Der fehlende Faktor im westlichen Denken
über den Nahen Osten

Es gibt einen wichtigen Faktor, den man bei der Beurteilung der geopolitischen Lage im Nahen Osten heute und in Zukunft verstehen sollte.

Von Cecil Meranville

Die meisten Menschen verbinden den Begriff Naher Osten mit Ländern wie Ägypten, Irak, Iran, Israel, Jordanien, Libanon, Saudi-Arabien, Syrien usw. Seit den Terroranschlägen in den USA vor einem Jahr ist das westliche Interesse an den religiösen Fraktionen und Sekten in diesen Ländern gestiegen. Es gibt jedoch einen weiteren wichtigen Faktor, der bei westlichen Überlegungen übersehen wird, den man aber zur Beurteilung der gegenwärtigen Lage und zukünftiger Ereignisse verstehen muß.

Vor Tausenden von Jahren lebte ein junger Mann im Nahen Osten, dessen Geschichte zum richtigen Verständnis der heutigen Situation in dieser Region sowie ihrer Zukunft sehr wichtig ist.

Er wurde zum Waisen, hatte jedoch eine Tante und einen Onkel, die keine eigenen Kinder hatten. Es war nur logisch, daß sie sich seiner annahmen. Sein Onkel hatte keinen Erben, war aber vermögend. Der junge Mann hatte daher gute Aussichten auf ein ansehnliches Erbe.

Der Onkel nahm ihn zwar auf, machte ihn jedoch nicht zu seinem Erben, denn später hatten der Onkel und die Tante einen eigenen Sohn und damit einen eigenen Erben.

Trotzdem wurde der junge Mann durch die Verbindung zu seinem Onkel wohlhabend. Sein Reichtum wurde so groß, daß es mit der Zeit notwendig wurde, daß Onkel und Neffe ihre Besitztümer voneinander trennten.

Das Temperament und der Charakter des Neffen ließen ihn seine eigenen Interessen vor die seines Onkels stellen. Eine scharfe Rivalität unter ihren Nachkommen machte es unmöglich, daß sie als Nachbarn in nächster Nähe zusammenwohnen konnten.

Der Namen des Neffen und seines Onkels sind bekannt. Über den Onkel, Abraham, Vater der arabischen und israelitischen Völker, ist viel berichtet worden. Die Bedeutung des Neffen, der „außen vor“ blieb, kennen die wenigsten. Der Neffe hieß Lot.

Mohammed identifizierte sich mit Lot

Lot wird in der hebräischen Bibel und auch mehrere Male im Koran erwähnt. Als Abraham ihm die Auswahl des Landes, in dem er sich niederlassen würde, übrigließ, wählte Lot das beste Land für sich aus. Nach der Trennung seines Guts von dem seines Onkels wählte er eine moralisch heruntergekommene Stadt als Wohnstätte aus – Sodom.

Lot selbst war aber nicht ganz ohne gute Eigenschaften. Das Neue Testament nennt ihn gerecht: „Denn der Gerechte, der unter ihnen [in Sodom] wohnte, mußte alles mit ansehen und anhören und seine gerechte Seele von Tag zu Tag quälen lassen durch ihre bösen Werke“ (2. Petrus 2,8). Mohammed sah sich in einer ähnlich Situation wie Lot, als er im 7. Jahrhundert den bösen Einwohnern Mekkas predigte.

Was hat die Geschichte Lots mit dem Nahen Osten von heute bzw. der Zukunft zu tun? In einer etwas indirekten Prophezeiung in Psalm 83 sagt die Bibel eine Allianz diverser Nationen gegen Israel voraus.

Obwohl diese Prophezeiung in der Vergangenheit mehrmals in Erfüllung ging, hat sie einen eindeutigen Bezug zur Endzeit. Die Propheten des Alten Testamentes wurden inspiriert, Ereignisse vorauszusagen, die die Zeit vor und nach der Rückkehr Jesu Christi beschreiben. Bei solchen Prophezeiungen beschränkt sich übrigens der Begriff „Israel“ nicht allein auf den heutigen, kleinen Staat Israel im Nahen Osten.

In einem Auszug aus der Prophezeiung heißt es: „Denn sie sind miteinander eins geworden und haben einen Bund wider dich gemacht: die in den Zelten von Edom und Ismael wohnen, Moab und die Hagariter, Gebal, Ammon und Amalek, die Philister mit denen von Tyrus; auch Assur hat sich zu ihnen geschlagen, sie helfen den Söhnen Lot“ (Psalm 83,6-9; Hervorhebung durch uns). Es kann sein, daß wir nicht in der Lage sind, die heutigen Nachkommen all dieser seltsam klingenden Namen mit letzter Gewißheit zu identifizieren. Eines ist jedoch klar: Die Nachkommen von Abrahams Neffen – „den Söhnen Lot“ – spielen eine prominente Rolle in dieser Allianz von Völkern, die sich den Nachkommen des alten Israels widersetzen.

Nachdem sich Lot von seinem Onkel trennte, wuchs die Familie Abrahams heran, so daß Abraham zu einem Patriarchen bzw. Scheich wurde. Im Laufe der Jahre wurden seine Söhne zu Patriarchen ihrer eigenen Familien, Stammesoberhäupter nach eigenem Recht.

Wo sind ihre Nachkommen heute? Sind sie alle innerhalb der Grenzen dieser oder jener Nation zu finden? Oder sollten sie immer noch als „Stämme“ angesehen werden?

Im Westen neigt man zu der Sichtweise, die Nachkommen von Völkern der Antike als Nationen zu erkennen. Die Perspektive des Nahen Ostens hingegen ist, daß diese Nachkommen im Sinne von Stämmen zu betrachten sind.

Einerseits kommen Namen in der Bibel vor, die dieselben wie heutige Nationen sind: Ägypten, Libyen usw. Andererseits spiegelt die hebräische Bibel das Denken des Nahen Ostens wider, indem sie hauptsächlich von Stämmen redet. Zwischen diesen beiden Denkweisen gibt es jedoch einen großen Unterschied, und das Identifizieren von biblischen Völkern allein im Sinne von heutigen Staaten hindert uns beim Verständnis der gegenwärtigen Lage und beim Voraussehen zukünftiger Ereignisse.

Abraham und Lot waren beide reich, als sie getrennte Wege gingen. Mit der übernatürlichen Zerstörung von Sodom und Gomorra änderte sich Lots Situation schlagartig. Seine Familie war auf nur drei Angehörige reduziert: Lot und seine beiden Töchter. Für Lot muß der Vergleich zu seinem immer noch sehr wohlhabenden Onkel demütigend gewesen sein. Lots Töchter schmiedeten einen Plan, den Fortbestand der Familie zu ermöglichen, und die beiden Stämme, die daraus als Lots Nachkommen hervorgingen, sind die Moabiter und die Ammoniter (1. Mose 19,37-38). Interessanterweise sind das auch zwei der Namen, die in der Prophezeiung von Psalm 83 genannt werden.

Familien nicht gleichbedeutend mit Nationen

Der Bibelkundige aus einem westlichen Land, der Psalm 83 liest und die Namen Ammon und Moab sieht, stellt höchstwahrscheinlich die Frage: „Welche Länder sind das heute?“

Die Bibel hingegen spricht die Sprache des Nahen Ostens und identifiziert diese Völker lediglich als Nachkommen zweier Patriarchen, Moab und Ammon.

Obwohl ihr Anfang ungünstig war, nahm sich der Gott Abrahams dieser Völker an. Er verbot den Israeliten bei ihrem Zug von Ägypten nach Kanaan, die Moabiter zu belästigen, und bestätigte, daß er ein bestimmtes Land „den Söhnen Lot zum Besitz gegeben“ hatte (5. Mose 2,9). Für die Stämme des Nahen Ostens war Landbesitz sehr wichtig – ganz gleich, ob es sich um die Nachkommen Israels, Ismaels oder Lots handelte.

Heute setzt sich der Nahe Osten aus Nationen zusammen, in denen der Stammesherkunft der Bürger nicht Rechnung getragen wurde. Als England und Frankreich nach dem Sieg über das Osmanische Reich neue Grenzen zogen und so zum Teil auch neue Nationen schufen, entschieden sie nach politischen Gründen, ungeachtet der Stammesherkunft der Bewohner der Region.

Der bekannte Historiker Bernard Lewis schrieb dazu: „Irak war eine mittelalterliche Provinz mit ganz anderen Grenzen als denen der heutigen gleichnamigen Nation; Syrien, Palästina und Libyen sind lediglich Namen aus der klassischen Antike und wurden in der Region mehr als tausend Jahre lang oder länger nicht mehr benutzt, bis sie von den europäischen Imperialisten des 20. Jahrhunderts wiederbelebt und [der Region] aufgezwungen wurden.

Die Vokabel Algerien und Tunesien gibt es nicht einmal in Arabisch – der gleiche Begriff kennzeichnet im Englischen sowohl die Hauptstadt als auch das Land. Am bemerkenswertesten ist, daß es kein Wort in der arabischen Sprache für Arabien gibt und daß das moderne Saudi-Arabien entweder ,das Königtum der Saudi Araber‘ oder ,die arabische Halbinsel‘ genannt wird, je nach dem Zusammenhang“ („The Revolt of Islam“, The New Yorker, 19. November 2001, Seite 51-52; Hervorhebung durch uns).

Arabische Identität

Lewis fährt fort: „Das ist nicht darauf zurückzuführen, daß Arabisch eine arme Sprache ist – das Gegenteil ist wahr –, sondern darauf, daß die Araber ganz einfach nicht im Sinne einer vereinten ethnischen und territorialen Identität denken.Der Kalif Omar, der zweite in der Nachfolge des Propheten Mohammed, sagte den Arabern folgendes: ,Lernt eure Stammbäume kennen und seid nicht wie die Ortsansässigen, die, wenn man sie fragt, wer sie sind, einen Ortsnamen als Herkunft nennen‘ “ (ebenda).

Interessanterweise haben bis auf die Juden die meisten Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs das Wissen um ihre Vorfahren verloren und damit auch ihre Identität.

Das steht im starken Kontrast zur islamischen Welt, in der „die Staaten fast alle dynastisch mit wechselnden Grenzen sind. Es ist sicher bedeutend, daß es in den sehr ausführlichen Auszeichnungen der islamischen Welt in Arabisch, Persisch und Türkisch Geschichten von Dynastien, Städten und hauptsächlich des islamischen Staates und der islamischen Gemeinde gibt, jedoch keine Geschichten von Arabien, Persien oder der Türkei“ (ebenda).

Was hat das mit der heutigen Situation im Nahen Osten zu tun? In westlichen Ländern wird die Außenpolitik hauptsächlich im Sinne von Nationen formuliert. Will man wissen, was die Außenpolitik der USA ist, richtet man das Augenmerk auf die Hauptstadt Washington, ebenso im Falle von Paris/Frankreich, Berlin/Deutschland usw.

Wenden wir die gleiche Denkweise im Nahen Osten an, werden wir wahrscheinlich überrascht werden. Länder wie Saudi-Arabien und Jordanien, zum Beispiel, geben ihre nationale Außenpolitik bekannt, aber diese Länder repräsentieren keinen groß gewordenen Familienstamm, der diese Nation ausmacht. In Saudi-Arabien und Jordanien gibt es viele unterschiedliche Stämme.

Außerdem sind sie nicht wie der sogenannte amerikanische „Schmelztiegel“, in dem – wenigstens theoretisch – aus diversen ethnischen Gruppen Amerikaner werden.

Ungeachtet nationaler Grenzen sind die Stämme in der ganzen Region verteilt. Freilich gibt es nationale Loyalitäten und Identitäten, aber es gibt auch familiäre Loyalitäten, die über Landesgrenzen hinausgehen.

Die Handlungen und Reaktionen dieser Stämme kann man trotz offizieller Verlautbarungen aus den Hauptstädten des Nahen Ostens schwer voraussagen.

Die jordanische Hauptstadt Amman hat gewiß eine Verbindung zu dem in Psalm 83 genannten Volk Ammon. Das bedeutet jedoch nicht, daß alle Jordanier Angehörige dieses Stammes sind oder daß alle Nachkommen dieses Stammes im heutigen Jordanien zu finden sind. Die Grenzen Jordaniens wurden nicht nach Stammeseinwohnern festgelegt.

„Als Schutz gegen die Einmischung Frankreichs in britische Interessen in Palästina hatte Großbritannien das gebirgige Wüstenland östlich des Jordan von Syrien abgetrennt, das Land, das Transjordanien wurde. 1921 schuf der Kolonialminister Winston Churchill das Emirat Transjordanien und willigte ein, es mit einer bescheidenen Subvention zu finanzieren und Abdullah zu überlassen [dem Urgroßvater des jetzigen Königs]“ (God Has Ninety-Nine Names, Judith Miller, 1996, Seite 334).

Die Prophezeiung in Psalm 83 wurde aus der biblischen Perspektive von Familien im Nahen Osten geschrieben. Diese Familien sind heute nicht identisch mit Nationen im Nahen Osten. Bibelleser kennen die historische Rivalität unter den Söhnen Abrahams – den Arabern und Israeliten. Psalm 83 erinnert uns an eine weitere Rivalität – die zwischen den Stämmen Lots und den Stämmen Israels. Die Prophezeiung zeigt uns, daß die Nachkommen Lots in der Endzeit eine wichtige Komponente im Nahen Osten sind.

Wie sich die Stämme des Mittleren Ostens mit den Nachkommen Assurs (Psalm 83,9) gegen die Nachkommen von Abrahams Enkel Israel verbünden werden, ist noch nicht klar ersichtlich. Die Ereignisse im Nahen Osten werden in einem großen Krieg gipfeln, der eine Neuordnung der Großmächte mit sich bringen wird.

Auf jeden Fall sollten wir unser Denken bei der Verfolgung der Entwicklungen nicht allein an nationalen Landesgrenzen orientieren, sondern an Familien. Diese Perspektive wird für ein richtiges Verständnis des prophetischen Geschehens wichtig sein.

– INTERN September 2002 PDF-Datei dieser Ausgabe

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