Die Ehe in schwierigen Zeiten

Die Ehe in schwierigen Zeiten © Eric Ward/Unsplash
Schicksalsschläge wie Krankheit oder Arbeitslosgkeit können ein Ehepaar zusammenschweißen oder aber entfremden. Wie würde es in Ihrer Ehe aussehen? Würde sie einer großen Krise standhalten?

Welchen Einfluß werden die Stürme des Lebens auf Ihre Ehe haben? Was können Sie tun, um Ihre Ehe „krisensicher“ zu machen?

Von der Redaktion

Letztes Jahr mußten Ramona und Michael Müller ihre Gaststätte schließen, für deren Eröffnung nur ein Jahr zuvor sie ihre ganzen Ersparnisse aufgebraucht hatten. „Der Verlust des Restaurants traf Michael besonders schwer“, meinte Ramona. „Er saß den ganzen Tag nur zu Hause und redete kaum. Mein Vorschlag, daß er Bewerbungen schreiben sollte, faßte er immer als Kritik auf und verließ wütend die Wohnung. Dann fand er eine Arbeitsstelle, was für unsere Finanzen sehr gut war. Es gibt aber immer noch eine Distanz zwischen uns, die es vor einem Jahr nicht gab.“

Nachdem Thomas und Sabine Larsons Hauseinrichtung einem Brand zum Opfer fiel, mußten sie mit ihren Kindern sechs Wochen bei Verwandten verbringen. „Die Kinder stritten sich die ganze Zeit, und die Versicherung wollte nicht zahlen“, erzählte Thomas. „Obwohl es eine sehr stressige Zeit war, sind meine Frau und ich heute der Meinung, daß unsere Ehe gestärkt aus dieser Krise hervorgegangen ist.“

In guten und in schlechten Zeiten

Früher oder später wird das Ehegelöbnis der meisten Ehepaare geprüft: ein schwerer Autounfall, der Verlust der Arbeitsstelle, die Diagnose von Krebs in der Familie, der Tod eines lieben Menschen. Solche Erlebnisse können ein Ehepaar zusammenschweißen oder aber entfremden. Wie würde es in Ihrer Ehe aussehen? Würde sie einer großen Krise standhalten?

Der Schlüssel zum Meistern einer großen Belastung ist, daß die eheliche Beziehung vor der Krise auf einer soliden Grundlage aufgebaut wird. „Manche Ehepaare erleben eine Krise und meinen hinterher, daß sie ihre Beziehung stärkte, weil sie das Problem gemeinsam überwanden“, erklärt Norman Epstein, Professor für familiäre Studien an der Universität Maryland. „In vielen Fällen jedoch ist es leider der Fall, daß Tragödien eher einen Keil zwischen Ehemann und -frau treiben.“

In schwierigen Zeiten handeln Eheleute oft so, daß gerade dann, wenn sie sich am meisten brauchen, ihre Ehe unterminiert wird. „Wenn Ehepaare unter viel Streß stehen, neigen sie dazu, nur die Dinge zu tun, die für das tägliche Überleben notwendig sind, und die Pflege ihrer ehelichen Beziehung wird in den Hintergrund gedrängt“, stellt Dr. Epstein fest. „Sie widmen ihre ganze Zeit und Energie der Bewältigung der Krise, wobei keine Kraft für ihre Ehe übrigbleibt. Schließlich können sie derart zermürbt sein, daß sie sich voneinander entfremdet fühlen.“

Wer führt Buch?

„Dominiert eine streßgeladene Situation Ihr Leben, ist es nur zu einfach zu meinen, daß Ihr Partner seinen Teil nicht tut. Man fängt sozusagen an, Buch zu führen“, sagt Scott Stanley, Direktor des Instituts für Ehe und Familie an der Universität Denver und Autor des Buches Fighting for Your Marriage [„Kämpfen Sie um Ihre Ehe“].

„Buch zu führen ist eines der schlimmsten Dinge, die man machen kann, denn Eheleute führen nur selten fair Buch“, fährt er fort. „Gewöhnlich sieht man alles Positive, was man selbst in der Beziehung tut, aber nur einen Bruchteil von dem, was der Partner tut. Fängt man mit dieser Art Buchführung an, dauert es meistens nicht sehr lange, bevor man sich über den Partner ärgert.“

Mit der „Buchführung“ gehen oft auch Schuldzuweisungen einher. „Schuldzuweisungen sind ein Merkmal eines Ehepaars, das unter viel Streß steht“, erklärt Dr. Stanley. „Für Ehepaare, die eine schwierige Situation erleben, ist es einfach zu meinen, daß der Partner nicht seinen Teil tut und daß man selbst deshalb mehr tut als der Partner. Solches Denken schafft nur ein Empfinden der Entfremdung, ein ,ich gegen dich‘- und ,du tust zu wenig‘-Denken.“

Eheleute können sich gegenseitig die Schuld für ein Problem geben in dem Versuch, der Lage Herr zu werden, meint Douglas Sprenkle, Professor für Ehe- und Familientherapie an der Purdue-Universität in West Lafayette, Indiana. „Wenn Schreckliches passiert, ist das Schlimmste dabei das Empfinden, daß man keine Kontrolle über die Situation hat“, sagt er. „Dem Partner die Schuld zu geben kann ein Versuch sein, die Kontrolle wiederzugewinnen. Kann man wenigstens den Zeigefinger auf den Partner richten, wird die Situation ,begründbar‘ statt ein wahlloses, unkontrolliertes Ereignis zu sein.“

Es muß kein negatives Erlebnis wie der Verlust der Arbeitsstelle, ein gesundheitliches Problem oder ein unvorgesehenes Ereignis sein, das die Ehe belastet. Normale, vorhersehbare Entwicklungen wie die Geburt eines Kindes, eine Beförderung bzw. ein Wechsel auf der Arbeit oder sogar der Ruhestand können eine eheliche Beziehung belasten. „Irgendeine Veränderung, die den Eheleuten eine Neuorientierung abverlangt, bringt ein gewisses Maß an Streß mit sich“, ergänzt Dr. Epstein.

Jedes Ehepaar wird streßvolle Situationen erleben. Eheleute sollen sich das Ziel setzen, solche Erlebnisse als Gelegenheit zu nutzen, dem Ehepartner näherzukommen und die Ehe zu stärken. „Wichtig ist die Frage, wie Sie und Ihr Ehepartner mit Streß fertig werden und wie gut Sie als Ehepaar wie ein Team zusammenarbeiten“, meint Dr. Stanley.

Tips zur Bewältigung der schwierigen Zeiten

Nachfolgend geben wir Ihnen zehn Tips, wie Sie, wenn Streß auftritt, Ihre Ehe stärken können.

Im Gespräch bleiben: Seien Sie bereit, Ihrem Ehepartner Ihre Bedenken, Ängste und Hoffnungen mitzuteilen, ohne ihn zu kritisieren oder zu richten. „Voraussetzung für die Zusammenarbeit als Team ist das Wissen um die Gedanken des Partners“, betont Pauline Boss, Professor für familiäre Studien an der Universität Minnesota und Autorin des Buches Family Stress Management.

„Je länger man wartet, sich dem Ehepartner zu öffnen, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß Ihre Gefühle einfach unter den Teppich gekehrt und nie angesprochen werden.“ Eheleute können sich gegenseitig fragen, wie man die Situation verbessern kann. Die Zielsetzung dabei soll sein, daß man das Problem gemeinsam angeht, statt sich von ihm wie von einem Keil auseinanderbringen zu lassen. Man kann zusammen beraten, wie man gemeinsam den Streß bewältigen wird.

Den Standpunkt Ihres Partners akzeptieren: Ihr Partner mag eine ganz andere Einschätzung der Situation haben als Sie. „Es ist ein großer Fehler zu meinen, daß der Partner die Lage ähnlich beurteilt wie man selbst“, betont Dr. Stanley. „Ein bestimmtes Ereignis mag die eine Person ärgern oder ängstigen, während jemand anders verletzt oder entmutigt wird.“ Jeder hat seine eigene Perspektive. Deshalb gilt es, die Reaktion des Partners zu respektieren, auch wenn er anders auf die Lage reagiert als Sie.

Schuldzuweisungen meiden: Meiden Sie die Versuchung, Ihrem Partner die Schuld zu geben oder ihm zu sagen, daß Sie schon vorher wußten, wie die Sache ausgehen wird. Halten Sie inne und überlegen Sie die Vor- und Nachteile von Schuldzuweisungen. „Es mag sein, daß man sich durch eine Schuldzuweisung vorübergehend wohler fühlt“, sagt Dr. Epstein. „Der Nachteil ist, daß man wahrscheinlich im Gegenzug auch selbst beschuldigt wird, und daraus werden die Ehepartner zu Gegnern.“ Statt den Zeigefinger auf den Partner zu richten, soll man sich gegenseitig vor Schuldgefühlen schützen. Ermutigen Sie Ihren Partner mit Worten wie „Ich weiß, daß Du alles getan hast“ oder „Dies hätte irgend jemandem passieren können“.

Das Problem in ausgeglichener Perspektive behalten: Stellen Sie bewußt Ihre Angst vor dem schlimmstmöglichen Resultat dem wahrscheinlichen Ausgang gegenüber. „In Streßsituationen neigt man dazu, in Katastrophenszenarien zu denken“, räumt Dr. Stanley ein. „Das Resultat ist, daß man in Hilflosigkeit versinkt oder aber in hysterische Tätigkeit ausbricht, wodurch nichts gelöst wird.“ Fragen Sie sich nüchtern, was das Schlimmstmögliche sein könnte. Oft ist es der Fall, daß die Lage nicht so schlecht aussieht, nachdem man alle Faktoren sachlich überlegt hat.

Flexibel bleiben: In einem Notfall können alltägliche Aufgaben und Pflichten neu überdacht werden. Zum Beispiel kauft sie ein paar Mal die Woche Lebensmittel ein, was zu ihrer Halbtagsbeschäftigung gut paßt. Wenn er unerwartet arbeitslos wird und sie deshalb wieder ganztags arbeitet, versteht es sich von selbst, daß er diese Verantwortung übernimmt. Lehnt er dies jedoch ab, kann aus dieser scheinbar unwichtigen Sache eine große Auseinandersetzung resultieren. „Eine starre Haltung führt oft zu mehr Schwierigkeiten als das ursprüngliche Problem selbst“, meint Dr. Sprenkle. „Ehepaare, die eine schwierige Situation am besten meistern, sind diejenigen, die flexibel genug sind, neue Rollen würdevoll zu übernehmen.“ Dabei kann es hilfreich sein, diese neuen Aufgaben als Herausforderung statt als Belastung zu sehen.

Hilfe von anderen annehmen: In schwierigen Zeiten kann es sein, daß die eigenen Ressourcen nicht immer ausreichen. Seien Sie nicht zu stolz, um Hilfe von Familie, Freunden und Nachbarn anzunehmen. Der Nachbar, der Ihnen etwas zu essen bringen oder ein paar Besorgungen für Sie machen möchte, mag Ihnen genau die Pause geben, die Sie brauchen.

Andere Ehepaare, die ähnliche Zeiten durchgemacht haben, können eine Quelle der Ermutigung sein. Es hilft, von anderen zu hören, die ihre persönliche oder familiäre Krise gemeistert haben. „Eine der schlimmsten selbstauferlegten Plagen ist die Selbstisolierung, bei der man allein leidet“, sagt Dr. Epstein. „Man braucht die Unterstützung und Ermutigung anderer.“

Aktiv bleiben: Lassen Sie nicht zu, daß negative Gedanken über das Problem Ihr Leben beherrschen. Planen Sie bewußt Aktivitäten, die eine positive Wirkung mit sich bringen. Treffen Sie sich mit Freunden und Verwandten. Unternehmen Sie etwas Unterhaltsames mit Ihren Kindern. Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Hobbys und vernachlässigen Sie nicht die notwendige körperliche Bewegung. Der Schlüssel, so Dr. Epstein, ist, daß man „nicht in Selbstmitleid verfällt“. Beherrschen Sie die Situation, statt von ihr beherrscht zu werden. Nutzen Sie Ihre Zeit sinnvoll.

Planen Sie Zeit für sich als Paar ein. Halten Sie Zeit in Ihrem Kalender, mehrmals wöchentlich, für Ihren Partner frei, damit Sie gemeinsam Abstand von Streßfaktoren gewinnen können. Gehen Sie spazieren oder zum Essen in einem ruhigen Restaurant. Genießen Sie zusammen eine Tasse Tee, nachdem die Kinder im Bett sind.

„Ganz gleich, wie belastend der Streß ist, sollen Sie sich gelegentlich eine Ruhepause gönnen“, empfiehlt Dr. Boss. „Man braucht Zeit für das gemeinsame Gespräch, ohne daß man dabei dem Streß ins Gesicht schaut, um so die eigenen Gedanken in Ruhe zu ordnen und dem Partner sagen zu können, ,Ja, ich bin geschafft‘ oder ,Ich brauche Dich‘. Wenn Eheleute viel Streß erleben, gibt es oft viele Dinge, die sie sich zu sagen haben, doch sie finden nicht die Zeit dazu.“

Zuneigung nicht vernachlässigen: Nehmen Sie sich vor, Ihrem Partner oft zu sagen, „Ich liebe Dich“. „Wenn man etwas Schreckliches durchmacht, ist es nicht die Zeit anzunehmen, daß Ihr Partner genau weiß, wie sehr Sie ihn lieben“, erklärt Dr. Boss. „Gerade in den schwierigen Zeiten braucht Ihr Partner Ihre Liebesbekundungen.“

Drücken Sie Ihre Liebe durch kleine Gesten aus. Legen Sie ihm einen kleinen Zettel in die Aktentasche, um ihm mitzuteilen, wie sehr Sie ihn schätzen. Geben Sie Ihrem Kind die Milchflasche um 4.00 Uhr, damit Ihre Frau weiterschlafen kann. Sagen Sie sich gegenseitig, daß alles wieder gut wird und daß Sie voll zueinander stehen. Erkennen Sie an, daß Ihre Frau einen schweren Tag zu Hause hatte und übernehmen Sie abends den Abwasch. Solche kleinen Gesten können eine große Hilfe in schwierigen Zeiten sein.

Arbeiten Sie an Ihrer Beziehung, bevor eine Krise kommt. Dazu meint Dr. Boss: „Halten Sie Ausschau nach Gelegenheiten, Probleme in Zeiten einer geringen Streßbelastung gemeinsam zu lösen, damit Sie, wenn etwas Schlimmes passiert, nicht versuchen, Fähigkeiten zu erfinden, die Sie nicht haben. Die Art und Weise, wie Sie entscheiden, welchen Spielfilm Sie im Kino sehen wollen, ist dieselbe, die Sie dann in dem Fall anwenden, wenn Ihr Haus einem Brand zum Opfer fällt.“

Für eine erfolgreiche Beziehung – in guten und in schlechten Zeiten – braucht man Fertigkeiten in Verständigung und im Lösen von Problemen wie Offenheit, Toleranz und Verständnis. Nutzen Sie die weniger belasteten Phasen in Ihrer Beziehung, um an diesen Fertigkeiten zu arbeiten, damit sie Ihnen dann, wenn Sie sie am meisten brauchen werden, zur Verfügung stehen.

– INTERN Juni 2003 PDF-Datei dieser Ausgabe

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