„Ihr seid Götter“:
Hat Jesus gelästert?

"Ihr seid Götter": Hat Jesus gelästert? © Aaron Burden/Unsplash
Christus fragte seine Landsleute, warum sie sich aufregten, dass er sich selbst lediglich als Sohn Gottes bezeichnete, da die Heilige Schrift Menschen klar Götter nennt.

Jesu Zuhörer entsetzten sich, als er seine göttliche Identität verkündete und einen Vers zitierte, in dem die Menschen „Götter“ genannt werden. In der Tat ist Gott, wie die Bibel zeigt, eine Familie.

Von Tom Robinson

In einem früheren Beitrag dieser Artikelreihe sahen wir, wie die Juden Jesus der Gotteslästerung beschuldigt haben, weil er behauptete, der Sohn Gottes zu sein: „Du bist ein Mensch und machst dich selbst zu Gott“ (Johannes 10,33).

Seine Antwort ist faszinierend: „Jesus antwortete ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter? Wenn er die Götter nennt, zu denen das Wort Gottes geschah – und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden –, wie sagt ihr dann zu dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott –, weil ich sage: Ich bin Gottes Sohn?“ (Johannes 10,34-36).

Mit anderen Worten: Christus fragte seine Landsleute, warum sie sich aufregten, dass er sich selbst lediglich als Sohn Gottes bezeichnete, da die Heilige Schrift Menschen klar Götter nennt.

Sind Menschen aber tatsächlich Götter? Was hat er gemeint?

In Psalm 82, Vers 6, aus dem Jesus zitierte, sagte Gott zu Menschen: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter und Kinder des Höchsten“ („Neues Leben“-Übersetzung). Das hebräische Wort, das hier mit „Götter“ übersetzt wird, ist elohim, was buchstäblich „Götter“ oder „Mächtige“ bedeutet – auch wenn es in der Bibel in der überwiegenden Mehrheit der Fälle mit „Gott“ (der wahre Gott) wiedergegeben wird. Der Grund dafür ist, dass das Wort elohim, obwohl es einen Plural anzeigt, oft in der Einzahl verwendet wird.

Manche haben argumentiert, dass das Wort in diesem Kontext mit „Richter“ übersetzt werden sollte. Aber die ursprünglichen Manuskripte des Neuen Testaments übersetzen Christi Zitat in Johannes 10 mit dem griechischen Wort theoi – „Götter“. Es ist in der Tat offensichtlich, dass Jesus „Götter“ gemeint haben muss. Wenn er nur „Richter“ gemeint hätte, wäre seine Logik nicht folgerichtig gewesen. Es hätte dann gelautet: „Wenn die Schrift die Menschen Richter nennt, warum seid ihr dann darüber aufgebracht, dass ich behaupte, der Sohn Gottes zu sein?“ Das ergibt keinen Sinn. Nur wenn das Wort mit „Götter“ übersetzt wird – und auch so verstanden wird –, ist Christi Logik folgerichtig.

Ist es aber legitim, Menschen als Götter zu bezeichnen, wie Jesus es tat?

Ein Familienverhältnis angedeutet

Das Schlüsselwort in Psalm 82 ist Kinder. Es ist wichtig zu verstehen, dass Gott eine Familie ist. Es gibt einen Gott (die Gottfamilie). Diese Familie besteht aber aus mehr als nur einem göttlichen Wesen.

Wie in unseren Publikationen wiederholt erklärt wird, bestand die Gottfamilie von Anfang an aus zwei göttlichen Wesen – Gott und Gott, das Wort (Johannes 1,1-3). Das „Wort ward Fleisch“ als der Sohn Gottes, Jesus Christus (Vers 14). Nach seinem Tod wurde er wieder zu einer geistlichen göttlichen Existenz als „der Erstgeborene von den Toten“ (Kolosser 1,18) und der „Erstgeborene unter vielen Brüdern“ (Römer 8,29) auferweckt. Christus erfuhr daher in der Auferstehung eine geistliche Geburt als der Erste von vielen „Brüdern“ oder Kindern, die danach folgen sollten.

Von Anfang an war es Gottes Absicht, seiner Familie viele Kinder hinzuzufügen. In 1. Mose 1 sagte Gott: „Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei“ (Vers 26; alle Hervorhebungen durch uns). Wie sollen wir es verstehen, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild und seiner Ähnlichkeit schuf? In 1. Mose 5, Vers 3 lesen wir, dass der erste Mensch Adam einen Sohn zeugte, den er Set nannte. Er war „ihm gleich und nach seinem Bilde“. Gott will sich also im Grunde durch die Menschheit fortpflanzen.

Paulus sagte den Athenern: „Denn in ihm leben wir und bewegen uns und sind wir, wie auch einige eurer Dichter gesagt haben: Denn wir sind auch sein Geschlecht“ (Apostelgeschichte 17,28).

Psalm 82 lässt sich viel leichter in diesem Kontext verstehen. In Vers 6 wird das Wort „Götter“ den „Kindern des Höchsten“ gleichgesetzt. Das ist sehr stimmig. Wenn ein Wesen Nachwuchs gebärt, dann ist der Nachwuchs von der gleichen Art. Der Nachwuchs von Katzen sind Katzen. Der Nachwuchs von Hunden sind Hunde. Der Nachwuchs von Menschen sind Menschen. Der Nachwuchs von Gott sind „Götter“.

Aber wir müssen hier vorsichtig sein. Menschen sind nicht buchstäblich Götter – auf jeden Fall nicht zu dieser Zeit. Tatsächlich sind die Menschen ursprünglich noch nicht Gottes geistliche Kinder, obwohl Gott sie nach seinem Bild erschaffen hat.

Gott ist ewiger Geist. Menschen sind sterbliches Fleisch, haben aber einen geistlichen Bestandteil – den menschlichen Geist, der uns unsere Verstandeskraft ermöglicht. So können wir verstehen, was Gott wirklich in Psalm 82 gesagt hat.

Die Menschen, die Gott hier als elohim angesprochen hat, nahmen als Richter die Stelle Gottes ein (Vers 1). Gott weist sie aber für ihre ungerechten Urteile und ihr Unverständnis zurecht (Verse 2-5). In Vers 6 jedoch, dem Vers, den Jesus zitiert hat, bestätigt Gott, dass sie in der Tat elohim sind. Vers 7: „Ihr werdet sterben wie Menschen und wie ein Tyrann zugrunde gehen.“

Sie waren also, als physische Menschen, die dem Tod ausgeliefert waren, nur elohim in einem begrenzten Sinn – in dem Sinn, dass sie nach dem Bild Gottes bzw. ihm ähnlich geschaffen wurden. Damit hatten sie das Potenzial, letztendlich das gleiche Wesen zu werden, das Gott, der Vater, und Christus heute sind.

Gott, der „das Nichtseiende ruft, wie wenn es da wäre“ (Römer 4,17; Elberfelder Bibel), sieht seinen Vorsatz mit den Menschen so, als wäre er bereits verwirklicht. Gott hat die Absicht, uns auf die gleiche Ebene von göttlicher Geistexistenz zu erhöhen, die er innehat!

Wohin führt die Entwicklung?

Unsere Bestimmung erfolgt in einem Prozess der geistlichen Fortpflanzung, in dem Gott uns als seine Kinder zeugt. Es beginnt damit, dass sein Geist sich mit unserem menschlichen Geist vereint: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind“ (Römer 8,16). Durch diese geheimnisvolle Vereinigung erhalten wir „Anteil an der göttlichen Natur“ (2. Petrus 1,4).

Deshalb ist ein vom heiligen Geist gezeugter Christ ein Kind Gottes, ein wirkliches Mitglied von elohim, der Familie Gottes – aber noch nicht im endgültigen Sinne. Denn es findet noch ein Entwicklungsprozess statt, den wir in diesem Leben durchlaufen müssen. Am Ende dieses Lebens, zur Zeit der Auferstehung bei der Rückkehr Christi, werden wahre Christen in göttliche Geistwesen verwandelt werden und wie der Vater und Christus sein.

Der Apostel Johannes schrieb: „Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1. Johannes 3,2). Wir werden die Herrlichkeit des Vaters und Christi empfangen (Römer 5,2; 1. Petrus 5,10; 1. Thessalonicher 2,14; Kolosser 1,27).

Als Miterben Christi werden wir die Herrschaft über alle Dinge erhalten, das gesamte unermessliche Universum eingeschlossen – eine Herrschaft, wie Christus sie innehaben wird (Römer 8,17; Hebräer 2,5-9; Offenbarung 21,7). Die Herrschaft über alle Dinge auszuüben erfordert die Allmacht unseres Schöpfers.

Wie sieht es mit unserem Verstand aus? Als Menschen könnten wir die einzelnen Sterne nie zählen. Gott aber hat in einer beiläufigen Bemerkung gesagt, dass er alle Sterne beim Namen kennt (Psalm 147,4). Erstaunlicherweise sagt Paulus: „Jetzt erkenne ich unvollkommen, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin [von Gott]“ (1. Korinther 13,12; Einheitsübersetzung). Das zeigt, dass wir Zugang zur Allwissenheit Gottes haben werden. Und warum nicht? Schließlich wird uns dann der heilige Geist, der Verstand Gottes, uneingeschränkt zur Verfügung stehen.

Wir werden in der Tat, wie Jesus, zuletzt „von der ganzen Fülle Gottes erfüllt“ werden (Epheser 3,19; vgl. Kolosser 1,19; 2,9). Wie kann jemand mit der vollen Fülle Gottes erfüllt sein und irgendetwas weniger sein als Gott? Deshalb werden wir, bei unserer letztendlichen Verwandlung, göttlich werden – obwohl der Vater und Christus auf alle Ewigkeit größer sein werden, als wir es sind.

Die Lehre der Vergöttlichung

Diese wunderbare Wahrheit ist für diejenigen, die nur die Sicht des abgewandelten Christentums unserer Zeit gehört haben, schockierend. Solche Menschen wären überrascht zu erfahren, dass viele der frühen „Kirchenväter“, die in den ersten Jahrhunderten nach dem Tod der Apostel Jesu gelebt haben, diese unglaubliche Wahrheit zumindest teilweise verstanden haben.

Sehen wir uns zum Beispiel Paragraph 460 des gegenwärtigen Catechism of the Catholic Church (1995) an, wobei die Fußnoten in Klammern angegeben sind:

„Das Wort wurde Fleisch, damit wir ,Anteil an der göttlichen Natur‘ (2. Petrus 1,4) haben sollten: ,Das Wort wurde deshalb ein Mensch und der Sohn Gottes wurde zum Menschensohn, damit der Mensch, nachdem er in Gemeinschaft mit dem Wort eingetreten ist und damit die göttliche Sohnschaft erhalten hat, zu einem Sohn Gottes werden würde‘ [St. Irenaeus, Adv. haeres. 3, 19, 1: PG 7/1, 939]. ,Denn der Sohn Gottes wurde Mensch, damit wir Gott werden können‘ [St. Athanasius, De inc., 54, 3: PG 25, 192B]. ,Der eingeborene Sohn Gottes, der wollte, dass wir an seiner Göttlichkeit Anteil haben, nahm unsere Wesensart an, damit er, zu einem Menschen gemacht, Menschen zu Göttern machen konnte‘ [St. Thomas Aquinas, Opusc. 57:1-4]“ (Seite 128-129).

Es gibt auch die erstaunliche Deutung des frühen katholischen Theologen Tertullian, der um 200 n. Chr. Folgendes schrieb:

„Es wäre unmöglich, einen anderen Gott einzuführen, da es keinem anderen Wesen gestattet ist, irgendetwas von Gott innezuhaben. Da sagen Sie dann, dass wir angesichts dessen selbst nichts von Gott besitzen können. Aber in Wirklichkeit tun wir es und werden es auch weiterhin tun. Wir erhalten das allerdings von ihm und nicht von uns selbst. Wir werden sogar Götter sein, wenn wir es wert sein werden, zu denen zu gehören, von denen er gesagt hat ,Ich habe gesagt: Ihr seid Götter‘ und ,Gott steht in der Versammlung der Götter‘. Dies kommt aber von seiner Gnade, nicht von irgendeiner Eigenschaft in uns. Denn nur er allein kann Götter schaffen“ (Ante-Nicene Fathers, Band 3, Seite. 480, zitiert in „Deification of Man“ David Bercot, Herausgeber, A Dictionary of Early Christian Beliefs, 1998, Seite 200).

Natürlich ist das Christentum keine polytheistische Religion. Es gibt nur einen Gott. Der Begriff Götter dient in Wahrheit dazu, mehrere Gottwesen zu unterscheiden, die den einen Gott ausmachen – den einen Gott, was die Gottfamilie bedeutet. Wie bereits erwähnt, gibt es zurzeit zwei vollkommene Mitglieder dieser göttlichen Familie – zwei eigenständige Wesen – Gott, den Vater, und Gott, den Sohn, Jesus Christus. So unglaublich dies erscheinen mag, wird diese Familie später mehr Angehörige haben!

In der Tat gibt es bereits viele, die angehende Mitglieder dieser Familie sind. Durch den heiligen Geist, der in ihnen wohnt, haben sie einen kleinen Anteil des Göttlichen erhalten. Sie befinden sich in einem Prozess der Vollendung, jedoch sind sie noch nicht wahrhaft göttlich. Aber eines Tages werden sie es sein, wenn sie bis zum Ende ihres Lebens treu bleiben. Die gesamte Menschheit – alle, die dazu bereit sind – wird letztendlich die Gelegenheit bekommen, den gleichen Prozess zu erleben.

„Ich werde euch annehmen und werde euch Vater sein, und ihr werdet mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige“ (2. Korinther 6,17-18). Gott meint, was er sagt. Gott wird sich nicht für immer vormachen, dass wir seine Kinder sind, wenn wir es nicht wirklich sind. Nein, es ist die Absicht des Vaters, uns zu seinen Kindern zu machen bzw. uns in Wesen zu verwandeln, die Jesus Christus gleich sind (1. Johannes 3,2).

Wenn gerettete Menschen wahrhaft als echte Kinder Gottes – als Angehörige der Gottfamilie – auf die Gottebene erhöht worden sind, werden sie niemals die Vorrangstellung des Vaters oder Christi als Oberhäupter der Familie in Frage stellen. Sie werden Jesus immer untertan sein, und Jesus selbst wird dem Vater untertan sein (siehe 1. Korinther 15,24-28). Deren Stellung an der Spitze der Familie wird durch die Erweiterung dieser Familie um Milliarden von göttlichen Kindern niemals in Frage gestellt oder bedroht werden.

Das ist die Bestimmung, die Gott für die gesamte Menschheit vorgesehen hat! Wir wurden zu einem Ehrfurcht gebietenden Zweck geschaffen. In die Zukunft blickend, wies Jesus auf die Erfüllung dieser Bestimmung hin, indem er Psalm 92 zitierte: „Ich habe gesagt: Ihr seid Götter.“

– Gute Nachrichten Januar-Februar 2012 PDF-Datei dieser Ausgabe

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