Moralschaden und dessen Behebung

Gewissensbisse © Nik Shuliahin/Unsplash
Ist Ihnen der Begriff „Moralschaden“ bekannt – im Englischen „moral injury“ genannt? Es handelt sich um ein inneres Leiden, das sich aus Verstößen gegen das Gewissen ergibt.

Moralschaden – ein großes Problem für die Welt und für einzelne Menschen. Ein Moralschaden kann das Gewissen jahrelang plagen. Welche Lösung gibt es dafür?

Von Peter Eddington

Ist Ihnen der Begriff „Moralschaden“ bekannt? Dieser Begriff, im Englischen moral injury genannt, ist recht neu und beschreibt eine Gewissenskrise. Psychologen haben herausgefunden, dass Soldaten damit manchmal jahrzehntelang zu kämpfen haben. Es handelt sich um ein inneres Leiden, das sich aus Verstößen gegen das Gewissen ergibt – sozusagen eine Wunde im Gewissen.

Im Gefecht kann es dazu kommen, wenn Soldaten gewisse Befehle befolgen oder erteilen, oder wenn sie Zeuge eines Ereignisses werden, das gemäß ihrem Gewissen zutiefst anstößig ist. Ein solcher Moralschaden entsteht, wenn jemand gegen seine tiefsten persönlichen Glaubenssätze und Moralvorstellungen verstößt. Doch dies betrifft nicht nur Soldaten, sondern auch gewöhnliche Zivilisten.

Eine Überdosis Morphin

Die Geschichte des Oberfeldwebels Marshall Powell, welcher jetzt im Ruhestand ist, verdeutlicht dies. Er war als Soldat der US-Streitkräfte im Irak im Einsatz und erzählte von seiner Diagnose Moralschaden. Hier sind einige Auszüge eines von ihm geschriebenen Artikels aus der amerikanischen Zeitschrift Guideposts:

„Kurz nach Mitternacht am 12. August 2007 hörten wir eine Bombe explodieren . . . Mit Verletzten beladene Trucks hielten an – es waren irakische Zivilisten, die schwere Verbrennungen hatten. Überall war Blut. Manche waren bereits tot. Wir hatten nur zehn Betten zur Verfügung, doch es gab mindestens dreimal so viele Verletzte. Es lag an mir zu entscheiden, wer behandelt werden sollte . . .

Wir versorgten diejenigen, die es am dringendsten nötig hatten. Fast eine Stunde war vergangen, bevor ich sie sah: Ein kleines irakisches Mädchen, das im Flur auf einer Decke lag. Sie kann nicht älter als sechs gewesen sein. Sie hatte Verbrennungen und war voller Blut. Sie lag im Sterben und ich konnte nichts tun. Sie stöhnte tief. Trotz ihrer Schmerzen hatte ihr Gesicht eine Lieblichkeit, die mich an meine Nichte erinnerte . . .

Ich muss ihr Leid lindern, sagte ich mir. Dieses Mädchen hat fürchterliche Schmerzen. Also holte ich eine Spritze, die mit mehreren Dosen Morphin gefüllt war. Danach legte ich einen intravenösen Zugang und spritzte ihr Dosis um Dosis ein . . . Sie lächelte mich an, und ich lächelte zurück und sagte ihr, dass alles gut werden würde. Dann machte sie ihren letzten Atemzug und starb. Ich hatte das kleine Mädchen getötet.

Ich brachte ihren zugerichteten Leichnam in die Leichenhalle. Danach ging ich in mein Büro und schluchzte. Ich versuchte, mir einzureden, dass ich das Richtige getan hatte, doch ich war von Zweifeln übermannt. Ich hatte diesem unschuldigen Mädchen, das niemals mitten in einem Kriegsgebiet hätte sein sollen, die letzten Augenblicke ihres Lebens gestohlen . . .

Ja, es gab absolut nichts, was wir hätten tun können, um ihr Leben zu retten. Sie litt fürchterliche Schmerzen. Ich wusste, was ich mit der Spritze anrichtete. Doch war es nicht der wichtigste Grundsatz der Medizin, keinen Schaden anzurichten? Bestand meine Aufgabe nicht darin, Leidenden zu helfen?

Drei Monate später war ich wieder zuhause auf Hawaii. Ich hatte damit zu kämpfen, zu meiner alten Routine zurückzufinden. Doch meine Arbeit hatte für mich nicht mehr dieselbe Bedeutung . . . Ich war ständig wütend und fühlte mich so allein.

Eines Nachts, während ich schlief, sah ich sie – das Mädchen. Ich sah ihr mir zugewandtes Gesicht, kurz bevor sie starb. Ich wachte schreiend auf. Nacht für Nacht suchte das Mädchen meine Träume heim, bis ich Angst vor dem Schlafen hatte. Es gab niemanden, mit dem ich sprechen konnte. Die anderen waren nicht dort gewesen und würden mich nicht verstehen“ („An Iraq Veteran Comes to Terms With Moral Injury“, Guideposts, 18. April 2017).

Solcherlei Geschichten könnten von vielen Soldaten erzählt werden, die ähnliche Schuldgefühle aufgrund der Taten hatten, die von ihnen im Krieg verlangt wurden. Hierbei handelt es sich nur um eins von vielen Beispielen. Doch Soldaten sind nicht die Einzigen, die von Moralschaden betroffen sein können.

Zahlreiche psychologische Studien haben ergeben, dass die meisten Menschen in der Lage sind, ihren Mitmenschen schreckliche Dinge anzutun. Tatsächlich sind manche Studien zu dem Ergebnis gekommen, dass der Durchschnittsmensch unter bestimmten Umständen wie beispielsweise Hunger, einer nationalen Katastrophe oder Bedrohung seiner Familie bereits nach sechs Tagen einen Mord begehen kann.

Der Experimentator

Haben Sie schon mal von Stanley Milgram gehört? Der amerikanische Sozialpsychologe lebte von 1933 bis 1984 und ist bekannt für seinen kontroversen Versuch über Gehorsam. Er führte sein Experiment in den 1960er Jahren als Professor an der Universität Yale durch.

Die Ereignisse des Holocausts, insbesondere der Prozess von Adolf Eichmann, beeinflussten ihn bei der Entwicklung seines Experiments. Ein im Jahre 1990 verfasster Artikel aus dem Magazin American Psychologist fasst Milgrams Experiment über Gehorsam zusammen:

„Das grundlegende Schema von Milgrams Experiment sieht vor, dass ein Versuchsteilnehmer ein Labor in dem Glauben betritt, dass er oder sie an einer Studie über das Gedächtnis und das Lernen teilnimmt. Nachdem dem Teilnehmer die Rolle des Lehrenden zugewiesen wurde, wird er gebeten, einem weiteren Versuchsteilnehmer (welcher in Wirklichkeit ein Mitarbeiter des Versuchsdurchführers ist) Wortassoziationen beizubringen.

Die Lehrmethode ist jedoch unkonventionell, denn dem Lernenden werden Stromschläge zugefügt, deren Intensität sich stetig erhöht. Sobald die Stärke der vermuteten Stromschläge aber einen gewissen Punkt erreicht, findet sich der Lehrende in einem Konflikt wieder.

Auf der einen Seite sieht er den gefesselten Lernenden, der verlangt, freigelassen zu werden, und augenscheinlich Schmerzen leidet. Ihm ist bewusst, dass es für die Person ein gesundheitliches Risiko darstellen könnte, den Versuch fortzuführen und die Intensität der Stromschläge maximal auszureizen.

Auf der anderen Seite jedoch sagt ihm der Versuchsdurchführer auf Nachfrage nachdrücklich, dass das Experiment nicht so gesundheitsschädlich sei, wie es scheine, und dass er weitermachen müsse. Im krassen Gegensatz zu den Erwartungen Professioneller ebenso wie Laien fuhren etwa 65 Prozent der Lehrenden damit fort, dem Lernenden Stromschläge bis zur höchsten Intensität zuzufügen“ (Moti Nissani, „A Cognitive Reinterpretation of Stanley Milgram’s Observations on Obedience to Authority“, American Psychologist, 1990).

Immer wenn der Lernende einen Fehler machte, wurde dem Lehrenden befohlen, einen Hebel umzulegen, wodurch dem Lernenden ein Stromschlag zugefügt wurde. Nach jedem Fehler wurde die Intensität der Stromschläge erhöht, wobei die maximale Intensität bei 450 Volt lag.

In Wirklichkeit wurde dem Lernenden aber gar kein Stromschlag zugefügt. Den Lehrenden wurde gesagt, dass die Stromschläge höherer Intensität tödlich enden können. Neben ihnen stand ein ruhiger, selbstbewusster und Autorität ausstrahlender Wissenschaftler in einem langen weißen Mantel und befahl ihnen, die Intensität der Stromschläge zu erhöhen und sie zu verabreichen.

Alle Versuchsteilnehmer fügten den Lernenden wiederholt Stromschläge zu, und 65 Prozent machten von der höchsten Stufe Gebrauch – trotz der Schreie und der Bitten des schauspielernden Lernenden um Abbruch.

Das Experiment entsetzte die Menschen, weil es zu zeigen schien, dass der Durchschnittsmensch gar nicht so anders als die deutschen Bürger während des Zweiten Weltkriegs ist, die unter dem Einfluss und dem Befehl ihrer nationalsozialistischen Regierung bei der Verübung von Gräueltaten mitwirkten. Durch diesen und weitere ähnliche Versuche stellen wir fest, dass Menschen, die ansonsten gut und verantwortungsvoll sind, dazu bewegt werden können, gegen ihr Gewissen zu handeln und andere zu verletzen oder gegebenenfalls zu töten.

Ein Brandmal im Gewissen

Die Bibel spricht davon, dass man ein Brandmal im Gewissen haben kann. Paulus schrieb: „Der Geist aber sagt deutlich, dass in den letzten Zeiten einige von dem Glauben abfallen werden und verführerischen Geistern und teuflischen Lehren anhängen, verleitet durch Heuchelei der Lügenredner, die ein Brandmal in ihrem Gewissen haben“ (1. Timotheus 4,1-2, alle Hervorhebungen durch uns). Er schrieb auch: „Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern unrein ist beides, ihr Sinn und ihr Gewissen“ (Titus 1,15).

Menschen sind dazu fähig, einander schreckliche Dinge anzutun. Dies tun sie beispielsweise in der Hitze des Gefechts im Krieg, wobei sie ihr Gewissen verhärten. Manchmal tun Soldaten Dinge, die sie im Nachhinein nicht verstehen und sich nicht erklären können. Viele werden von Schuld und Reue zerfressen. Aber auch wenn kein Krieg ist, können Menschen in Stresssituationen gegen ihren Moralkodex verstoßen.

Unsere Welt hat die letzten 6000 Jahre experimentiert und sich vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen ernährt. Es ist eine sehr traurige Zeit und ein schmerzvolles Experiment gewesen. Die Welt hat einen Moralschaden davongetragen.

Ein gutes biblisches Beispiel eines Moralschadens ist das von König David. David begang einen Mord an Uria, was ihn den Rest seines Lebens verfolgte.

Die endgültige Lösung

Was ist die endgültige Lösung für all den Schmerz, die Leiden und Verletzungen, die sich Menschen jahrtausendelang zugefügt haben? Wie wird der Heilungsprozess des Denkens und des verletzten Gewissens beginnen?

Der einzig wahre Weg zur Behebung des Moralschadens ist die Wiederherstellung aller Dinge, die Wiederherstellung von Gottes Gesetz! Dies bedeutet die Entfernung von Sünde und die Einführung eines neuen Lebensweges. Es handelt sich um eine geistliche Lösung, eine Rückkehr zu Heiligkeit.

In der Welt von morgen wird das Gesetz Gottes in der ganzen Welt wiederhergestellt. „Denn das ist der Bund, den ich schließen will mit dem Haus Israel nach diesen Tagen, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz geben in ihren Sinn, und in ihr Herz will ich es schreiben und will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein“ (Hebräer 8,10).

Die weltweite Lösung, nämlich geistliche Heilung und Überwindung von Moralschaden und Sünde, besteht darin, dass jedem Menschen das Gesetz Gottes im Herzen anerzogen wird. Die Verwirklichung dieses Ereignisses wird mit der Rückkehr Jesu Christi zu dieser Welt beginnen. Eine neue Gesellschaft wird entstehen.

Die Reinigung durch Christus

Das Blut Jesu Christi reinigt unser Gewissen; es reinigt uns von unseren Sünden und von Unmoral und Moralschaden. Es ist eine geistliche Lösung.

Als Menschen, die den Plan Gottes für die Welt verstehen, müssen wir unsere Berufung ernst nehmen und danach handeln. Wir müssen ein reines Gewissen haben und Sünde sowie alle Arten moralischer Unreinheit aus unserem Leben entfernen, die unserer Psyche schaden können.

„Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, und haben einen Hohepriester über das Haus Gottes, so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser“ (Hebräer 10,19-22).

Auch wenn der Welt tragische Ereignisse bevorstehen, besteht die gute Nachricht darin, dass Gott eingreifen wird, um die Menschheit zu retten und sie auf seinen erfüllenden Lebensweg zu führen. Jesus Christus wird zurückkehren, um uns, seine Nachfolger, vom Tod aufzuerwecken und Gottes vollkommene Herrschaft auf Erden zu errichten.

Jesus lehrte uns beten: „Dein Reich komme.“ Wie dringend wir die Erhörung dieses Gebets und die Heilung dieser Welt von Sünde und Moralschaden brauchen!

– INTERN März-April 2018 PDF-Datei dieser Ausgabe

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