„Herr, sprich nur ein Wort“

"Herr, sprich nur ein Wort" © I, Luc Viatour/CC BY-SA 3.0
Zenturionen erteilten Befehle an ihre Soldaten, führten sie aber auch selbst bedingungslos aus. Jesus bescheinigte einem römischen Hauptmann großen Glauben.

Jesus lobte einen römischen Hauptmann wegen seines Glaubens. Seine Begegnung mit diesem Soldaten ist sehr lehrreich für uns.

Von Robin Webber

Der Blick auf den Knecht offenbarte dessen Herrn den Ernst der Lage, die er bereits viele Male erlebt hatte. Der herannahende Tod des Knechtes war unverkennbar. Mit dem Tod seiner Untergebenen hatte er Erfahrung, denn er war ein römischer Hauptmann, ein Zenturio.

Zenturionen waren Offiziere des Heeres der damaligen Supermacht, das Römische Reich. Ihren Offiziersrang verdankten sie nicht politischer Gunst. Stattdessen waren sie nach jahrelangem treuem Dienst aus den Reihen der römischen Legionäre befördert worden.

Ein römischer Hauptmann befehligte einhundert Soldaten – eine Zenturie bzw. Hundertschaft, die den Grundbaustein einer römischen Legion mit ihren 6000 Mann bildete. Die Zenturionen waren sozusagen der Kitt, der die Kampfeinheiten des römischen Heeres zusammenhielt. Der griechische Autor Polybius, der im zweiten Jahrhundert v. Chr. lebte, beschrieb die Zenturionen wie folgt:

„Sie sollen keine waghalsigen Abenteurer auf der Suche nach Gefahren sein, sondern zuverlässige Männer, die befehligen und das Feld behalten können. Sie dürfen nicht vorschnell in den Kampf eilen, doch werden sie herausgefordert, müssen sie ihre Linie verteidigen und notfalls dabei sterben.“

Zenturionen gingen immer vorne weg; Kraft und Ehre kennzeichneten ihr Handeln. Sie erteilten zwar das Kommando, führten aber auch selbst Befehle bedingungslos aus. Viele sind im Kampf gestorben, anteilig mehr als bei anderen Offiziersrängen, denn sie waren die Säulen, die die kämpfende Truppe stützten.

Für diesen römischen Hauptmann gab es kein herkömmliches Heilmittel im Kampf gegen den Tod seines Knechtes. Dem Zenturio, der viele Jahre im kaiserlichen Heer gedient hatte, stand der bedeutsamste Gang seines Lebens bevor. Er unternahm ihn nicht wegen eines Befehls, den ihm ein Läufer überbracht hatte, sondern aufgrund einer neugewonnenen Überzeugung.

Das Handeln des Hauptmanns war in der damaligen Gesellschaft undenkbar. Es erforderte Kraft und Ehre, auf Demut beruhend. Vielleicht stehen Sie und ich gerade jetzt vor einem ähnlichen Gang in unserem Leben auf unserer Suche nach Lösungen, die unauffindbar zu sein scheinen. Beherzigen wir das Beispiel des Hauptmanns, der auf die Aufforderung eines Höherrangigen reagierte: „Folgt mir nach!“

Ein dramatischer Rollentausch

Matthäus 8, Verse 5-13 und Lukas 7, Verse 1-10 beschreiben die respektvolle Begegnung zweier Männer aus zwei ganz verschiedenen Welten. Im Matthäusevangelium lesen wir: „Als aber Jesus nach Kapernaum hineinging, trat ein Hauptmann zu ihm; der bat ihn und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen.“

Die Motivation für die Bitte des Hauptmanns war seine Liebe zu seinem Knecht, „der ihm lieb und wert war“ (Lukas 7,2). In der römischen Gesellschaft jener Zeit war es ungewöhnlich, dass sich ein Herr derart um einen Knecht kümmerte. Sklaven und Knechte galten als lebendige Werkzeuge bzw. als Eigentum. Sie unterschieden sich von Lasttieren und materiellen Werkzeugen darin, dass sie sprechen konnten – so die damalige Sicht der Dinge.

Philosophen der Antike wie Aristoteles hatten vor engen Beziehungen zwischen Herren und Knechten gewarnt. Doch in diesem Fall ging es dem Zenturio nicht um den Stolz seiner Position: Er wagte es, auf das Wohlergehen seines Knechts zu achten.

Dem biblischen Bericht zufolge traf sich der Hauptmann mit Jesus nicht an einem geheimen Ort, sondern ersuchte offen die ihm bekannten jüdischen Ältesten um die Weiterleitung seiner Bitte an Jesus (Lukas 7,3). Schließlich war er ein Zenturio, dessen Grundwerte Kraft und Ehre waren.

Zweifelsohne hatte er seinen Offiziersrang verdient. Nun bat er um etwas, das nicht auf menschlichem Verdienst beruhte. In einem Rollentausch appellierte er als Vertreter einer Besatzungsmacht an einen Bürger eines unterworfenen Volkes. Der Hauptmann wusste um diesen Mann aus Nazareth und seine durch Worte und Berührung heilende Kraft, vor der selbst der Tod machtlos war.

Einmal eingeschlagen, führte kein Weg zurück

Wie der Hauptmann war auch Jesus bereit, eine Kluft zu überbrücken – die Kluft menschlicher Diskriminierung, die sich als religiöse Frömmigkeit maskierte. Jesus reagierte sofort auf die Bitte des Hauptmanns: „Ich will kommen und ihn gesund machen“ (Matthäus 8,7).

In Bezug auf Jesu Bereitschaft, den Hauptmann zu besuchen, gilt es zu bedenken, dass die religiöse Obrigkeit jener Zeit das Betreten eines nichtjüdischen Hauses durch einen Juden für eine zeremonielle Verunreinigung hielt. Wer es tat, galt vorübergehend als „unrein“, weil die meisten Juden alle Nichtjuden für „unrein“ hielten und deshalb den Kontakt mit ihnen mieden.

Doch dieser Hauptmann, den die religiösen Führer jener Zeit pauschal als unrein bezeichnet hätten, spendete großzügig für den Bau einer Synagoge und hatte das jüdische Volk lieb (Lukas 7,5).

Jesus und der Hauptmann trafen sich also nicht sprichwörtlich auf halbem Wege, sondern waren bereit, den ganzen Weg zu gehen, von dem es kein Zurück mehr gab. Beide setzten sich über die gesellschaftliche Norm ihrer Zeit hinweg, um einem leidenden Knecht zu helfen.

Archäologen haben die Überreste eines römischen Militärlagers unweit von Kapernaum entdeckt. Jesus machte sich auf den Weg dorthin. Der Hauptmann wollte aber dem jüdischen Lehrer keine Unannehmlichkeiten bereiten und sandte ihm deshalb Boten mit einer Mitteilung entgegen:

„Ach Herr, bemühe dich nicht; ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach gehst; darum habe ich auch mich selbst nicht für würdig geachtet, zu dir zu kommen; sondern sprich ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er hin; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s“ (Lukas 7,6-8).

Die Liebe des Hauptmanns zu seinem Knecht zeichnete sich durch Demut aus. Demut ist der Tod des Stolzes. Sein Ersuchen an den jüdischen Lehrer hätte seiner militärischen Laufbahn irreparablen Schaden zufügen können, doch die Heilung seines Knechts war ihm wichtiger als das Risiko für seine Karriere.

Den Weg des Glaubens beschreiten

Die nächste Bitte des Hauptmanns an Jesus spiegelte das Einschlagen seines Weges wider, auf dem Glauben entscheidend ist: „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund“ (Matthäus 8,8). Seine Bitte war klar, einfach und direkt!

Der Hauptmann war mit der Ausführung von Befehlen auf dem Schlachtfeld vertraut. Seine Haltung gegenüber Jesus war: „Ich melde mich zum Dienst. Ich bitte um Hilfe. Ich erhalte die Antwort. Auftrag erledigt.“ Er schritt im Glauben voran; für ihn war der Sieg bereits sicher. Die Demut und der Glaube des Hauptmanns beeindruckten Jesus: „Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden“ (Vers 10).

Der Hauptmann handelte in Demut und aus der Motivation der Liebe und hatte das Wohlergehen seines Knechts auf dem Herzen. Jesus nutzte seine glaubensvolle Haltung, um die starre Haltung seiner Landsleute herauszufordern. Dem Hauptmann sagte Jesus: „Geh hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast.“ Der Knecht des Hauptmanns „wurde gesund zu derselben Stunde“ (Matthäus 8,13).

Jesu Schlussbemerkung „Dir geschehe, wie du geglaubt hast“ spricht Bände auch in unserer Zeit. Sein Vermögen, für das Wohlergehen gläubiger Menschen zu sorgen, beschränkt sich nicht auf eine bestimmte geografische Region oder Zeit. Er war damals wahrhaftig Gott in Menschengestalt (Matthäus 1,23), und heute ist er unser göttlicher Hohepriester, der in seinem Dienst für uns stets einsatzbereit ist (Hebräer 4,14-16).

Wir sollen verstehen, dass Gott unsere Bedürfnisse kennt, bevor wir ihm diese im Gebet vorlegen (Matthäus 6,8). Gott mag unser Gebet bereits erhört haben! Wie der Hauptmann sollen wir die Dinge so sehen, wie Gott sie gestalten kann. Das ist die göttliche Sicht der Dinge, denn Gott „ruft das, was nicht ist, dass es sei“ (Römer 4,17).

Führung von vorne weg – heute noch!

Jesus Christus hob die Einstellung dieses römischen Soldaten als hervorragendes Beispiel des Glaubens hervor. Was können wir daraus lernen, zumal Jesus die Aufforderung „Folgt mir nach“ an uns richtet? Was hindert uns daran, unserem himmlischen Vater und Jesus Christus mit der Haltung „Sprich nur ein Wort“ gegenüberzutreten?

Die Geschichte des Hauptmanns zeigt uns, wie er drei Barrieren durchbrach, die uns bei der Nachfolge Christi behindern können. Die drei Barrieren sind heute die gleichen wie vor 2000 Jahren. Es sind:

Angst vor der Verletzung des von Menschen festgelegten Status quo: „So ist es schon immer gewesen.“

Persönlicher Stolz, verknüpft mit Angst vor der Meinung anderer Menschen: „Was werden die Leute bloß denken? Ich könnte alles verlieren!“

Das Wandeln im Schauen anstelle des Glaubens (2. Korinther 5,7).

Wie überwinden wir diese Barrieren? Der Marschbefehl für den Hauptmann bei der Erkrankung seines Knechts richtete sich nach dem biblischen Prinzip, das wir in 1. Johannes 4, Vers 18 finden: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“ Er handelte auch nach dem Prinzip, das der Mann aus Galiläa vorlebte: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde“ (Johannes 15,13).

Liebe ist das überragende Thema der Begegnung zwischen Jesus und dem Hauptmann, aber Demut kommt ebenfalls deutlich zum Vorschein. Der Hauptmann, ein römischer Befehlshaber, demütigte sich, um Gottes Eingreifen möglich zu machen. „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“ (Jakobus 4,6).

Wenn unser Wunsch nach der Akzeptanz unserer Mitmenschen uns von der Nachfolge Christi zurückhält, sollen wir an das Beispiel des Hauptmanns denken. Jesus sagt uns: „Wer sein Leben in dieser Welt liebt, wird es verlieren. Wer sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es zum ewigen Leben bewahren. Wer mein Jünger sein will, muss sich aufmachen und mir nachfolgen, denn mein Diener wird da sein, wo ich bin. Wer mir nachfolgt, den wird der Vater ehren“ (Johannes 12,25-26; „Neues Leben“-Übersetzung).

Wir sollen moderne Zenturionen sein und der Aufforderung Jesu nachkommen: „Folgt mir nach!“ Jesus hat uns keinen Weg ohne Hindernisse versprochen, denn wir leben in dieser Welt „mitten unter Verfolgungen“ (Markus 10,30). Der Weg wird sich aber letztendlich lohnen, wie der Apostel Paulus schreibt: „Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll“ (Römer 8,18).

In Zeiten der Not und der Entmutigung vermag Gott uns Kraft und Zuversicht zu schenken, um über den sprichwörtlichen Tellerrand unserer eigenen Probleme zu schauen und unser Augenmerk auf Gottes Verheißungen zu richten. Die Qualität unserer Beziehung zu Gott hängt schließlich davon ab, wie wir in Hebräer 11, Vers 6 nachlesen können: „Ohne Glauben ist’s unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt.“

Der Hauptmann, der Jesu Hilfe suchte, handelte im Glauben. Mit dieser Haltung gefiel er Jesus, der Gott in Menschengestalt war. Wir können sein Beispiel nachahmen, indem wir auf Gottes Verheißungen bauen und unserem Herrn sagen: „Sprich nur ein Wort!“

– Gute Nachrichten November-Dezember 2012 PDF-Datei dieser Ausgabe

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