöhnungsprozesses erscheint und nicht früher? Vorher müssen nämlich einige Voraussetzungen geschaffen werden. Freilich bitten wir Gott bei unseren zwischenmenschlichen Vergehen recht früh um Vergebung, aber bei den von uns verletzten Personen kann dieser Schritt erst später erfolgen.

Im Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ (Lukas 15) bemüht sich der verlorene Sohn um Versöhnung mit seinem Vater, indem er ihm sagt: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße“ (Vers 21). Was für ein Schuldbekenntnis! Obwohl der Sohn in seiner Verzweiflung nur zu gerne vergeben werden wollte, fühlte er sich unwürdig, seinen Vater direkt darum zu bitten. Bewundernswerterweise vergab der Vater seinem Sohn aufgrund der Einstellung, die der Sohn zeigte, und im Hinblick auf das Leiden, das der Sohn durch seine Sünden auf sich gebracht hatte.

In 1. Mose 50, Verse 14-18 finden wir ein weiteres Beispiel von Familienangehörigen, die um Vergebung baten: „Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, daß sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“ (Vers 17).

Vergebung von unseren Mitmenschen oder von Gott kann nicht verlangt, sondern nur empfangen werden. Gelegentlich bestehen die Schuldigen auf Vergebung, als wäre sie ein Recht, das man einfordern könnte. Sie drücken das in etwa wie folgt aus: „Nun ja, ich habe ein paar Fehler gemacht, aber ich habe sie bereut. Jetzt mußt Du mir vergeben.“ Solche Worte sind für den Vergebungs- und Versöhnungsprozeß kaum förderlich.

Beständigkeit und Ausdauer

Beim letzten Schritt geht es darum, die Beständigkeit der zur Vermeidung von zukünftigen Fehlern notwendigen Veränderung zu demonstrieren. Diejenigen, die wir mit unserem falschen Verhalten verletzt haben, brauchen die Vergewisserung, daß wir sie nicht wieder verletzen werden. Das schaffen wir nur, wenn wir über längere Zeit gute Früchte bringen und damit zeigen, daß wir unsere Lektion gelernt haben und daß eine nachhaltige Veränderung in unserer Lebensführung eingetreten ist.

In Matthäus 7, Vers 16 lesen wir: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Die Wichtigkeit dieser Feststellung erkennt man daran, daß sie in Vers 20 wiederholt wird. Ich kann nur dann wissen, ob ein bestimmter Apfelbaum ein „guter“ Baum ist, indem ich mir seine Frucht ansehe. Dafür ist Zeit erforderlich. Im Spätsommer kann man ernten; sind die Äpfel zahlreich, wohlschmeckend und schön zum Ansehen, dann habe ich die Gewißheit, daß es sich um einen guten Baum handelt. Freilich dauert es ein paar Jahre bei einem Obstbaum, bis er Früchte trägt und man dann beurteilen kann, ob die Früchte gut sind.

In Johannes 15, Vers 16 lesen wir eine wunderbare Feststellung Jesu Christi, die mit unserer Berufung zu tun hat: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, daß ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt.“ Als Christen haben wir die Aufgabe, sichtbare Frucht der christlichen Lebensweise hervorzubringen. Es gibt einige, in deren Leben solche Früchte eine Zeitlang zu sehen sind, die dann abnehmen und zum Schluß gar nicht mehr zu sehen sind. Die Frucht, die Christus meinte, bleibt während unseres ganzen Lebens sichtbar.

Jesus sagt uns, daß er uns „wegnehmen“ wird, wenn wir keine Frucht bringen. Wenn wir Frucht bringen, züchtigt er uns, damit wir mehr Frucht bringen können: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe“ (Johannes 15,2). Zu der Frucht, die wir als Christen bringen sollen, gehört auch eine veränderte Lebensweise gegenüber unseren Mitmenschen. Das kann ein Umdenken bezüglich des Vergebens und Vergebenwerdens mit einschließen.

Wenn wir andere Menschen verletzt haben, wird es Zeit brauchen, bevor sie uns wieder vertrauen können. Das dürfen wir nicht vergessen. Wahrscheinlich wollen sie uns vertrauen, aber Zeit ist für das Heilen der Wunde notwendig, damit die Versöhnung ihren Lauf nehmen kann. Versöhnung ist ein Prozeß, den man nicht im Schnellverfahren oder durch Drücken einer schnellen Vorlauftaste beschleunigen kann.

Vergebung ist ein Wahrzeichen der Kirche Gottes. Wir alle brauchen die Vergebung unseres himmlischen Vaters. Außerdem brauchen wir die Vergebung anderer Christen. Wir müssen sie jedoch suchen, denn Vergebung muß geschenkt werden. Nur dann ist der Prozeß der Versöhnung abgeschlossen.

– INTERN August 2001 PDF-Datei dieser Ausgabe

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