Die Lektion der Elefanten von Luangwa

Die Lektion der Elefanten von Luangwa © Wikimedia
Afrikanische Elefanten leben normalerweise in engen sozialen Gruppen oder in Familieneinheiten. Die Weibchen bleiben ihr ganzes Leben lang Teil ihrer Gruppe.

Die Zerstörung der Elefantenherden in Nordsambia führte zu einem Zerfall der sozialen Strukturen dieser majestätischen Geschöpfe. Darin bergen sich auch für uns Menschen traurige und ernüchternde Lektionen.

Von Rex Sexton

„Gift“ [Geschenk] war eine Waise. Sie war ungefähr fünf Jahre alt, als sie ins Lager von Mark und Delia Owens wanderte. Sie hatte keine Eltern, keine Tanten oder Onkel und wahrscheinlich auch keine Geschwister mehr.

Durch irgendein Wunder überlebte sie das Abschlachten, dem ihre Familie zum Opfer fiel. Von den späten 1970er bis Ende der 1980er Jahre erschossen gewerbsmäßige Wilderer fast 100 000 Elefanten im Nordluangwa-Nationalpark in Nordsambia – ungefähr 93 Prozent der dortigen Elefanten. Ihr Fleisch, ihre Haut und ihr Elfenbein wurden verkauft. Die sambische Regierung war machtlos gegenüber den professionellen Wilderern.

Zwei unverhoffte Retter

1986 kamen Mark und Delia Owens nach Sambia und starteten das „North Luangwa Conservation Project“ (NLCP) mit dem Ziel, den 6200 Quadratkilometer großen Nationalpark wiederherzustellen und zu erhalten. Die Owens hatten sich als Studenten an der University of Georgia kennengelernt und geheiratet. Sie verkauften alles, was sie konnten, packten ihre Rucksäcke und verbrachten sieben Jahre in Zelten in der botsuanischen Kalahari-Wüste. Sie studierten dort schwarzmähnige Löwen und die schwer fassbaren braunen Hyänen in einer Gegend, die so abgelegen ist, dass die meisten Tiere dort noch nie einen Menschen gesehen haben.

In Sambia wurden Mark und Delia von ihrer eigenen Stiftung und der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt unterstützt. Sie halfen dabei, das Wildern einzudämmen, indem sie den örtlichen Kundschaftern mit Ausrüstung, Fahrzeugen, Kommunikationsgeräten, einer Schule und finanziellen Anreizen aushalfen. Als Folge der Zusammenarbeit mit dem Paar wurden die Wildhüter des Nationalparks zu den besten in ganz Sambia.

Das NLCP betreute vierzehn Dörfer, die dafür berüchtigt waren, gewerbsmäßigen Wilderern Unterschlupf zu gewähren. Mark und Delia arbeiteten in diesen Dörfern, um kleine tragfähige Betriebe aufzubauen und auch andere Alternativen zum Wildern zu bieten, das zuvor die Haupteinkommensquelle in diesem Gebiet gewesen war.

Almosen wurden nicht verteilt, sondern rückzahlbare Mikrokredite für Geschäftsgründungen. Die Dorfbewohner wurden zum Anbau von zum Verkauf bestimmten Nahrungsmitteln und dem Erlernen der gewerblichen Landwirtschaft angehalten. Mehr als 2000 Familien im Zielgebiet des NLCP profitierten von diesem gemeinschaftlichen Entwicklungsprozess und den landwirtschaftlichen Hilfsprogrammen.

Das letztendliche Ziel des NLCP war die Entwicklung eines sanften Tourismus im Park. Diese Industrie sollte die Elefanten schützen und Dorfbewohnern, die früher für ihren Lebensunterhalt auf das Wildern angewiesen waren, eine Einnahmequelle bieten. Als Mark und Delia 1986 in North Luangwa ankamen, wurden jedes Jahr 1000 Elefanten und viele schwarze Nashörner gewildert. 1994 war es mit dem Wildern vorbei und die Herde konnte sich wieder erholen.

Das umfassende Wildern in den fast fünfzehn Jahren zuvor hatte entsprechenden Schaden angerichtet, wie Mark und Delia in einer fast zehnjährigen Studie über die Elefanten lernen sollten.

Die Zerrüttung der Sozialstruktur

Afrikanische Elefanten leben normalerweise in engen sozialen Gruppen oder in Familieneinheiten. Die Weibchen bleiben ihr ganzes Leben lang Teil ihrer Gruppe. Die Einheit wird von einem älteren, als Matriarchin bezeichneten Weibchen angeführt, das über 60 Jahre alt werden kann.

Mütter, Großmütter, Tanten, Schwestern, Cousinen suchen sich gemeinsam ihr Futter und spielen in den Flüssen. Die älteren weiblichen Elefanten bringen den jüngeren ständig mütterliches Verhalten bei. Sie fördern die Bindung zwischen Mutter und Kind, indem sie sie ständig berühren und ihre Körperteile reiben.

Die Tiere zeigen nur wenig aggressives Verhalten einander gegenüber. Junge Männchen bleiben in der Gruppe, bis sie zwischen neun und vierzehn Jahre alt sind. Dann verlassen sie die Gruppe, um sich eine Partnerin zu suchen. Erwachsene Männchen sind entweder Einzelgänger oder verbringen ihre Zeit mit nur wenigen anderen Männchen.

Die älteren Weibchen – vor allem die Matriarchin – halten die Familie zusammen und bringen den anderen Tieren bei, wie sie Wasser, Nahrung und Schutz finden und gut im Dschungel und der Savanne leben können. Elefanten gehören zu den sozialsten und kooperativsten Tieren auf Erden.

38 Prozent der Elefanten in Luangwa hatten keine Stoßzähne. Normalerweise haben ca. zwei Prozent aller afrikanischen Elefanten keine Stoßzähne, aber die Wilderer hatten den Genpool verändert. Sie hatten es gezielt auf Tiere mit Stoßzähnen, die sie als Elfenbein verkaufen konnten, abgesehen.

Schlimmer als die fehlenden Stoßzähne war, dass die Sozialstruktur der Tiere verändert wurde. Die Familieneinheiten waren kleiner und jünger. Vor dem Wildern waren mehr als die Hälfte der Elefanten über 20 Jahre alt, jetzt waren es nur noch sechs Prozent. Nur wenige Weibchen im besten Reproduktionsalter – 20-45 Jahre – waren am Leben geblieben.

Die Owenses erkannten, dass es keine weisen, alten Matriarchinnen mehr gab, die die Familieneinheiten führen konnten. Stattdessen wurden sie von Weibchen, die etwa fünfzehn Jahre alt waren, geführt. Manche Gruppen bestanden ausschließlich aus Waisen. Junge Männchen ohne eine Familienstruktur bildeten den Straßengangs vergleichbare Gruppen – sie jagten unwilligen Weibchen hinterher und bekämpften sich untereinander. Die Elefanten des Parks waren auf das Niveau einer Bande umherstreifender Teenager reduziert worden.

Die traurige Geschichte einer Waisen

Kommen wir jetzt auf „Gift“ zurück. Der Name war dem verwaisten Elefantenweibchen gegeben worden, das ins Lager der Owenses gewandert war. Sie hatte niemand, der sie trainierte, beschützte oder ihr beibrachte, wie sie sich verhalten sollte. Sie hatte sich zuvor einer der männlichen Gruppen aus halbwüchsigen Elefanten angeschlossen.

Normalerweise wäre sie erst später in die Nähe männlicher Elefanten gekommen. Die Ovulation setzt bei afrikanischen Elefanten erst im Alter zwischen elf und vierzehn Jahren ein und sie haben ihren ersten Nachwuchs normalerweise nicht, bevor sie mindestens sechzehn Jahre alt sind. Die Owenses beobachteten drei Jahre später erstaunt, dass Gift, jetzt erst acht Jahre alt, ein Baby hatte! Sie war erst halb so alt, wie es sonst für das Gebären sein sollte. Sie war zu einer alleinstehenden Mutter geworden, was in einer normalen Elefantenherde eine völlige Neuheit darstellte.

Als Folge des Wilderns bestand ein Viertel der „Elefantengruppen“ jetzt nur noch aus zwei Elefanten – einer jungen Mutter und ihrem Baby. Diese Babys sollten ohne die Liebe, den Schutz und das Beispiel älterer und weiserer Lehrer aufwachsen.

Weil sie jung und verwaist war, war Gift keine gute Mutter. Nur selten berührte sie ihr Baby oder spielte mit seinem Rüssel, was unter Elefanten ein emotionales Band schafft. Aber Gift und ihr Kleines waren nicht das einzige Mutter-Kind-Paar, das in dieser Hinsicht Schwierigkeiten hatte, so wie auch Gift nicht die einzige war, die ohne Familie aufwuchs.

Als Gift sechzehn wurde – das normale Alter für eine Erstgeburt – hatte sie bereits drei Junge und war auch schon eine Großmutter. Wie unterschiedlich ihr Leben doch verlaufen wäre, wenn sie von einer normalen Familie aufgezogen, betreut, trainiert und geliebt worden wäre.

Nur die Zeit wird zeigen, ob die Elefanten in Luangwa sich je wieder erholen werden und die Familienstruktur zurückgewinnen können, die ihnen seit Jahrtausenden Stabilität vermittelt hat. Aufgrund des Einsatzes der Owenses und des NLCP nehmen diese majestätischen Tiere wieder an Zahl zu. Es gibt Hoffnung für ihre Zukunft.

Eine Lektion für uns

Mark und Delia Owens haben die Bücher Cry of the Kalahari und The Eye of the Elephant veröffentlicht. Wenn Afrikaner lesen, welche unglaublichen sozialen Veränderungen bei diesen Elefanten bewirkt wurden, vergleichen sie die Symptome oft mit dem, was heute in Afrika als Folge der AIDS-Epidemie vor sich geht.

Ich stieß vor einigen Jahren während eines Aufenthalts in einer Jugendherberge in Livingstone in Sambia auf die Arbeit von Mark und Delia Owens. Meine Frau und ich waren nach Botsuana und Sambia gereist, um unsere älteste Tochter Hollie zu besuchen, die damals als Medizinstudentin im größten Krankenhaus in Gaborone in Sambia arbeitete.

Sie sagte uns, dass es in dieser Gegend sehr wenige Menschen im Alter zwischen 25 und 60 Jahren gibt, die noch am Leben sind. Überall im südlichen Afrika hat AIDS schweren Schaden verursacht. Ganze Dörfer sind verlassen und Waisen müssen für sich selbst sorgen oder werden von Angehörigen oder in Waisenhäusern erzogen.

Diejenigen von uns, die im Westen leben, können sich, wenn auch auf andere Weise, mit den Folgen einer zerstörten Familienstruktur identifizieren. Seit den 1960er Jahren haben in der westlichen Gesellschaft radikale soziale Veränderungen stattgefunden. Unsere Epidemie von ledigen Müttern und Gangs von jungen Männern, die gewalttätigen Aktivitäten nachgehen, erinnert auf unheimliche Weise an ähnliche Erfahrungen der Elefanten von Luangwa.

Die Familie ist entscheidend für das Überleben

Es war die Absicht unseres Schöpfers, dass die Familienstruktur der Elefanten ihnen Stabilität, Sicherheit und lebenslange enge Beziehungen eröffnen sollte. Sie schafft auch die Möglichkeit, den Jungen zu vermitteln, wie sie sich als Erwachsene zu verhalten und zu handeln haben. Das Gleiche gilt für die Familienstruktur, die Gott für die Menschheit entworfen hat.

Jesus Christus hat in direkter Weise bestätigt, dass unser Schöpfer, da er der Urheber der Ehe ist, die Familie als Basiseinheit für die Menschen entworfen hat: „Habt ihr nicht gelesen: Der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und sprach: Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein?“ (Matthäus 19,4-5).

Jesus fügte dann noch hinzu: „So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden“ (Vers 6). Leider gab es während der letzten Generation unerbittliche Angriffe gegen die Einrichtung der Ehe, wobei in vielen Fällen das auseinandergerissen wurde, was Gott eingesetzt und zusammengefügt hat. In einer bestimmten Weise unterscheidet sich das nicht so sehr vom Wildern.

Einige Jahrzehnte nach Jesu Bestätigung der Ehe fügte der Apostel Paulus hinzu, dass das fünfte Gebot – „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ – „das erste Gebot [ist], das eine Verheißung hat“ (Epheser 6,2). Und was ist diese Verheißung? „Dass du lange lebest und dir’s wohlgehe“ (5. Mose 5,16).

Wie sieht es in Ihrem Leben aus? Geht es Ihnen wohl?

Eine positive, liebevolle Familie ist der größte Segen sowohl für Erwachsene als auch für Kinder. Das trifft auf Elefanten zu und es trifft auch auf Menschen zu. Wenn diese familiäre Umgebung fehlt, erleben wir das Gleiche, was die Elefanten in North Luangwa durchgemacht haben.

– Gute Nachrichten Juli-August 2011 PDF-Datei dieser Ausgabe

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