Wenn du dich mit deinen Eltern nicht verstehst

Wenn du dich mit deinen Eltern nicht verstehst © Kyle Broad/Unsplash
Meinungsverschiedenheiten zwischen Teenagern und ihren Eltern sind vielfältig, ob es nun um Partys, Zensuren, die Zimmerordnung, die Länge von Telefonaten oder die Kosten des Handys geht.

Claudia ist wütend auf ihre Eltern. Sie hält sie für zu streng. „Ich darf spätabends nicht mehr telefonieren“, beklagt sie sich. „Ich muß während der Schulzeit abends schon um 10 Uhr im Bett sein. Aber ich brauche keine acht Stunden Schlaf mehr. Warum sehen meine Eltern das nicht?“

Holger hat seit zwei Tagen nicht mit seinen Eltern gesprochen. „Sie vermiesen mir das Leben, weil ich so super früh zu Hause sein muß“, sagt er. „Ich kann um 19.30 Uhr nicht mehr ins Kino gehen, weil meine Eltern darauf bestehen, daß ich um 21 Uhr wieder zu Hause bin. Das ist total lächerlich.“

Claudia und Holger sind nun wirklich nicht die ersten Teenager, die mit ihren Eltern aneinander geraten. Du, ein Teenager, kämpfst für deine Unabhängigkeit. Deine Eltern kämpfen darum, dich vor Schwierigkeiten zu bewahren. Sie können aufgrund ihres Alters aus einer Perspektive der Erfahrung und Weitsicht reden und handeln. Sie versuchen, dich entsprechend zu leiten, bis du für eigene Entscheidungen alt genug bist.

„In gewisser Hinsicht haben Teenager und Eltern eine ähnliche Vorgehensweise“, sagt Dr. Kathleen Galvin, Professorin der Kommunikationsstudien an der Northwestern Universität. „Eltern konzentrieren sich wahrscheinlich mehr nach innen, nämlich auf das Familiengeschehen, während die meisten Teenager beginnen, sich nach außen zu wenden, indem sie sich mehr und mehr von ihren Freunden und der Umwelt beeinflussen lassen.“

Deshalb gibt es so oft Streit zwischen Teenagern und ihren Eltern, über die abendliche Ausgeherlaubnis und schulische Leistungen, über die Ordnung in ihrem Zimmer und die Wahl des Freundeskreises. Wenn du vielleicht denkst, daß deine Eltern zu streng sind, weil du den Telefonhörer auflegen sollst, obwohl du „nur“ drei Stunden telefoniert hast, sollte das anschließende Gespräch über den richtigen Gebrauch des Telefons nicht in einen großen Streit münden.

Hier sind einige Vorschläge, wie ihr mit euren Meinungsverschiedenheiten umgehen könntet:

Versuche, deine Eltern kennenzulernen

Du kannst viele Mißverständnisse vermeiden, wenn du einfach mehr über deine Eltern in Erfahrung bringst. „Ich dachte, es sei gemein von meinem Vater, mich nicht auf dem See Schlittschuh laufen zu lassen“, gibt Maren zu, 14 Jahre. „Aber dann erzählte mir mein Vater, wie sein bester Freund fast ertrunken wäre, als sie als Teenager Eishockey auf einem See spielten, der noch nicht vollständig zugefroren war. Der Freund meines Vaters lief über eine dünne Stelle und brach ein. Jetzt verstehe ich, warum mein Vater so besorgt um mich war.“

Nimm dir Zeit, mit deinen Eltern zu sprechen und lerne sie besser kennen. Wie war es, als sie Teenager waren? Was haben sie unternommen, um Spaß zu haben? Hatten sie viele Freunde? Wie war es in der Schule? Finde heraus, ob die Erfahrungen deiner Eltern etwas mit der Art und Weise zu tun haben, wie sie mit Konflikten umgehen und warum sie gewisse Hausregeln aufstellen. Versuche herauszufinden, warum sie gewisse Sachen tun, und warum sie auf gewisse Art reagieren.

Je mehr du über das Leben deiner Eltern herausfindest, desto besser wirst du mit ihnen in Zukunft auskommen können.

Erlaube deinen Eltern, dich kennenzulernen

Stelle dir vor, du sitzt beim Abendbrot. Deine Mutter fragt dich, wie die Schule gewesen ist, und du antwortest: „Gut.“

Dein Vater fragt dich nach deinen Wochenendplänen und du sagst: „Ich weiß nicht.“

Deine Mutter fragt, wie es deinen Freunden geht, und du antwortest: „OK.“

„Mit solchen kurzen Antworten, schließt du deine Eltern aus und sie sind nicht in der Lage, dein Verhalten auf irgendeine Weise beurteilen zu können“, sagt Dr. Galvin. „Deine Eltern werden weniger geneigt sein, gewissen Privilegien zuzustimmen oder eine Erlaubnis zu erteilen, wenn sie für diese Entscheidung nicht genügend Informationen haben: Sie kennen deine Freunde nicht; sie kennen deine Meinung über gewisse Themen nicht oder wie du mit deinen Freunden umgehst.“

Teenager mit einem guten Verhältnis zu ihren Eltern sprechen über ihren Alltag. Die Eltern sind nur dann in der Lage zu verstehen, was in ihren Kindern vorgeht. Erzähle deinen Eltern von der Schule. Stelle sie deinen Freunden vor. Rede mit ihnen über Ereignisse in den Nachrichten. Erzähle ihnen, was du magst und warum. Stelle Fragen und höre ihren Antworten zu.

Kurz gesagt, rede mit ihnen. Je mehr sie über dich wissen, desto besser können sie einschätzen, wie du denkst. So können sie dir besser vertrauen.

Es ist der Wunsch eines jeden Teenagers, so viel Vertrauen zu erhalten, daß er eigene Entscheidungen treffen darf. Doch Vertrauen muß man sich verdienen. Vertrauen ist schwer zu erlangen und leicht zu verlieren, und unvernünftige Entscheidungen und Handlungen zeigen deinen Eltern, daß du noch nicht die nötige Reife besitzt. Wenn du in einem Punkt das Vertrauen deiner Eltern erworben hast, solltest du alles vermeiden, was dieses Vertrauen erschüttern könnte.

Schwierigkeiten voraussehen

Nutze eine entspannte Atmosphäre für das Gespräch mit deinen Eltern. Teile deine Sorgen mit ihnen und besprich die Aktivitäten, an denen du teilnehmen möchtest, die Wünsche, die dir auf dem Herzen liegen und was du in den Sommerferien unternehmen möchtest.

Frage deinen Vater nicht erst am Samstagnachmittag, ob du an diesem Abend später nach Hause kommen darfst, wenn du eine positive Antwort hören möchtest. Plane deshalb im voraus und trage deine Bitte so früh wie möglich vor. Du mußt mit einer Absage rechnen, wenn sich deine Eltern überrumpelt fühlen müssen, weil du erst im letzten Moment gefragt hast. Aber wenn sie einige Tage Zeit haben, sich die Sache zu überlegen, wirst du eher eine positive Antwort bekommen. Wenn du deinen Eltern so viel Respekt zeigst, sind sie eher geneigt, dir einen Gefallen zu erweisen.

Versuche die Dinge aus der Sicht deiner Eltern zu sehen und überlege dir die Fragen, die sie stellen könnten. Überlege dir dein Anliegen im voraus. Deine Chancen für ein „Ja“ stehen besser, wenn du deine Eltern von deinen Plänen überzeugen kannst. Wenn es viele Lücken und Unsicherheiten in deinen Plänen gibt, wirst du die Sorgen deiner Eltern nicht aus dem Wege räumen können.

Sei bereit zu verhandeln

„Nachdem ich meinen Führerschein bekommen hatte, fragte ich meine Mutter, ob ich ihren Wagen benutzten könnte, um einige Freunde zur Schulfete zu fahren“, sagte Sarah, 16 Jahre alt. „Als meine Mutter danach fragte, welche Freunde mitfahren würden, wollte ich es ihr nicht sagen. Sie gab mir deshalb nicht das Auto, und ich konnte nicht zur Fete. Am nächsten Tag mußte ich mir anhören, wieviel Spaß die anderen gehabt haben, und ich wünschte mir, daß ich meiner Mutter etwas entgegengekommen wäre.“

Du wirst dich auf Enttäuschungen gefaßt machen müssen, wenn du erwartest, daß die Dinge immer so laufen, wie du es dir vorstellst.

Was ist wirklich wichtig?

Was ist für dich wirklich von Bedeutung? Die Benutzung des Familienautos? Die Skiferien mit deinen Freunden? Eine ausgedehnte Ausgangserlaubnis? Eine Anhebung des Taschengeldes? Das Beendigen der Klavierstunden? Wenn du deine Eltern ständig mit Beschwerden überfällst, wird das Leben zu Hause weder für sie noch für dich angenehm sein.

Einige Teenager meinen, ständig auf ihre „Rechte“ pochen zu müssen, und bauschen dadurch Dinge auf, die wirklich nicht so wichtig sind. Lerne die kleinen, unausweichlichen Unbequemlichkeiten und Enttäuschungen zu akzeptieren. Wenn du dann ein Problem mit deinen Eltern diskutierst, wissen sie, daß diese Thema dir besonders am Herzen liegt.

Sie stehen auf deiner Seite

„Als ich meiner Mutter von der Party erzählte, auf die ich gehen wollte, fragte sie mich sofort, wer auch da sein würde. Würde ein Elternteil anwesend sein? Wie spät wird es werden? Es war, als ob sie nicht wollte, daß ich daran teilnehme, und als ob es ihr egal wäre, ob ich Spaß habe. Ich will ja nur wie alle anderen sein und etwas Abwechselung haben“, sagt Mark, 15 Jahre alt.

Obwohl du es heute vielleicht nicht so siehst, sind deine Eltern doch auf deiner Seite. Sie passen zwar auf dich auf, sind aber nicht darauf aus, dir schöne Dinge zu verbieten.

Deine Eltern sind dafür verantwortlich, dir dabei zu helfen, richtige Entscheidungen zu treffen, bis du auf eigenen Füßen stehst. Sie wollen, daß du deine Teenagerzeit genießt. Sie wollen, daß du ein gesunder, erfolgreicher Erwachsener wirst. Doch manchmal kann es sein, daß sich ihre Meinung von deinen Wünschen unterscheidet. Auch wenn ihr euch manchmal nicht versteht, sie sind deine Eltern und sie sorgen sich um dich.

– Gute Nachrichten September-Oktober 2002 PDF-Datei dieser Ausgabe

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